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Begegnungen mit Israel

Interview Valerie Wendenburg, September 24, 2009
Bis zum 4. Oktober sind im Tanzhaus Zürich verschiedene zeitgenössische Tanzproduktionen aus Israel zu sehen. Zu Gast bei den «Begegnungen mit Israel» ist auch der Choreograf Ruby Edelman mit seiner deutsch-schweizerisch-israelischen Co-Produktion «LessMess». Im Gespräch mit tachles erzählt er von seiner Arbeit, seinem Verhältnis zu seiner Heimatstadt Jerusalem und dem aktuellen Projekt am Tanzhaus Zürich.
CO-PRODUKTION AM TANZHAUS ZÜRICH Die Choreografen Ruby Edelman und Sascha Engel während ihrer Arbeiten für das Projekt «LessMess» in Israel

TACHLES: Sie arbeiten zurzeit am Tanzhaus Zürich. Hatten Sie bereits vorher Beziehungen zur Schweiz?
RUBY EDELMAN: Nicht wirklich. Ich habe einige Schweizer Freunde und hatte dadurch die Chance, das Land bereits einige Male besuchen zu können. Aber jetzt ist es das erste Mal, dass ich hier als Repräsentant der Jerusalemer Tanzgruppe Machol Shalem im Tanzhaus Zürich wirke und mit Schweizer Künstlern zusammenarbeite.



Welche Bedeutung hat es für Sie als Coreograf, im Tanzhaus Zürich arbeiten zu können?
Zuerst einmal möchte ich sagen, dass es mir sehr grosse Freude bereitet. Die Arbeiten an meinem Projekt «LessMess» sind für mich zudem eine besondere Gelegenheit, mich mit einem neuen kulturellen Umfeld und neuen Einflüssen vertraut zu machen, die auf gänzlich anderen politischen und sozialen Hintergründen basieren, als ich es in Israel gewohnt bin. Vor allem aber ist es sehr interessant für mich, die anderen – und teilweise auch ähnlichen – professionellen und künstlerischen Standards im Tanzhaus Zürich zu erleben und zu beobachten, welchen Einfluss diese auf mein Wirken als Choreograf haben.

Welchen Weg haben Sie innerhalb Ihrer Arbeit gewählt, um einen Bezug zum Thema Israel herzustellen?
Das «LessMess»-Projekt entstand aus dem gemeinsamen Wunsch der Schweizer Choreografin Christina Binder, dem Deutschen Choreografen und Filmemacher Sascha Engel und mir. Es ging uns darum, das komplexe Thema Israel aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zu beleuchten. Diese basieren auf unseren sehr persönlichen Erfahrungen der 
kulturellen, sozialen und politischen Stimmung in Israel und  Europa, die wir gemeinsam zu einem unabhängigen künstlerischen Projekt verarbeiteten.

Ist ihre Arbeit auch politisch motiviert?
Als Choreograf des Tanztheaters verstehe ich meine Arbeiten durchaus auch als politisch. Als Israeli bin ich mir bewusst, dass die Quelle meines Wirkens stets meiner «israelischen Erfahrung» entspringt. Meine Arbeiten sind von dem Wunsch gesteuert, den andauernden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu einem wichtigen Teil unseres sozialen und persönlichen Lebens zu machen. Ich lebe und arbeite in Jerusalem, der Stadt, in der ich auch aufgewachsen bin. Jerusalem ist das Zentrum all dieses «Durcheinanders» (Englisch «Mess», Anm. d. Red.) – und ich werde täglich mit dem destruktiven Konflikt auf beiden Seiten konfrontiert.

Gelingt es, die Stimmung in Israel auf künstlerischem Wege zu vermitteln?
In der komplexen und sensiblen Situation in Jersualem verfolge ich als künstlerischer Co-Direktor der Tanzgruppe Machol Shalem die bescheidene Mission, einen langfristigen kulturellen Dialog der Künstler untereinander und den offenen Austausch von Ideen innerhalb der Kunst zu etablieren. Unsere Aktivitäten werden von der Jerusalem Foundation unterstützt, die vor mehr als 40 Jahren von Teddy Kollek, dem legendären Bürgermeister Jerusalems, gegründet worden ist. Die Stiftung unterstützt die Kultur, die Gesellschaft und die Koexistenz im Hinblick auf ein pluralistisches, modernes Jerusalem. In Zusammenarbeit mit Machol Shalem produziert die Jerusalem Fondation jedes Jahr ein internationales Jerusalemer Tanzfestival, das eine Reihe innovativer Tanzinszenierungen aus aller Welt zeigt. Mit der Öffnung des Machol-Shalem-Studios entwickeln wir zudem zusammen mit der Jerusalem Fondation ein neues Programm für den Aufenthalt internationaler Künstler des Tanztheaters in Israel.

Bitte erzählen Sie uns die Entstehungsgeschichte ihres Projekts «LessMess», in dem Sie Musik und Film miteinander verbinden.
Wir haben uns entschieden, das «LessMess»-Projekt mit einer Reise durch Israel zu beginnen. Der Plan war, die persönlichen Erfahrungen von uns dreien in einem Filmprojekt zu dokumentieren. Die Reise dauerte eine Woche, darauf folgte eine lange Zeit der Proben im Machol-Shalem-Studio in Jerusalem, in der jeder von uns seine Eindrücke künstlerisch umsetzte und wir aus 20 Stunden Filmmaterial die eindrücklichsten Szenen für den Kurzfilm, der «LessMess» eröffnet, auswählten. Zurzeit arbeiten wir intensiv im Tanzhaus Zürich mit einem wunderbaren Schweizer Team von Musikern, Designern, Dramaturgen und Technikern. Wir sind an den letzten Details für die Premiere des Stücks am 30. September.

Wird «LessMess» nur in Israel und der Schweiz aufgeführt oder planen Sie Auftritte an weiteren Orten?
Wir haben bereits Kontakt zu einigen Festivals in Europa aufgenommen, die Interesse gezeigt haben, das Stück im Jahr 2010 zu zeigen – aber im Moment sind wir auf die Aufführungen in Zürich und auf die Premiere in Israel am Jerusalemer Tanzfestival im Dezember fokussiert.

Haben Sie vorher bereits mit Christina Gehrig Binder und Sascha Engel zusammengearbeitet?
Christina, Sascha und ich kennen uns schon lange. Wir haben uns 1996 als Studenten in der Rotterdamer Tanzakademie getroffen. Im Laufe der Zeit hatten wir die Gelegenheit, zusammen zu arbeiten und einige erfolgreiche Projekte zu realisieren. «LessMess» entstand nun nach einer Zeit, in der wir unabhängig voneinander gearbeitet haben – und es ist spannend zu sehen, wie sich unser
 Können und unsere Visionen in der Zwischenzeit entwickelt haben.

Welche Eindrücke soll das Publikum nach der Aufführung von «LessMess» in Erinnerung behalten?
Obwohl der Ausgangspunkt von «LessMess» eine Sicht auf Israel und unsere Erfahrungen in dem Land war, ist das Stück nicht unbedingt politisch ausgerichtet. Während des kreativen Arbeitsprozesses entwickelten wir mehr und mehr Interesse an den persönlichen Geschichten der Menschen, die wir getroffen haben. Ich möchte die Menschen mit diesem Stück vor allem einladen, eine neue Sicht der Dinge auf eine uns allen gut bekannte Geschichte zu bekommen.

www.tanzhaus-zuerich.ch



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