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Alltag im Raketenhagel

Von Jacques Ungar, January 8, 2009
Die Operation «Gegossenes Blei» fordert vor allem den Palästinensern einen hohen Blutzoll ab, doch auch die israelische Bevölkerung in Grenznähe lebt seit Jahren ein Leben, das nicht mehr als normal bezeichnet werden kann.
NORMALITÄT ZU KRIEGSZEITEN Ron Lobel vom Barzilai-Krankenhaus in Ashkelon (l.) behandelt auch Palästinenser, und Itamar (r.) kennt den Unterschied zwischen Kassem- und Grad-Raketen

Wer ein Restaurant besucht, erwartet normalerweise, dass ihm als Erstes vom Servicepersonal die Menukarte vorgelegt wird. Nicht so im «Café to go» in Sderot, der keine vier Kilometer vom Gazastreifen gelegenen «Raketen-Hauptstadt» Israels. «Im Falle eines Alarms lassen Sie alles stehen und liegen und rennen sofort in den Hauseingang dort drüben und stellen sich dicht an die Wand», erklärte uns die Serviertochter Anja im gleichen freundlich-sachlichen Ton, mit dem sie uns auch über belegte Brote und Suppen informierte. Wir hätten 15 Sekunden Zeit, um uns in Sicherheit zu bringen, fügte Anja ganz nebenbei noch hinzu. Kaum hatten wir nach dem Essen die Rechnung beglichen, kam er auch schon, der über Lautsprecher in der ganzen Stadt verbreitete Alarm «Farbe rot». Wir taten, wie geheissen, und knapp zwei Minuten nachdem wir den dumpfen Einschlag in der Ferne vernommen hatten, bestiegen wir den Autobus und setzten unsere Fahrt durch die Krisenzone fort.
Schon vor dem Mittagessen hatten wir unsere Feuerprobe in Sderot bestanden. Im Polizei-Hauptquartier war der Sprecher gerade fertig mit der Verkündigung der Verhaltesregeln für den Fall eines Raketenalarms, als dieser auch schon die milde Winterluft durchschnitt. Kaum hatten wir uns in die schmalen Gänge des Polizeigebäudes gedrängt, war der Einschlag in nächster Nähe zu hören. Später erfuhren wir, dass ein voll besetztes Sammeltaxi bei dem Angriff schwer beschädigt worden war. Dass es trotzdem nur einen Schock-Geschädigten gab, war der Geistesgegenwart des Chauffeurs zu verdanken, der beim Ertönen des Alarms alle Türen seines Fahrzeugs aufgerissen und die Passagiere ins Freie gerdrängt hatte, wo sie dann Schutz suchten. Am Tag unseres Besuchs fielen 14 Kassem-Raketen auf Sderot, eine durchschnittliche Ration, wie Einwohner uns defätistisch erklärten. Sie kommen zur Statistik der bisher rund 8000 Raketen hinzu, die seit 2001 auf israelischem Gebiet eingeschlugen.
Im Vergleich zu früheren Aufenthalten in dieser raketengeplagten Gegend des Landes – inzwischen befinden sich bereits eine Million Einwohner im Einzugsgebiet der immer weiter reichenden Kassem- und Grad-Geschosse – fiel uns dieses Mal auf, dass Zivilschutz, Armee und Krankenhäuser, aber auch die Bevölkerung als Ganzes, besser auf das Geschehen vorbereitet waren als in der Vergangenheit. Offenbar hat man die Lehren aus dem Debakel des zweiten Libanon-Kriegs gezogen. Die Tatsache, dass die eigenen Soldaten tief im Feindesland damit beschäftigt sind, den palästinensischen Terroristen das Handwerk zu legen, trug wahrscheinlich dazu bei, dass die Stimmung bei aller Sorge und allen Ängsten um das eigene Leben generell positiv und zuversichtlich war. Im Gegensatz zur früher fielen in Sderot dieses Mal auch die zahlreichen Israelflaggen und Plakate zur Unterstützung der Soldaten auf.

