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Die Orientierung verloren?

Eric H. Yoffie, February 19, 2009
Gefährlicher Präzedenzfall

>Würde man Israels Anspruch auf Jerusalem untergraben wollen, gäbe es keinen besseren Weg, dies zu erreichen, als ein jüdisches Museum auf dem Gelände eines historischen muslimischen Friedhofs im Herzen der Stadt zu errichten. Unglaublicherweise schickt sich das Simon-Wiesenthal-Zentrum an, genau das zu tun. Es hat angefangen, auf dem Gelände des Mamilla-Friedhofs in Westjerusalem ein Toleranz-Museum zu bauen. Der Friedhof auf diesem Gelände ist mindestens bis in die dreissiger Jahre benutzt worden.

Taktgefühl zeigen 

Das Wiesenthal-Zentrum ist eine wertvolle Institution, doch in diesem Falle hat es seine Orientierung verloren. In einer Stadt wie Jerusalem, die nicht nur den Juden heilig ist, sondern auch mehr als zwei Milliarden Christen und Muslimen, ruht Israels Legitimität als Souverän auf seinem Taktgefühl den religiösen Gefühlen der anderen Glaubensbekenntnisse gegenüber. Würden Muslime jüdische Gräber einebnen, um auf dem Ölberg ein muslimisches Museum zu errichten, würden, wie Kritiker des Projekts bemerken, Juden in Israel und der ganzen Welt mit Empörung reagieren. Muslime haben bereits begonnen, ähnlich auf das Museumsprojekt zu antworten. Die Stadtverwaltung von Jerusalem hat das Gelände zur Verfügung gestellt, und erst später realisierte das Wiesenthal-Zentrum, dass das Museum dort entstehen sollte, wo einst ein Friedhof war. Anstatt einem anderen Standort zuzustimmen, fochten die Leiter des Zentrums die Sache vor dem Obersten Gericht aus, wo sie im vergangenen Oktober vorwiegend aus technischen Gründen gewannen. Das Gericht wies unter anderem auf den zweifelhaften Beweis hin, dass einige muslimische Behörden die Stätte nicht mehr als heilig betrachteten. Das Wiesenthal-Zentrum hat legal gewonnen, moralisch aber verloren. Was legal statthaft sein mag, ist ethisch vielleicht fragwürdig und religiös anstössig. Es hat etwas Perverses und Ironisches an sich, der Toleranz ein Denkmal zu errichten, das zur ständigen Quelle für Spannungen in der Region werden und den gegenseitigen Respekt und das Vertrauen untergraben wird, auf die Toleranz nun einmal angewiesen ist. Zudem ist der Bau des Museums in Mamilla ein gefährlicher Präzedenzfall, der jüdische Bemühungen gefährden wird, verlassene jüdische Friedhöfe und heilige Stätten in Osteuropa und in der muslimischen Welt zu bewahren.

Absurde Behauptungen

Nicht wenige der radikal-islamischen Stimmen in und ausserhalb von Israel, die das Museums-projekt attackieren, sind von Feindseligkeit Juden und dem jüdischen Staat gegenüber motiviert. Leider versuchen aber Sprecher des Wiesenthal-Zentrums, alle Kritik an dem Museum als Geschimpfe von Israelgegnern und linksgerichteten Fanatikern abzutun. Die Sprecher gehen so weit, jenen, die das Museumsprojekt angreifen, nichtzionistische Ziele und die Delegitimierung des jüdischen Staates zu unterstellen. Solche Behauptungen sind absurd. Worauf es hier ankommt, ist das, was Israel und das jüdische Volk unternehmen, um die Menschenwürde und echte Toleranz zu fördern. Verständnis für die religiösen Sorgen unserer nicht jüdischen Nachbarn ist die Essenz des aufgeklärten Zionismus. Er stärkt Israel Sache und schwächt sie nicht. Das Letzte, was Israel heute braucht, ist eine religiöse Krise, die sich vermeiden liesse. Ich habe grossen Respekt für das Simon-Wiesenthal-Zentrum, und ich würde sein Museum gerne errichtet sehen – an irgendeiner anderen Stelle in Jerusalem.

Rabbiner Eric H. Yoffie ist Präsident der amerikanischen Union für Reformjudentum.





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