logo

Das Ende einer Utopie?

von Danny Wieler, July 22, 2010
Vor 100 Jahren gründeten zehn junge Menschen in Umm Dschuni südlich des Kinneretsees eine Kommune und nannten sie Degania. Diese Kommune in der unwirtlichen Gegend voller Malaria wurde zum Grundstein einer der wichtigsten ideologischen und politischen Kräfte, die 1948 zur Staatsgründung führten – der Kibbuz-Bewegung.
GLEICHHEIT ALS IDEAL Kibbuz-Mitglieder beim Herstellen von Fischernetzen (1937)

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die Kibbuzim zu einer faszinierenden sozialrevolutionären Bewegung der modernen Zeit. Die Mitglieder glaubten an das Prinzip der Gleichheit, an das kollektive Eigentum, an den Aufbau einer nationalen Heimstätte durch das Bearbeiten des Bodens. In ihnen sahen die Ideologen und Politiker des zionistischen Siedlungswerkes die beste Möglichkeit, den Boden in Besitz zu nehmen, die eingewanderten Juden zu verwurzeln und den körperlich tätigen «neuen» Menschen, den Pionier («chaluz»), zu formen. Die Kibbuz-Bewegung war die Avantgarde der zionistischen Revolution.

Ohne Kibbuz-Bewegung kein Staat

Ohne diese Bewegung ist es zweifelhaft, ob der Staat Israel 1948 überhaupt gegründet worden wäre. Für einige der wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zur Staatsgründung waren die Kibbuzim zuständig: Sie schickten ihre Mitglieder an entlegene Orte und trugen so entscheidend zur Grenzlegung und Verteidigung des zukünftigen Staates bei. Die Gründung von Institutionen wie Histadrut (Gewerkschaft) oder Kupat cholim (Krankenkasse) wäre ohne den Einfluss der Kibbuz-Bewegung nicht geschehen. Tausende von Jugendlichen traten den Kibbuzim nahen Jugendbewegungen bei und schlossen sich nach dem Militärdienst einem Kibbuz an.

50 Jahre später existierten 300 Kibbuzim in Israel; die Kibbuz-Bewegung war dominierend in der Verteidigung des Landes, wegweisend in der Landwirtschaft und entscheidend für das Ethos des jungen Landes. Kibbuzmitglieder zählten zur Elite des Landes. Golda Meir, Shimon Peres, Levi Eschkol, Yigal Alon, Teddy Kollek, Amos Oz und viele andere gehörten zu ihnen.

Die Schrift an der Wand

Doch der Schein trog, steckte die Kibbuz-Bewegung doch mit der Staatsgründung in einer tiefen Krise, war sich dessen allerdings noch nicht bewusst. Bis 1948 war das Ziel einer Staatsgründung der Hauptfaktor, der «Leim», der die Kibbuzim zusammenhielt. Selbstverständlich verzichtete man auf persönliche Ziele und Vorteile zu Gunsten der Gemeinschaft, des Kibbuz, und zu Gunsten eines höheren Zieles, der Gründung eines jüdischen Staates. Im jungen Israel wurden die grossen Aufgaben der Kibbuz-Bewegung dem Staat übergeben, allenfalls waren die Kibbuzim als «Unterauftragnehmer» am Aufbau des Staates beteiligt. Mangels einer höheren Zielsetzung konzentrierte sich die Bewegung hauptsächlich auf landwirtschaftliche und wirtschaftliche Ziele, schickte ihre Jugend in die Elitetruppen des Militärs, half bei der Eingliederung von Neueinwanderern – und liess es dabei bewenden. Neben den wirtschaftlichen Erfolgen begann ein Prozess der Abwanderung von Mitgliedern und eine Aufweichung der Kibbuzideologie, da die Verzichtbereitschaft des Einzelnen zu Gunsten der Gemeinschaft wegen des Fehlens eines übergeordneten Ziels immer kleiner wurde. Die Schrift war an der Wand, nur wurde sie nicht beachtet.

