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«Clash of Civilizations» in der öffentlichen Debatte

Von Nicole Dreyfus, October 22, 2009
Ein Projekt der Universität Zürich untersucht im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 religiöse Differenzen als Problem in der politischen Diskussion. Die Proteste gegen Baugesuche für Minarette oder auch die zum Teil kritischen Positionspapiere von Regierungsparteien zum Islam illustrieren unterschiedliche Facetten einer negativen Wahrnehmung.
Wie prägen Minderheiten und ihre Akteure die öffentliche Debatte? Die Minarett-Initiative prägt seit Wochen die Schweizer Schlagzeilen

Die Minarett-Initiative, die Ende November zur Abstimmung gelangt, stellt die Probe aufs Exempel dar: Die Schweizer Öffentlichkeit debattiert seit Monaten darüber, ob künftig der Bau von Minaretten erlaubt oder verboten sein soll. Es werden Plakate gedruckt, aufgehängt und wieder abgehängt. Und dann diskutiert man darüber, ob die Plakate verboten werden sollen oder nicht. Diesen breit geführten Diskurs über religiöse Minderheiten und ihre Akteure nimmt der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich in den Fokus einer interessanten Studie. Das Projekt heisst «Ethnisierung des Politischen und Problematisierung religiöser Differenz» und konzentriert sich auf die Wahrnehmung der Schweizer Öffentlichkeit von Juden und Muslimen. Der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft will im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 (vgl. Kasten) herausfinden, wie sich die öffentliche Aufmerksamkeit seit 1979 für typisierte jüdische und muslimische Akteure verändert hat. Als Ausgangsthese gilt, dass sich in der öffentlichen Meinung der Schweiz im Hinblick auf den Islamismus ein neues Bedrohungsbild etabliert habe, das die Welt erneut teile. Um diese Hypothese zu bestätigen, gilt es zu überprüfen, in welchem Ausmass die öffentliche Kommunikation über den Islam respektive über Muslime geprägt ist. Dafür erfassen die Forscher am fög sogenannte Differenzsemantiken in Bezug auf verschiedene Minderheiten.

Das Thema Abgrenzung

Wie Patrik Ettinger, Projektleiter und Mitglied der fög-Leitung, sagt, handle es sich dabei um die unterschiedlichen Abgrenzungsmuster und die Tatsache, wie sich Muslime und Juden in der Gesellschaft gegenseitig wahrnehmen. «Das passiert weniger über Identifikationen, sondern vielmehr über Abgrenzung, also über die Bezeichnungen ‹wir› und ‹sie›», sagt Ettinger. Um zu eruieren, in welchen Situationen und auf welche Weise Muslime und Juden, aber auch andere Akteure wie politische Parteien, Abgrenzungen vornehmen, analysieren die Forschenden sämtliche Ereignisse der letzten 30 Jahre, über die in den Schweizer Medien berichtet wurde. «Unser tägliches Brot besteht eigentlich darin, sämtliche Berichterstattungen in Zeitungen, Radio und Fernsehen akribisch genau zu untersuchen», erzählt Ettinger. Es gehe ihm nicht um simple Sprachspiele, «die man sich zwar anschauen muss». Vielmehr interessiert das Team um Ettinger, wie in der Schweizer Medienlandschaft berichtet wird, und allem voran die Frage, wie die Öffentlichkeit mit dem Diskurs, der über die Medien stattfindet, umgeht.

Über Ereignisketten, welche die Diskussion über Minderheiten immer wieder neu entfachen, lässt sich festmachen, wie prominent der Diskurs über Islamismus oder Antisemitismus in der internationalen Berichterstattung geführt wird. So kam mit der iranischen Revolution im Jahr 1979 der politische Islam wieder ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit, rückte aber bis zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wieder etwas in den Hintergrund. Erst die Attentate in New York und später auch jene in London und Madrid im Jahr 2004 schafften, wie Ettinger weiss, «Aufmerksamkeit für die Problematisierung der muslimischen Minderheit in der Schweiz, die Thematisierung von Wertkonflikten und die Verbreitung von Bedrohungsszenarien». Das heisst konkret, dass auch Muslime in der Schweiz deutlich als Bedrohung wahrgenommen werden und in der Öffentlichkeit häufiger über Begriffe wie Bedrohung durch Islamismus, Demokratie und interreligiöse Spannungen diskutiert wurden.

Muslime wirken fremder als Juden

Solche Kontextfelder sind es, die beim fög «frames» genannt werden und die dazu dienen, die Medienanalyse genau zu evaluieren. «Innerhalb eines jeden Kontexts wie zum Beispiel Religion versus Meinungsfreiheit ziehen wir dann unsere Bilanz», erzählt Pablo Assandri, stellvertretender Projektleiter. So entnimmt Assandri bereits jetzt der Studie, dass die Schweizer Öffentlichkeit weniger Skrupel hat, negativ über Muslime zu diskutieren als über Juden. «Muslime erscheinen, obwohl hier heute x-fach mehr Muslime als Juden leben, der Schweizer Bevölkerung immer noch viel fremder als Juden», sagt Assandri. Dieser Tatsache stellt er jedoch entgegen, dass noch in den dreissiger Jahren antisemitische Stereotype zum Alltag in der öffentlichen Kommunikation gehörten. Durch den Verlauf der Geschichte haben aber neue Dynamiken in Bezug auf Integration und Ausgrenzung stattgefunden. Was die jüdischen Akteure und ihre Schlüsselereignisse angeht, so stellen Ettinger und Assandri aber auch fest, dass durch die Nahost-Berichterstattung alte Kontextmuster neu aufgewertet werden. «So schleicht sich der Antisemitismus durch die Hintertür ein, nämlich getarnt in Antizionismus», sagt Ettinger. Solche Tatsachen wie auch die Wahrnehmung von Juden orientieren sich ebenso an Schlüsselereignissen wie dem Eichmann-Prozess 1969, der Fernsehserie «Holocaust», die 1979 in der Schweiz ausgestrahlt wurde, sowie der Gegebenheiten des Nahost-Konflikts und der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg beziehungsweise der Diskussion um die nachrichtenlosen Gelder.

Patrik Ettingers Ziel ist es, die Ergebnisse der Studie, die bis Januar 2010 vom Nationalfonds finanziert wird, schon bald in Buchform zu veröffentlichen, «um den Behörden und den Schulen die Gelegenheit zu geben, über ihre Rolle in der Diskussion über Minderheiten nachzudenken». (Vgl. auch Artikel «Der Abstimmungskampf beginnt» in tachles 37/09 und «Das Judentum definiert sich heute anders» in tachles 52/08.)






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