Trotz allem gute Beziehungen

Die Raketenbedrohung mag für die Leute von Sderot, Ashkelon und die Ortschaften nahe der Grenze zum Gazastreifen fast zur Routine geworden sein – die Folgen für Männer, Frauen und Kinder sind deswegen nicht weniger tragisch. Besonders gilt dies für posttraumatische Erscheinungen, von denen in Sderot rund 30 Prozent der Erwachsenen betroffen sind. Ron Lobel, stellvertretender Leiter des Barzilai-Krankenhauses in Ashkelon, fürchtet, dass 20 Prozent aller Patienten mit diesem Syndrom zu chronischen Fällen werden, die über Jahre hinweg ärztlicher und psychologischer Betreuung bedürfen. Weil Barzilai das am nächsten zum Gazastreifen gelegene israelische Krankenhaus ist, nimmt es in normalen Zeiten bis zu 15 Patienten von dort auf. «Jetzt ist die Grenze geschlossen», meinte Lobel und fügte hinzu, nicht einmal die Patienten, deren Behandlung beendet sei, könnten wieder nach Hause reisen. Menachem Schlesinger, seit über 25 Jahren Leiter der Kinderabteilung des Krankenhauses, sprach von guten Beziehungen zwischen Ärzten und Schwestern des Spitals und den Patienten von jenseits der Grenze. «Sie fühlen sich gut bei uns und kommen immer wieder zurück, wenn sie uns brauchen.» Am Tag, als wir im Barzilai-Krankenhaus waren, wurde eine Palästinenserin von einem Baby entbunden. Sie hatte zwei kranke Kinder zur Behandlung gebracht und war von den Geburtswehen überrascht worden.
Ärzte, Schwestern und Sanitäter leisten in Krisenzeiten zwar oft Übermenschliches, doch sind auch sie doch nur Menschen. So verwundert es nicht, dass sie täglich selber wegen Stress- und Traumaerscheinungen psychologisch betreut werden. Im Zentrum stehen in dieser Hinsicht aber die Kinder. Die heute Achtjährigen sind in einer Atmosphäre aufgewachsen, die von Unsicherheit, Alarmen, Raketeneinschlägen und wochenlangen Zwangs-Schulferien geprägt war und ist. Viele dieser Kinder erlernen das Sprechen später als ihre Altersgenossen im Zentrum oder Norden von Israel, sie wollen nicht spielen, klammern sich an die Eltern, nässen ihre Betten oft noch als Teenager und fürchten sich aus Angst vor den Raketen davor, alleine zu duschen oder auf die ¬Toilette zu gehen.

Kinder im Luftschutzkeller

In Ashkelon zählt man heute über 40 städtische Luftschutzkeller, in denen Kinder und Jugendliche, die seit Tagen keinen Schulunterricht mehr haben, täglich während sechs bis acht Stunden unter der Aufsicht von Mädchen des Nationaldienstes spielen, werkeln oder sich einfach nur unterhalten können. In dem Keller, den wir besuchten, betreuten sechs Mädchen rund 20 Kinder. Ich fragte den 7,5-jährigen Itamar nach dem Grund seines Hierseins: «Was soll ich zu Hause? Mein Vater ist bei der Arbeit, und die Mutter liegt im Spital, weil wir ein Brüderchen bekommen haben.» In der weiteren Unterhaltung wird deutlich, wie sehr Itamar schon durch TV-Bilder beeinflusst wurde: «Es gibt gute und schlechte Palästinenser. Diejenigen, die nicht vermummt sind, sind die guten. Und es gibt auch Palästinenser, die den Krieg nicht wollen.» Dann liess der kleine Itamar es sich nicht nehmen, mir den Unterschied zwischen Kassem- und Grad-Raketen detailliert zu erläutern. Dass Israel den Gazastreifen mit Flugzeugen und Panzern angreift, fand Itamar gut, denn das würde den Soldaten die Jagd auf Terroristen erleichtern. Vor unserer Rückfahrt in den «sicheren» Teil Israels besuchten wir noch einen Ausguck bei Sderot, der einen weiten Blick bis tief hinein in den Gazastreifen bietet. Dutzende von Übertragungswagen haben hier Position bezogen, um im Bedarfsfall möglichst rasch Live-Übertragungen in alle Welt hinauszusenden. Über den Ortschaften Bet Hanoun und Bet Laquiya hingen noch die Rauchsäulen von den letzten israelischen Angriffen. Grenzzaun und -mauer waren klar zu sehen, auch die über den Übergängen Erez und Nahal Oz schwebenden Überwachungszeppeline der Armee. Im Dunst zeichneten sich in einiger Distanz die Kamine des Kraftwerks von Ashkelon ab. Doch dann zog uns mit einem Male ein herrlicher Sonnenuntergang in seinen Bann. Wir entdeckten eine sanfte Hügellandschaft mit sattem Grün, Vögeln, die ruhig ihre Runden drehten, und am Horizont das Meer. Wäre doch eigentlich eine herrliche Gegend für Touristen aus dem In- und Ausland …    

Weitere Artikel und täglich aktuelle Informationen zur Gaza-Offensive finden sich auf www.tachles.ch. Darunter ein aktueller Essay von A. B. Yehoshua über die Hamas. Ebenso kann dort der tägliche Newsletter zur Lage in Israel gratis bestellt werden.





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