Heute, 100 Jahre nach ihrer Gründung, wird die Kibbuz-Bewegung von den meisten Israeli nicht ernst genommen und als Episode der Geschichte abgetan. Die Kibbuzim stecken seit Jahren in einer Krise, die Mehrheit von ihnen hat nach wirtschaftlichem Niedergang und Katastrophen tiefgreifende Änderungen in Richtung Kapitalismus und Privatisierung vorgenommen. Auch bei der Minderheit von wirtschaftlich meist starken Kibbuzim, die die ursprünglichen Ideale immer noch mehr oder weniger aufrecht halten wollen, ist die Zukunft der Kibbuzideologie keineswegs gesichert; 100 Jahre nach ihrer Gründung und 50 Jahre nach ihrem Höhepunkt sehen die meisten Kibbuzmitglieder ihre Lebensform als vom Aussterben bedroht. Die Euphorie der ersten 50 Jahre – der Kibbuz als Vorläufer des Aufbruchs in eine Utopie – ist inzwischen vergessen. Heute kämpft praktisch jeder Kibbuz alleine ums Überleben, und die einst so mächtige und dominante Kibbuz-Bewegung siecht dahin.

Ideologischer Niedergang

Wohlgemerkt: Der Niedergang geschah und geschieht vor allem auf der ideologischen Ebene. Kibbuzim, die noch vor zehn Jahren am Rande des Konkurses standen, haben sich dank der Privatisierung in blühende Kommunen verwandelt, die junge Familien aus dem ganzen Lande anziehen. Daneben jedoch gibt es Kibbuzim, in welchen Senioren der Gründergeneration Sozialhilfe beziehen müssen, wenn die eigene Familie sie nicht unterstützen kann.

Angesichts der Auflösung von immer mehr kollektiven Prinzipien in den Kibbuzim und der Grundfrage «Ist das denn noch ein Kibbuz?» muss vorab das Phänomen des Kibbuz definiert werden. Diese Diskussion hat mit der Gründung des ersten Kibbuz (Degania) begonnen und hat bis heute nie nachgelassen. Immer wieder hat die Debatte zu schweren Krisen und in den fünfiger Jahren zu Spaltungen von Kibbuzim geführt. Die Diskussion gibt es heute noch, doch steht sie je länger, desto weniger unter ideologischem Vorzeichen. Während der jahrzehntelangen Konzentration auf praktische Aufgaben und auf den wirtschaftlichen Fortschritt wurde die Reflexion über die geistigen Grundlagen vernachlässigt.

Schwierige Utopie

Der Kibbuz-Gedanke basiert auf dem Prinzip «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen», bedeutet also Verzicht auf einen Leistungslohn und maximalen Einsatz im Arbeitsbetrieb des Kibbuz. So bekämpfte man die gesellschaftliche Ungleichheit und versuchte gleichzeitig, eine neue, nicht von Geld oder Besitz dominierte Gemeinschaft zu schaffen. Doch die Kibbuznik mussten einsehen, dass absoluter Sozialismus und Gleichheit nur in einer mehr oder weniger gleichaltrigen Generation, die über keinen nennenswerten eigenen Besitz verfügt, umsetzbar sind. In der heutigen Zeit von Multi-Generationen-Kibbuzim mit bis zu vier Generationen ist die Umsetzung von Gleichheit beinahe unmöglich. Zudem wurde eine wichtige Tatsache übersehen: Die Gründer der Kibbuzim und auch ihre Nachfolger wurden durch die zionistisch-sozialistischen Jugendbewegungen auf das Leben im Kibbuz ideologisch gründlich vorbereitet. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren rekrutierte der Kibbuz die meisten neuen Mitglieder aus den Jugendbewegungen. Auch die eigene, im Kibbuz geborene, Jugend wurde im Rahmen der Mittelschule auf diese Aufgabe vorbereitet.

