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Eine instabile Situation

Von Jacques Ungar, January 21, 2011
Die Geschehnisse in Tunesien haben viele der rund 1500 lokalen Juden – 1100 von ihnen leben auf der Insel Djerba, 300 in der Hauptstadt Tunis, der Rest in anderen Städten und Ortschaften – aus ihrem während Jahrzehnten geträumten Traum von der friedlichen Koexistenz mit der muslimischen Umgebung wachgerüttelt.
«RCD GO TO HELLl» Protestkundgebung gegen die Partei des geflohenen Präsidenten Ben Ali am vergangenen Dienstag in Tunis

Die Jewish Agency (JA) liess diese Woche durchblicken, dass sie gerüstet sei für eine eventuelle grössere Einwanderungswelle tunesischer Juden. Im Jahr 2010 zählte man noch 16 Immigranten aus diesem nordafrikanischen Land, seit der Staatsgründung 1948 haben sich insgesamt über 42 000 Juden aus Tunesien in Israel niedergelassen. Sie habe derzeit zwar keinen Emissär in Tunesien stationiert, meinten die Verantwortlichen der JA, doch sei sie in der Lage, dies nötigenfalls kurzfristig zu ändern. Dem Vernehmen nach plant die JA, interessierten tunesischen Juden einen «Schnupperbesuch» in Israel zu offerieren, der an keine Verpflichtung geknüpft sei, die Alija auch tatsächlich zu verwirklichen.



Zwiespältiges Bild

Die von israelischen Medien zitierten jüdischen Stimmen aus Tunesien ergeben ein zwiespältiges Bild. Einerseits versucht man vor allem von den vom Tourismus lebenden Bewohnern auf Djerba den Eindruck zu vermitteln, die gemässigten Tunesier sässen mit den Juden des Landes im gleichen Boot. Andererseits aber meinte ein in der Hauptstadt Tunis lebender Jude gegenüber «Haaretz», ihm und seinen Glaubensgenossen würde wohl keine Alternative als die Auswanderung nach Israel bleiben, sollte die Lage in Tunesien sich nicht stabilisieren. «Heute ist nichts gewiss in Tunesien. Das Land steht an der Schwelle der Krise – keine Sicherheit, kein Essen, keine Arbeit.»
Starke Aufmerksamkeit schenkten die einheimischen Medien auch den Berichten von israelischen Touristengruppen, die in Tunesien von den Unruhen überrascht worden sind. Besonders dramatisch verlief die Rückkehr einer 20-köpfigen Gruppe, die stundenlang von tunesischen Polizisten mit entsicherten Waffen im Schach gehalten wurde, schliesslich aber via Djerba, Frankfurt und Istanbul Tel Aviv erreichte, ohne Schaden genommen zu haben. Tour-Guide Menachem Abadi nach der Landung auf dem Ben-Gurion-Flughafen: «Es handelt sich um einen wirtschaftlich motivierten Protest, und die Vernunft ist stärker als der Fanatismus. Das Land wird die Demonstrationen unter Kontrolle bringen.» Wie andere Reiseführer denkt auch Abadi schon an die nächste Tunesienreise die, wie er meinte, bestimmt kommen wird.

Flächenbrand?

Die meisten Hintergrundberichte und Kommentare in den israelischen Medien stellen die Frage in den Raum, ob die tunesische Revolution, die erste effektiv vom Volk gestartete und getragene Revolution im arabischen Raum, sich flächenbrand­artig ausbreiten wird. Eine Karikatur in der «Jerusalem Post» etwa fasst dies optisch zusammen: Präsident Hosni Mubarak, Jordaniens König Abdullah II. und der algerische Präsident Abd al-Aziz Bouteflika halten sich mit Mühe noch auf wackligen Fahnenmasten, während ihr tunesischer Kollege Ben Ali mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegt.
Die Frage allerdings, ob auf die Revolutionen eine Phase der Demokratisierung oder einfach neue Diktaturen beziehungsweise eine radikale Islamisierung folgen, lassen Israels Medien zunächst ebenso offen wie die Frage nach möglichen Auswirkungen auf die Stabilität in der Region, zu der ja auch Israel gehört.   



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