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Die Zeit ist reif

August 20, 2009

In diesem Sommer sind erneut zahlreiche Filme zu sehen, die sich mit den Geschnissen des Zweiten Weltkriegs befassen. Bereits vor 
30 Jahren, als das deutsche Fernsehen die amerikanische Fernsehserie «Holocaust» ausstrahlte, hatte die bis dato vorherrschende Strategie des Schweigens über die Geschehnisse zur Zeit des Nationalsozialismus ausgedient. Seither sind die Themen Zweiter Weltkrieg, Widerstand und Schoah kaum mehr von der Leinwand und den Bühnen wegzudenken. Auch heute widmen sich Regisseure und darstellende Künstler dem dunkelsten Kapitel des vergangenen Jahrhunderts erneut mit grosser Inbrunst: In dieser Woche lief in den Kinos der neue Film von Quentin Tarantino, «Inglourious Basterds», an, in dem jüdische US-Soldaten dem Naziterror auf spektakuläre Weise ein Ende bereiten. Im 
Kino wird mehr als 60 Jahre nach Kriegsende «das Dritte Reich zu Fall gebracht», so Tarantino, der die historischen Fakten in dem Hollywood-Streifen gänzlich beiseite liess.



Weitere Beispiele für das grosse Interesse an Themen um die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs sind Filme wie «Der Vorleser», «Operation Walküre», «Unter Bauern – Retter in der Nacht», «Der Junge im gestreiften Pyjama», «Defiance» oder «John Rabe». Kürzlich wurde bekannt, dass der amerikanische Pulitzer-Preisträger David Mamet die Geschichte von Anne Frank auf die Leinwand bringen möchte – das Disney-Studio hat sich bereits die Rechte für den Film gesichert. Rabbiner Marvin Hier, Vorstand und Gründer des Simon Wiesenthal Center, merkt zu dem grossen Interesse am Thema Holocaust an: «Weshalb sollen sich Menschen etwas über die Invasion von Aliens anschauen, wenn die Realität so viel unglaublicher und erschreckender ist?»

Angesichts des Tarantino-Films kann die Frage gestellt werden, wie sinnstiftend ein solches Kinospektakel tatsächlich sein kann und möchte. Ist es legitim, die Themen Zweiter Weltkrieg und Holocaust ohne ein gewisses Mass an Ernsthaftigkeit oder zumindest Respekt zu vermarkten? Auch wenn über die Grenzen des guten Geschmacks diskutiert werden kann, so ist es durchaus positiv, dass die Zeit – heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später – offenbar reif ist für einen unverkrampfteren Umgang mit der Vergangenheit. Hier besteht eine Chance, den interessierten Zuschauern bislang Unverarbeitetes näher zu bringen und auf diese Weise aufklärend zu wirken. Mit gutem Beispiel voran geht in dieser Hinsicht auch die 31-jährige Katharina Wagner, Urenkelin Richard Wagners und neue Co-Leiterin der Richard-Wagner-Festpiele in Bayreuth. Denn in diesem Jahr wird auf der deutschen Bühne nicht nur ein letztes Tabu gebrochen, wenn blutrote Hakenkreuzfahnen vom Nachbau der Villa Wahnfried niederrauschen. Wagner verspricht vielmehr, «eine lückenlose Dokumentation der Geschichte Bayreuths» erstellen zu lassen. Die Verstrickungen der Festspiele mit dem NS-Regime sollen bis zum Jahr 2013 offengelegt werden – eine überfällige Entscheidung insbesondere angesichts der Bedeutung, die die Festspiele in politischen Kreisen Deutschlands geniessen. Dies ist ein verantwortungsvoller Schritt in die richtige Richtung, der vorbildlich wirken könnte.

Valerie Wendenburg



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