Seit den siebziger Jahren sind die Neuzugänge in den meisten Kibbuzim junge Familien aus Israel und dem Ausland oder Volontäre, die eingeheiratet haben und im Kibbuz leben wollen, denen aber oft das wirkliche Wissen und Verständnis für die Kibbuzideologie abgeht. Als Mitte der achtziger Jahre die Wirtschaftskrise in Israel die Kibbuzim unvorbereitet und mit aller Wucht traf, war für die meisten Kibbuzim der Übergang zum Kapitalismus nur eine Frage der Zeit. Man beschloss, Leistungslöhne und individuelles Vermögen einzuführen, die solidarische Lebensfürsorge zunehmend abzuschaffen und hohe Managergehälter zu akzeptieren. Von einer Rotation der Ämter war keine Rede mehr.

Kibbuz-Ideale im 21. Jahrhundert

Im 21. Jahrhundert gibt es den Kibbuz im klassischen Sinn nicht mehr. Noch vor zehn Jahren konnte man einen gemeinsamen Nenner bei allen Kibbuzim finden. Die Unterschiede waren teilweise zwar beträchtlich, aber eine gemeinsame Basis von sozialistischer Ideologie getreu den Gründervätern liess sich in jedem Kibbuz finden.

Heute hat sich das total geändert. Die Kibbuz-Bewegung ist gespalten, nicht wie in der Vergangenheit wegen politischer Divergenzen, sondern in den genossenschaftlichen («shitufi») und den erneuerten («mitchadesch») Kibbuz. Die genossenschaftliche Version versucht, die Kibbuz-Ideale dem 21. Jahrhundert anzupassen, ohne auf die wichtigsten Prinzipien wie Lohngleichheit und gemeinsame Verantwortung für Gesundheit und Erziehung zu verzichten. Die Solidarität ist das wichtigste Bindeglied zwischen den Mitgliedern.

Der erneuerte Kibbuz ist voll privatisiert, mit Lohngefälle und sozialen Unterschieden zwischen arm und reich. Die meisten dieser Kibbuzim versuchen, die Engpässe der minderbemittelten Mitglieder durch ein Sicherheitsnetz auszugleichen, das durch progressive kommunale Steuern finanziert wird. Das löst aber das Problem der Armut, vor allem der Gründergeneration, nur partiell. Die beiden Gruppierungen (ein Drittel genossenschaftliche, zwei Drittel erneuerte Kibbuzim) kooperieren im Rahmen der vereinten Kibbuz-Bewegung, sind sich aber in der Kardinalfrage («Was ist ein Kibbuz?») uneins.

Gibt es überhaupt noch einen Unterschied zwischen dem «erneuerten» Kibbuz und einem normalen Dorf? Vor diese Frage sah sich auch die israelische Regierung gestellt. So legte ein Expertenausschuss fünf Krierien fest, die jeder Kibbuz erfüllen sollte: Dazu gehören Krankenversorgung, Altenpflege, Pension, Bildung und Sorge für die sozial Schwächeren. Es gibt in jedem Kibbuz einen Mindestbetrag, den jedes Mitglied monatlich erhalten soll. Liegt das jeweilige Gehalt darunter, so gibt es Zuschüsse von Staat und Kibbuz. Durch Steuern, die sich nach der Höhe der Gehälter richten, fliessen immer noch bis zu 30 Prozent des Einkommens der Mitglieder in die Gemeinschaftskasse.

Der Autor, 1944 in Zürich geboren, lebt seit 1966 im Kibbuz Magen im Negev. Er war Lehrer und Direktor an der regionalen Mittelschule, stellvertretender Direktor von Givat Haviva, dem Institut für jüdisch-arabische Projekte, und ist heute Co-Präsident des Seniorenzentrums der Region Eshkol.





» zurück zur Auswahl


Mehr zu diesem Thema...