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20. Januar 2012, 12. Jahrgang, Ausgabe 3 Ausgabe: Nr. 3 » January 20, 2012
Zum 80. Geburtstag von Aharon Appelfeld

Ein Dichter aus Czernowitz

Von Wolf Scheller, January 20, 2012
Die Verzweiflung machte ihn zum Schriftsteller. Ein Blick auf das bewegte Leben und Werk von Aharon Appelfeld zum Anlass seines 80. Geburtstags.
SCHRIFTSTELLER AHARON APPELFELD Der israelische Autor ist bislang einen ereignisreichen, oft tragischen Lebensweg gegangen

In seinem neuen Roman «Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen» erzählt der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld von einem jüdischen Jungen, Erwin, der immer wieder einschläft und aus seinen Träumen nur mit Mühe erwachen kann. Er dämmert die meiste Zeit vor sich hin, Vater und Mutter, Verwandte, Freunde, Nachbarn und Lehrer – sie alle begegnen ihm im Traum. Erwin ist ein jüdisches Kind, das wie der Autor aus der grünen, heimatlichen Bukowina stammt und im Krieg alles verloren hat, seine Familie und seine Heimat. Dass er das Ghetto überlebt, vor der Ermordung in die Wälder zu den Partisanen flüchtet, 1946 über ein Flüchtlingslager bei Neapel in einer abenteuerlichen Schiffspassage nach Palästina gelangt, das entspricht im Grossen und Ganzen der Biografie des Autors, der auch in diesem jüngsten Werk seinem Alter Ego die Stimme des Erzählers leiht.

Alte Bekannte

Es gehört zum Erzählmuster Appelfelds, das Handlungsgeschehen in seinen Romanen so miteinander zu verknüpfen, dass man ständig das Gefühl hat, alten Bekannten zu begegnen. So erlebt Erwin in Palästina eine «éducation sentimentale» mit allen Schmerzen der Fremdheit, aber auch Glückserfahrungen, die weit über das hinausgehen, was uns der Autor bereits vor zwölf Jahren in seinem auto-
biografischen Roman «Geschichte eines Lebens» anvertraut hat. Appelfelds Romanfiguren werden auch von Schuldgefühlen verfolgt, die viele Überlebende des Holocaust mit sich herumschleppen.

Lange Odyssee

Aharon Appelfeld, der in dem seinerzeit zur Ukraine gehörenden Czernowitz aufgewachsen ist und aus einer gutbürgerlichen jüdischen Familie stammt, dürfte der letzte überlebende Schriftsteller aus diesem einstigen Zentrum ostjüdischer Kultur sein. Seine Eltern waren noch Nachbarn von Paul Celan. Appelfeld hat die ganze Tragik der Schoah erfahren: Ghetto, Vertreibung, Auschwitz, Flucht durch halb Europa. Seine Mutter wurde vor seinen Augen von rumänischen Antisemiten erschossen, er und sein Vater in verschiedene Arbeitslager verschleppt. Seinen Vater hat er erst 20 Jahre später wiedergesehen. Dem 14-Jährigen gelingt die Flucht zu den Partisanen, die sich in den Wäldern versteckt halten. Als Gelegenheitsarbeiter zieht er von einem Bauernhof zum anderen. Er gibt sich als Ukrainer aus («Ich war blond und blauäugig»). 1944 schliesst er sich den westwärts vorrückenden sowjetischen Soldaten als Küchenjunge an. Als er schliesslich 1946 nach jahrelanger Odyssee nach Israel kommt, ist er nahezu stumm. Er hat keine Schule besucht, kann kein Hebräisch. Alles muss er nachholen. In dieser Zeit entstehen seine ersten Gedichte und Erzählungen. Die Verzweiflung gebiert den Schriftsteller, der 1971 mit dem vielbeachteten Roman «Die Haut und das Hemd» debütiert.

«Ein bewaffnetes Ghetto»

In seinen in dichter Folge erscheinenden Büchern herrschen Angst, Kälte und Verzweiflung. In dieser Poetik rekonstruiert Appelfeld seine Kinderwelt. Es sind nicht die Gräuel der Lagererfahrung – wie sie Autoren wie Primo Levi oder Imre Ker¬tész beschrieben haben – Appelfeld imaginiert die unmittelbare Zeit vor und nach dem Holocaust. «Niemand würde mir glauben, wenn ich die Tatsachen der Wahrheit entsprechend beschrieben hätte. Ein tiefes Erlebnis lässt sich leicht verfälschen.»  Nach seiner Emeritierung als Professor für Hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität des Negevs in Beersheva hat sich Appelfeld ganz auf sein literarisches Schaffen konzentriert, das inzwischen mehr als 40 Bücher umfasst. Es geht ihm darum, den Glauben seiner Vorfahren in ihrem eigenen Lebensrhythmus darzustellen. Deswegen leben viele seiner Romanfiguren noch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als die fortschreitende Assimilation die jüdische Identität, ihren Gemeinsinn, bedrohte. Heute sieht er Israels Sicherheit als eine äusserst fragile Grösse bedroht. «Wir sind knapp acht Millionen Israeli inmitten von 250 Millionen Arabern. Israel ist auch ein Ghetto, ein bewaffnetes Ghetto.»





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