Suche nach jüdischen Spuren in der Ukraine
Alex Dunai, ein kräftiger Mann, der gerne lacht, lebt in Lviv, der viertgrössten Stadt der Ukraine. Im Laufe der Jahre hat sich der 43-Jährige eine rentable Karriere als Forscher und Touristenführer aufgebaut. Er begleitet Juden auf der Suche nach Informationen über verstorbene Verwandte durch ehemalige ukrainische Stetl. Daneben arbeitet er mit der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und mit dem Holocaust Memorial Museum in Washington zusammen.
Im Jahr 2006 hat Daniel Mendelsohn Dunais guten Ruf zementiert. In seinem Bestseller «The Lost», in dem er die Versuche beschreibt, das Schicksal von sechs während des Holocaust in der westlichen Ukraine ermordeten Verwandten zu klären, bezeichnet er Alex Dunai als seine «rechte Hand». Bei den Arbeiten zu seinem Buch stützte Mendelsohn sich zu grossen Teilen auf die Forschungsarbeit und andere Hilfe des Touristenführers. «Er hat einen profunden historischen Background, er hat Köpfchen, er kann mit Archivaren arbeiten und ist ganz besonders gut, wenn es darum geht, zeitraubende Ablenkungen zu vermeiden», erklärte Mendelsohn. «Mehr als alles andere kam mir aber seine Art und Weise zugute, wie er mit der Lokalbevölkerung umging.»
Begehrter Blick in die Vergangenheit
Neben Jonathan Safran Foers Buch «Alles ist erleuchtet» half Mendelsohns Werk mit, ein Licht auf das stets wachsende Phänomen des urkainischen «Heritage-Tourismus» zu werfen, einem lukrativen Geschäft, bei dem vor allem amerikanische Juden das Land durchstreifen, um ihre Wurzeln zu erkunden.
Für besuchende jüdische Touristen ist Alex Dunai zu einer begehrten Quelle geworden. Sei dem Fall des Eisernen Vorhangs hat der Verkehr, wie er sagt, ungemein zugenommen. «Das 20. Jahrhundert war eine intensive Periode des Ausblicks in die Zukunft», sagte er. «Jetzt aber sagen die Leute, sie hätten in die Zukunft geblickt, seien auf den Mond geflogen, wüssten aber nichts von dem, was ihre Grosseltern gemacht haben.» Immer wieder sei die Frage zu hören: «Woher kommen wir? Lasst uns einen Blick in die Vergangenheit werfen.»
Eine leichte Entscheidung
Dunai begann mit dem Touristengeschäft, nachdem er seine Studien an der Universität von Lviv mit einem Titel in Geschichte abgeschlossen hatte. Eine Weile hatte er für die ukrainische Regierung gearbeitet, wobei er sich über den Charakter dieser Arbeit aber ausschweigt.
1994 bat ihn eine sich auf Galizien spezialisierende amerikanische Genealogiegesellschaft um Hilfe bei ihren Nachforschungen. Das zog Exkursionen in verschiedene ehemalige Stetl nach sich, und bald verbrachte Dunai einen Grossteil seiner Zeit damit, Ausländer im alten Lada seines Vaters in kleine Dörfer zu fahren. Schliesslich war er so beschäftigt, dass er wählen musste: Entweder würde er seinen Nebenjob aufgeben, oder er würde sich vollzeitlich seiner neuen Beschäftigung widmen. Rückblickend kann gesagt werden, dass die Entscheidung ihm nicht schwergefallen ist. «Je mehr ich Genealogienachforschungen für andere Leute anstellte», sagte Dunai, «umso mehr entdeckte ich für mich selber, wie viel Wissen in dieser Hinsicht noch fehlt.» Die Leute seien sich nicht bewusst, wie anders diese Welt vor dem Krieg gewesen ist. «Das Ganze wurde so faszinierend für mich, dass ich beschloss, das Risiko einzugehen. Ich habe es nicht bereut.»
Mehr als nur Arbeit
Im Sommer leitet Dunai mehr Exkursionen, während er sich in den kälteren Monaten auf die Forschungsarbeit konzentriert. Manchmal ist die Arbeit emotional anspruchsvoll. «Meine Gäste erzählen mir oft Geschichten, die sie keinem anderen erzählen würden. Nach den ersten Ausflügen war ich vollkommen fertig. Ich konnte nicht sprechen und auch sonst nichts tun. Ich kam nach Hause und lag einfach auf meinem Bett, sprachlos, emotional geschafft.» Die Arbeit mit seinen Klienten macht ihm zwar Spass, doch er meint, er werde allmählich zu alt für die häufigen Reisen. Vielleicht wird er bald eine Gesellschaft gründen, die «wirklich intellektuelle und tiefgehende» Touren in der Gegend von Lviv offeriert, die sich auf Stätten konzentrieren, die mit der Literatur und berühmten Ukrainern im Zusammenhang stehen. Ganz verzichten auf seine Arbeit als Guide wird er wahrscheinlich aber nie. Er lebt von Spontanität. «Ich könnte kein Busfahrer sein, der jeden Tag die gleiche Route bedient. Es macht mir Spass, dass meine Arbeit jedes Mal etwas Interessantes, Ungewöhnliches und Neues bringt. Das ist mehr als nur Arbeit. Wenn ich meinen Lebensunterhalt in einem anderen Job verdiente, würde ich eben unentgeltlich als Touristenführer arbeiten.»


