«Ein ganz absonderliches Abenteuer …»
Wenn man um 1900 aus der Synagogenstrasse – wo die Synagoge der orthodoxen Juden stand – in die Flachsmarktstrasse einbog, fand man auf der linken Seite die Konditorei Steiermann; in dem dazugehörigen Café sassen die Mainzer gern und liessen sich die guten Torten schmecken. Nach dem Flachsmarkt standen auf der rechten Seite die Grossbank Lebrecht und Benfey. Auf dem Flachsmarkt selbst befindet sich heute noch das bedeutende Teppichunternehmen Ganz. Rechterhand, nach Passieren des international bekannten Antiquitätengeschäftes der Gebrüder Reiling – hier erstand der kunstsinnige Herzog Ernst Ludwig so manche Kostbarkeit aus alter Zeit –, war das führende Haus für vornehme Damenbekleidung der Gebr. Kaufmann. Das ganze Strassenbild war beherrscht vom Bau des Warenhauses Leonhard Tietz.» So berichtet Carl Heerdt in einem Beitrag über «Jüdische Geschäfte im alten Mainz» («Das neue Mainz», 4/1962).
Das Warenhaus von Leonhard Tietz (später Kaufhof) lag genau gegenüber dem erwähnten Antiquitätengeschäft Reiling, welches vom Vater und vom Onkel der Schriftstellerin Anna Seghers geführt wurde. Immer wieder spätestens seit den ausgehenden zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat das Warenhaus als «Ort», zuweilen als «Ausgangspunkt» der Handlung einer Geschichte, in die Handlung eines Romans, einer Erzählung Eingang gefunden.
Eines der frühesten Beispiele der «Warenhausliteratur» ist der – wie das Warenhaus traditioneller Prägung selbst auch – ein wenig aus der Mode gekommene, seinerzeit aber erfolgreichste – Erzählband des Schriftstellers Joseph Breitbach.
Ende 1928 erschien unter dem Titel «Rot gegen Rot» ein Band mit drei Erzählungen eines bis dahin unbekannten Autors – Joseph Breitbach. Dabei handelt es sich um überaus realistische Erzählungen unter anderem aus dem Warenhausalltag, wo Breitbach, nach Abbruch der Schule, in der Buch- und Musikalienabteilung des Warenhauses Tietz in Koblenz, danach bis Ende 1928 im Warenhaus Landauer in Augsburg Anstellung gefunden hatte. Die überaus realistische Darstellung, in welcher sich einige Mitarbeiter wiedererkannten, führte zur Entlassung des jungen Autors. In der Figur eines Mitarbeiters der Büchereiabteilung hat sich Breitbach selbst dargestellt: «Und der faule Verkäufer der Büchereiabteilung! Man traut seinen Augen kaum, bedient wahrhaftig einmal fleissig einen Kunden. Mit beiden Händen, nach zwei Seiten zugleich, teilt er seine Schätze aus und lacht dabei.»
Die Veröffentlichung erregte Aufsehen über Augsburg hinaus. Die «Neue Zeitung» in München etwa berichtete Ende Januar 1929: «Am 3. Dezember erschien unter dem Titel ‹Rot gegen Rot› ein Band Warenhausgeschichten. Der Autor, ein Angestellter des Warenhauskonzerns Landauer, hat in seinen Erzählungen die Kulissen des Warenhauses ein wenig beiseite geschoben, hat gezeigt, dass hinter der schreienden Reklame, hinter den dekorativen Schaufensterbehängen, hinter der bunten Drapierung der Räume, krasse Ausbeutung, Überstundensystem ohne Bezahlung, Nadelstiche und Schikanen der Abteilungsleiter und Rayonchefs und deren Gelüste stehen, ihre Machtbefugnisse auch ausserhalb des Betriebes auf das weibliche Personal auszudehnen.»
