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27. Januar 2012, 12. Jahrgang, Ausgabe 4 Ausgabe: Nr. 4 » January 27, 2012

Jedem sein 
eigener Staat

Carlo Strenger zur Lage in Israel , January 27, 2012

Die Zweistaatenlösung ist Geschichte, und ich bin gleichzeitig traurig und froh, dass Leute wie der Schriftsteller A. B. Yehoshua zum gleichen Schluss gelangen. Nun müssen wir nach vorne blicken: Wie kann aus dem Stück Land westlich des Jordanflusses ein Platz werden, der seiner Bevölkerung ein menschenwürdiges Leben erlaubt?

Wie um Himmels Willen soll dieser grössere Staat Israel funktionieren? Israel ist jetzt schon insofern eine Anomalie, als dass es über vier getrennte Bildungswesen verfügt: Eines für religiöse Zionisten, eines für Ultraorthodoxe, eines für Araber und eines für säkulare Juden, die keine Mehrheit mehr darstellen: Seit dem Jahre 2010 sind weniger als die Hälfte von Israels Kindern in säkularen Schulen eingeschrieben. Und angesichts der demografischen Entwicklung wird es immer weniger Schulen dieses Typs geben.

Mir ist aufgefallen, dass die Zeichen an der Wand geschrieben stehen. Was wir brauchen, ist eine Vierstaatenlösung. Wir sollten einen ultraorthodoxen Staat haben, ein Königreich Juda, einen Palästinenserstaat und einen säkular-liberalen Staat – alle vereint in einer föderalistischen Republik.

Gestatten Sie mir eine Erläuterung. Seit Langem schon träumt 
Premierminister Binyamin Netanyahu davon, den Palästinensern vier untereinander nicht verbundene Enklaven rund um ihre Bevölkerungszentren zu offerieren. Sie würden kein Stimmrecht in Israel geniessen, doch sie würden über andere Bürgerrechte verfügen.

Netanyahus Modell sollte ausgeweitet werden. Minderheiten im grösseren Land Israel sollten die Selbstverwaltung erhalten. Langsam gelange ich zum Schluss, dass es den Palästinensern auf diese Weise vielleicht besser gehen wird als uns. Sobald es ihnen erst freistehen wird, zu gehen, wohin sie wollen, werden sie mit der föderalistischen Regierung nichts mehr zu tun haben. Sie werden keinen 
Militärdienst leisten, sie werden ihr eigenes Bildungswesen haben und ihr freies Leben leben.

Wenn ich es mir richtig überlege, dann leben die Ultraorthodoxen bereits mit einem solchen Deal. Sie haben de facto Enklaven, dessen Einwohner in einem Universum leben, das total abgenabelt ist vom Rest des Landes. Sie haben ihre eigenen Schulen, ihre eigene Presse und ihre eigenen politischen Systeme, die auf rabbinischer Führung basieren. Wie die Palästinenser dienen viele von ihnen nicht in der Armee oder zahlen keine israelischen Steuern. Eigentlich fällt es auf, dass sie wie die Siedler ein eigenes Strassennetz haben. Schliesslich darf man am Schabbat nicht durch ihre Wohnquartiere fahren, und Frauen ist es untersagt, sich auf ihren Trottoirs in Jeans oder T-Shirts zu bewegen. Warum also sollen wir den separatistischen Status quo nicht formalisieren? Säkular-Liberale sollten die den Ultraorthodoxen bereits zuerkannte Selbstbestimmung, die Netanyahu auch den Palästinensern gewähren will, ebenfalls fordern.

Wie in der Schweiz und in den USA werden die Steuern mehrheitlich den Staaten zufliessen, die die Republik ausmachen, und nicht der Bundesregierung. Jeder Staat hätte sein eigenes Bildungswesen, das jeder Gruppe das Ausleben einer wahren kulturellen Autonomie gestatten wird.

Sollen doch die Ultraorthodoxen unter sich darüber debattieren, ob sie Männer und Frauen in den Bussen getrennt halten wollen. Sollen sie doch ihre eigenen koscheren Mobiltelefone haben, und sollen sie ihren Kindern doch nichts als jüdische Fächer beibringen. Sollen sie sich doch auch selber darüber Gedanken machen, wie sie ihren Staat finanzieren wollen.

Im Staate Juda sollen zionistische Rechtsnationale wie die Knessetabgeordneten Zeev Elkin und Aryeh Eldad doch darüber diskutieren, ob Frauen an öffentlichen Anlässen singen dürfen, ob den Kindern beigebracht werden soll, dass Shimon Bar Kochba ein Held war und ob König David das Rollenmodell für künftige Führungskräfte sein soll. Wenn sie wollen, können sie ihren Staat zu einem Königreich wandeln, wie es eine wachsende Zahl religiös-zionistischer Rabbiner schon tun will.

Wir Säkular-Liberale schliesslich (und religiöse Araber und Juden, die an liberale Werte glauben) sollten in unserer eigenen kleinen Enklave leben dürfen. Wir würden das bestens schaffen. Unsere Steuern würden endlich an Institutionen gehen, die wir respektieren und mit denen wir uns identifizieren können – wie bei den anderen Gruppen. Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir vom gleichen Deal profitieren wie die Palästinenser: Wir würden nicht die förderalistische Legislative wählen, da es sich höchst wahrscheinlich nicht um eine liberale Demokratie handeln wird. Wie die Ultraorthodoxen würden wir nicht in einer Armee dienen, die in sinnlose Kriege geschickt wird.

 

Wir würden uns sehr viel besser fühlen, wenn wir totalitären Köpfen nicht mehr zu erklären hätten, warum die Freiheit so wichtig ist. Welch eine Erleichterung! Τ

Carlo Strenger wurde in Basel geboren, unterrichtet heute an der psychologischen Fakultät der Universität 

Tel Aviv und ist Mitglied des Permanent Monitoring Panel über Terrorismus der Weltföderation der Wissenschaftler.

 





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