«Die Kamera ist mein Freund»
Nach dem Erfolg der Ausstellung im Museum der Moderne Rupertinum in Salzburg sind die sehr persönlichen Künstlerporträts von Vera Isler-Leiner endlich auch in ihrer Heimatstadt Basel zu sehen. Ein grosser Moment für die 80-jährige Fotografin, die der Ausstellung im Museum Tinguely mit grosser Vorfreue entgegensieht. Vera Isler-Leiners Porträtfotos unterscheiden sich von anderen Künstlerfotografien vor allem durch ihre Direktheit. Sie hat die prominenten Kollegen aus der Kunstszene nicht im Studio und mit besonderem Equipment fotografiert – Vera Isler-Leiner ging selbst zu den Künstlern, nahm persönlichen Kontakt auf, sprach sie bei Ausstellungen an oder kontaktierte sie per Telefon. Sie traf sich mit der Crème de la Crème der Kunstszene und hielt mit ihren Fotos so unverwechselbare wie persönliche Momente und Begegnungen fest. Ihre Prints sind annähernd lebensgross, immer schwarz-weiss, direkt und «face to face» – mit ihnen hält Vera Isler-Leiner ihr Gegenüber auf Augenhöhe fest.
Interesse an Menschen
Einen Namen hat sich Vera Isler-Leiner vor allem mit ihrem Anfang der neunziger Jahre erschienenen Bildband «Face to Face» gemacht, in dem sie sehr persönliche Porträts namhafter Künstler wie Christo, Richard Serra, Roman Signer, Pipilotti Rist oder Joseph Beuys zeigte. «Damals habe ich mein Glück versucht und mich einfach persönlich an die Künstler gewandt, die mich interessierten. Die meisten gaben mir einen Termin, und so kam dieser Band zustande» berichtet die aufgeweckte und vitale Künstlerin. 1931 in Berlin als Kind
des Polen Heinz Leiner und der Ungarin Louise Leiner-Reichmann geboren, kam sie zusammen mit ihren zwei Schwestern 1936 in die Schweiz. Aus Sorge vor dem erstarkenden Nationalsozialismus schickten ihre Eltern sie zur Sicherheit in ein Internat in Trogen in Appenzell – Vera Isler-Leiner sah ihre Eltern, die 1942 in Belzec umgebracht wurden, nie wieder.
Ausgebildet als technische Laborantin fühlte sich Vera Isler-Leiner schon früh auch zur Kunst hingezogen. Sie ging ihren verschiedenen Interessen nach, arbeitete in Film und Fernsehen und erarbeitete Objekte in unterschiedlichen Materialien, die sie auch ausstellte. Sie nahm an Wettbewerben teil und richtete solche auch zweimal aus. New York im Jahr 1980 bedeutete eine Zäsur im bewegten Leben von Vera Isler-Leiner. Die vielseitig tätige Künstlerin lief mit ihrer damals 16-jährigen Tochter Rollschuh im Central Park, stürzte und brach sich das Handgelenk. «Das einzige, was ich noch konnte, war den Auslöser meiner Kamera zu drücken», erzählt Vera Isler-Leiner heute. Das tat sie und hatte mit dieser Arbeit einen immer grösser werdenden Erfolg. Sie dokumentierte die ersten Schwulen- und Lesbenparaden in Los Angeles und San Francisco und kam damit in die Schweizer Presse. Fortan arbeitete sie für Illustrierte und Magazine, sie publizierte ihre ersten Fotobücher. «Meine Kamera wurde mein Freund und Begleiter. Meine Neugier führte mich zu Menschen, deren Gesichter ich aufzeichnete», sagt sie. 1986 erregte ihr Buch «Schaut uns an», in dem Vera Isler-Leiner Menschen über 80 Jahre porträtierte, grosses Aufsehen. Das provokante Werk wurde ein Bestseller.
Ein Herzenswunsch
Die Ausstellung ihrer späteren «Face to Face II»-Bilder liegt Vera Isler-Leiner am Herzen. Dass ihre Bilder in Basel, wo sie lebt, gezeigt werden, war ihr schon lange ein Anliegen, wie sie gegenüber tachles betonte. Umso grösser war auch die Freude, als sich das Museum Tinguely Basel und das Museum der Moderne Rupertinum entschlossen, diesen zweiten Teil ihrer Fotografien als «Face to Face II» zu produzieren, als Ausstellung zu präsentieren und in einem Buch zusammenzufassen. Ferner ist sie sehr erfreut, dass Jean-Christophe Ammann das Vorwort im Katalog geschrieben hat. Diese Ziele hat Vera Isler-Leiner erreicht, aber am Ende ihrer Pläne ist sie deshalb noch lange nicht. Auch nach dem Tod ihres Mannes Manuel Isler im vergangenen Jahr arbeitet sie aktiv weiter, verfolgt zahlreiche Projekte und Pläne. Die Freunde ihrer Kunst dürfen also weiterhin gespannt sein – nicht nur auf die Schau in Basel, die vom 1. Februar bis zum 6. Mai zu sehen sein wird.
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