Neues Genre
Max Brod rezensierte das Buch im «Prager Tagblatt» wenige Tage nach Erscheinen: «Ein Liftjunge im grossen Warenhaus liebt eine Verkäuferin, Abteilung Damenkonfektion. Die einfache Sprache des Lebens, Konflikt mit der (kommunistischen) Partei, wankende Moral und das einfache Herz, das ohne besonderen romantischen Aufwand die Sache so zu Ende führt, das in dieser elenden Welt eben doch noch knapp gelebt werden kann. Ein Buch der Tatsachen. Die Tatsachen sprechen ein Argot, das gelernt sein will. Aus diesem Buch eines jungen Erzählers ist viel zu lernen.»
Da Breitbach zur Zeit der Arbeit an diesen Erzählungen selbst in einem Warenhaus arbeitete, wusste er genau, wovon er schrieb, und es gelang ihm in diesem Werk eine in seinen späteren Arbeiten kaum mehr erreichte Authentizität in der Darstellung seiner Protagonisten.
Breitbach begründete damit ein Genre in der Literatur, welches etwa mit Autorinnen wie Irmgard Keun mit ihren Büchern «Gilgi» und «Das kunstseidene Mädchen» in den dreissiger Jahren bekannt geworden war. Später setzte Vicki Baum mit ihrem Roman «Der grosse Ausverkauf» von 1937 das Genre fort; ihr «Warenhausroman» ist wohl dank der Bekanntheit der Autorin auch am bekanntesten geblieben.
Bis dahin war das Warenhaus bestenfalls Gegenstand architektonischer oder sozialpsychologischer Betrachtungen und Publikationen gewesen – etwa in der von Martin Buber herausgegebenen Buchreihe «Die Gesellschaft», wo 1907 eine erste Monografie über das Warenhaus von Paul Göhre erschienen war.
In der Ankündigung des Verlags Rütten & Loening zu Göhres Untersuchung heisst es: «An einem Paradigma will Göhre zunächst die Struktur und die sozialpsychologische Bedeutung des modernen Warenhauses darlegen; hierzu wählte er das Berliner Haus Wertheim und schildert in ebenso aufschlussreichen wie interessanten Bildern dessen Äusseres und Inneres, Verkauf und Einkauf, Finanzverhältnisse und Organisation. Nachdem er noch in knapperer Weise die anderen Typen besprochen hat, legt er im allgemeinen Teil die Entstehung, den Betrieb und die mannigfaltigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geistigen Wirkungen des Warenhauses dar und zieht Schlüsse für die künftige Entwicklung. Es ist die erste eingehende Behandlung des bedeutsamen Gegenstandes und zwar eine geradezu erschöpfend und vorzüglich geschriebene.»
Zwar findet sich auch in dieser Publikation bereits ein Abschnitt über «Finanzen, Personal, Organisation», in welchem die Anzahl der Beschäftigten, die Arbeitszeiten und anderes behandelt werden, allerdings nicht die sozialen Verhältnisse der Verkäuferinnen und der – schon damals – wenigen Verkäufer, die Breitbach, Keun und Baum in ihren Erzählungen und Romanen in den Mittelpunkt stellen.
Besondere Erinnerungen
Ein anderer Autor allerdings greift in diesen Jahren ein Phänomen auf, welches sich in der einen oder anderen Form bis heute gehalten hat. In der «Frankfurter Zeitung» vom 23. September 1930 berichtet Siegfried Kracauer im Beitrag «Der Dichter im Warenhaus» über «ein bekanntes Warenhaus des Berliner Ostens»:
«Der Dichter besteigt das niedrige Podium. Der Dichter heisst Heinrich Mann. Es ist eine kuriose Begegnung, die sich hier zwischen ihm und der Warenhausmenge vollzieht. Verdriesslich nur, dass sich sofort ein photographischer Apparat wie ein Gewehrlauf gegen ihn richtet und neben dem Rednerpult ein beflissenes Mikrophon die ganze Rede verschluckt. Warum in aller Welt muss immer alles gleich in alle Welt? Die Veranstaltung an diesem Ort erreicht doch wirklich schon Menschen genug. Ihnen ist die Stunde zugedacht; von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat die Vorlesung einen Sinn. Der aber geht verloren, sobald die armen Worte auch noch in den Äther gejagt werden, um eine unbegrenzte, unbekannte Zuhörerschaft zu behelligen. Solche Wellenspiele sind eine nutzlose Spielerei (…).
