Jesus, ein jüdischer Patriot?
In «Kosher Jesus», dem ersten Buch, das Rabbiner Shmuley Boteach in Israel publiziert hat, betont der Autor, dass es an der Zeit sei, Jesus als einen torahtreuen jüdischen Patrioten anzuerkennen, nachdem die Christen in den Juden nicht länger ihre Feinde sehen. «Dieses Buch ruft die Juden auf», erklärte Boteach während einer Werbekampagne für sein jüngstes Werk, «Jesus anzuerkennen, den authentischen Jesus, den historischen Jesus, den jüdischen Jesus.» Der in den USA geborene Autor, der auch eine TV-Show präsentiert, fordert seine Leserschaft ferner dazu auf, sich durch die «wunderbaren» Lehren Jesu inspirieren zu lassen. «Das ist gleichbedeutend mit der Bitte an die Christen, sich zu bemühen, ihr Christentum zu bereichern, indem sie die Jüdischkeit Jesu verstehen.»
Der jüdische Mann Jesu
«Mit einem Male haben wir evangelische Christen, die sich als die grössten Supporter des Staates Israel erweisen. Wir haben diese politische Allianz, und was fehlt, ist eine theologische Brücke.» Christen würden den jüdischen Jesus nicht kennen, fährt Boteach fort. «Sie kennen das christlich-göttliche Wesen, aber nicht den jüdischen Mann Jesus. Wir müssen unbedingt sein Menschsein entdecken.»
«Kosher Jesus» kombiniert verschiedene Forschungsarbeiten (vor allem von
Hyam Maccoby), die behaupten, das Evangelium vermittle einen falschen Eindruck von Jesus. «Es wurde viel ausgeschmückt und redigiert», sagte Boteach. «Wir sollten daran denken, dass der Apostel Paulus Jesus nie getroffen hat. Er kann uns folglich keinen Bericht aus erster Hand über das Leben Jesu vermitteln.» Die christliche Bibel «stimmt nicht», sagt Boteach, wenn sie Jesus als einen selbsthassenden Juden porträtiert oder wenn sie Sünden auflistet, die angeblich Juden veranlasst haben, ihn zu verurteilen.
Jesus hat sich, wie der Autor weiter versichert, nie als Gott deklariert oder die Absicht gehabt, jüdisches Gesetz zu annullieren. Die Tatsache sodann, dass Jesus sich als Messias gesehen hat, sollte, so Boteach, den Juden kein Kopfzerbrechen bereiten: «Ich könnte mich selber in diesem Moment als Messias hinstellen. In diesem Akt gibt es keine Blasphemie. Ich ermutige Menschen sogar, in ihrem Leben eine gewisse messianische Tendenz zu haben, einen Wunsch, die Welt zu erlösen.» Boteach bedauert es, dass Juden es zugelassen haben, dass Jesus, ihnen «kampflos entrissen worden ist».
Eine jüdische Interpretation
«Wir haben nur eine christliche Interpretation seines Lebens und seiner Geschichte akzeptiert», meinte Boteach. «Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten aller Zeiten wird als Christ dargestellt, der die Römer liebte und der über die Juden sagte, sie seien alle Kinder des Teufels.» Die christlichen Ideen von Jesus als göttlichem Messias tauchten aber auf als eine raffinierte Adaption nach der Zerstörung des Zweiten Tempels.» Sobald Juden das einmal verstehen würden, könnten sie sich, wie Boteach schreibt, von den «oft wunderbaren Lehren Jesu» inspirieren lassen und ihn als hingebungsvollen jüdischen Sohn würdigen, der zum Märtyrer wurde, als er versuchte, «das Joch der römischen Unterdrückung von seinem geliebten Volk zu heben».
Wenn wir uns auf Präzedenzfälle stützen, dürfte «Kosher Jesus» eine Kontroverse auslösen. Vor zwei Jahren wurde Rabbiner Shlomo Riskin, der aus New York stammende orthodoxe Rabbiner der Westbank-Ortschaft Efrat, angegriffen, weil er Jesus als einen «Modell-Rabbiner» bezeichnet hatte. Später zog er seine Bemerkung zurück und betonte, Jesus sei nicht ein «Rabbiner im klassischen Begriff des Wortes» gewesen.
«Lustiger Klamauk»
Boteach dagegen fürchtet nach seinen eigenen Worten die Reaktionen auf die Definition von Jesus als Rabbiner in seinem Buch nicht. «Ich lebe mein ganzes Leben mit der Kritik. Der Talmud sagt schon, dass man mehr lernt von seinen Kritikern als von seinen Fans.» Der «Rabbiner Amerikas», wie Boteach auf seiner Website genannt wird, ist zweifelsohne eine polarisierende Figur. Einige bewundern seine Chuzpe, während andere ihn eher als arrogant empfinden. In seinem Buch schreibt er effektiv, dass Papst Benedikt XVI. ihn um eine Fotografie mit Unterschrift gebeten habe. In einem späteren Abschnitt macht er sich über sich selbst lustig, wenn er seinen Eltern dafür dankt, der Welt ein so «wunderbares Geschenk in der Form von mir» gemacht zu haben. Glenn Beck, die kontroverse christliche Medienpersönlichkeit aus den USA, lobt «Kosher Jesus» als eine «Pflichtlektüre für jeden,
der gewillt ist, sich ein wenig aus seiner Komfortzone hinauszuwagen». Der in Manchester geborene Rabbiner Jeremy Rosen nennt das Buch «lustigen Klamauk», der den Leser veranlasse, nachzudenken und seine eigenen Ideen zu überprüfen. In seiner Buchbesprechung schreibt Rosen aber auch, religiöse Persönlichkeiten würden zu weit gehen, um andere davon zu überzeugen, ihre Ansichten zu ändern. Rosen zitiert den verstorbenen Rabbiner Josef D. Soloveitchik, der erklärt hatte, Juden sollten sich nur dann auf ökumenischen Beziehungen einlassen, wenn es um Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse geht. Von theologischen Debatten hingegen sollten sie sich fernhalten. «Das stimmte für seine Zeit» sagte Boteach zu dieser Anschauung, «doch es stimmt nicht mehr für unsere Zeit.» Die Christen seien heute «unsere besten Freunde», und man müsse eine theologische Diskussion führen. «Man kann nicht mit einem 600 Pfund schweren Gorilla in einem Raum sein und ihn einfach ignorieren.»
Darüber unterhalten
Als Boteach unlängst an einer grossen christlichen proisraelischen Versammlung teilnahm, fand er es irritierend, dass Anwesende aus Angst, Juden zu beleidigen, auf jede Erwähnung von Jesus verzichteten. «Das war komisch. Wie kann man mit engen Freunden eine Beziehung unterhalten, wenn man nicht über die wichtigste Sache in ihrem Leben und über den berühmtesten Juden sprechen kann, der je gelebt hat?»
«Mein Buch sagt», betont Shmuley Boteach, «dass wir Juden und Christen Jesus auf sehr unterschiedliche Weisen verstehen. Das ist in Ordnung, doch jetzt sollten wir uns mal darüber unterhalten.»
Rabbi Shmuley Boteach: Kosher Jesus, Gefen Publishing House. Jerusalem und New York, 2011.