Der Vortrag ist aus. Wir erfahren, dass der Dichter jedes gekaufte Exemplar seiner Romane auf Wunsch eigenhändig signieren wird, und entnehmen daraus, dass der rauschende, surrende Speisewagen an seinem endgültigen Bestimmungsort angekommen ist. Das Dichten hat aufgehört, das Geschäftsleben nimmt seinen Lauf. Die Glaswände weichen auseinander. In der Uhrenwarenabteilung ticken die Uhren, in der Spielwarenabteilung rasseln die Autos. Immerfort rollen die Treppen, gleiten die Aufzüge hinauf und herab. Sie werden bis zum jüngsten Tage rollen und gleiten. Draussen ist der Abend angebrochen, und die Strassen, in denen viel Elend wohnt, laufen aufs Warenhaus zu.»
Eine der reizvollsten Darstellungen nicht allein von einem (Zürcher) Warenhaus und von dessen seinerzeitigen Besitzern, sondern von der Dichterin Else Lasker-Schüler im Zürich der dreissiger Jahre, verdanken wir den Erinnerungen «Abschied» (Verlag der Arche, Zürich 1965) des Schauspielers Ernst Ginsberg: «Ein ganz anderes absonderliches Abenteuer hatte die Mutter meiner Frau mit Else Lasker-Schüler in Zürich. Die alte Dichterin forderte sie auf, mit ihr zu Jelmoli zu gehen. Dort dürfe sie ohne Bezahlung mitnehmen, was sie wolle. Neugierig, aber doch mit einigem Herzklopfen, ging meine Schwiegermutter mit der Lasker von Tisch zu Tisch, bis diese plötzlich vor einem Lager mit hübschen Fichus stehen blieb. Sie suchte eines aus, nahm es ruhig vom Verkaufstisch, winkte dem gerade mit einer anderen Käuferin beschäftigten Fräulein zu, das ihr freundlich zurückwinkte, und ging mit meiner erstaunten Schwiegermutter davon.Später erfuhren wir, dass der Besitzer des Warenhauses an der Dichterin einen Narren gefressen und ihr tatsächlich für bestimmte Artikel diese Freiheit erlaubt hatte.»
Aber schon Jahrzehnte zuvor, 1911, beeindruckte das Warenhaus Jelmoli zwei auf der Durchreise in Zürich abgestiegene Schriftsteller, Max Brod und Franz Kafka. Darüber ist in ihren «parallel» verfassten Reiseaufzeichnungen (von Max Brod) unter anderem zu lesen: «Musik von Jermoli – Warenhaus Jermoli. Die kleine Stadt hat es eleganter als Prag …»
Gerade in jüngster Zeit hat der kurze Roman des vor wenigen Monaten verstorbenen Jacques Chessex auch in seiner deutschen Übersetzung «Ein Jude als Exempel» von sich Reden gemacht, in welchem Chessex gleich zu Beginn auch einen jüdischen Warenhausbesitzer auftreten lässt:
«In Payerne gibt es mehrere jüdische Familien. Eine von ihnen, die Bladt, ursprünglich aus dem Elsass, besitzt ein Warenhaus, die Galerie Vaudoises, eine Art Vorläufer der Monoprix: Schnickschnack aus Paris, Haushaltswaren, Spielzeug, Mode, Arbeitskleidung, mitten im Zentrum, an der Grand-Rue, das einzige vielseitige Kaufhaus weit und breit. Mehrere Etagen, gut 20 Angestellte. Der Erfolg und das Geschick des Inhabers und Direktors der Galerie, Jean Bladt, schüren Neid, dann die Wut des gesamten Payerner Kleinhandels. Wieder so ein Jude, der es uns zeigen will. Schaut doch, was man anderswo gemacht hat.» Auch wenn sich «diese elende Welt» seither gewandelt hat, aus der «Warenhausliteratur» wäre – im Sinne von Max Brod – bis heute wohl noch manches zu lernen. ●
Martin Dreyfus ist Experte für Verlagsgeschichte und Literatur. Er lebt in Zürich.


