Ein Mann des Jahrhunderts
Ende Februar vergangenen Jahres wurde Jean Halpérin 90 Jahre alt. Jeder, der Jean Halpérin kennt, weiss wie bescheiden er auftritt und wie sehr er Lob für seine Person eigentlich nicht mag, wie ein solches Lob ihn möglicherweise sogar verstimmen könnte. Der Fokus soll deshalb auf seinem 2006 erschienen Buch «Mémoire oblige» liegen, das 20 ausgewählte Texte enthält, die er im Laufe eines halben Jahrhunderts geschrieben hat. Diese Texte sind allesamt beeindruckende Zeugnisse seines messerscharfen Verstandes und lassen durchblicken, welch ausserordentliche und vielschichtige Persönlichkeit Jean Halpérin ist. Das kurze Vorwort im Buch verweist auf einige wichtige Stationen in seinem Leben, insbesondere auf seine Beziehung zu Emmanuel Lévinas und Elie Wiesel, mit denen Halpérin in Freundschaft und Nähe auf immer verbunden war und ist.
Erinnerung an das Menschliche
Wie bei Emmanuel Lévinas hat sich die Schoah in ihrem masslosen Ausmass, als sich die Menschlichkeit des Menschen verdunkelte, auch ins Herz des Werkes und der Bestimmung von Jean Halpérin geschrieben. So sagte Emmanuel Lévinas, zitiert von Jean Halpérin: «Eine stechende Erinnerung an das Menschliche lehrt im 20. Jahrhundert, dass die Gedanken des Menschen von seinen Bedürfnissen getragen werden, welche Gesellschaft und Geschichte erklären. Hunger und Angst können gute Gründe für jeden menschlichen Widerstand und für jede Freiheit sein.» Emmanuel Lévinas sagte, dass man nicht an der Macht des Bösen über den Menschen zweifeln dürfe. Das Wissen um diese Macht würde uns menschlich machen, und das Bewusstsein, dass die Freiheit immer in Gefahr sei, bestimme die Freiheit als solche. Damit liesse sich Zeit gewinnen, um unmenschliche Handlungen zu vermeiden oder ihnen vorzubeugen. Jean Halpérin teilte den Gedanken mit Emmanuel Lévinas, dass es das immerwährende Aufschieben der Stunde des Verrats sei, das den winzigen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Unmenschen ausmache.
Die Verantwortung des Menschen
Nach dem Grauen der Schoah markierte die Gründung des Staates Israel einen grösseren Wendepunkt im Geist und im Herzen von Jean Halpérin, der im Übergang aus radikaler Finsternis in die Hoffnung ein Zeichen eines erneuerten Verantwortungsbewusstseins sah. So erinnert uns Jean Halpérin in seinem Buch daran, dass der gläubige Mensch, oder jener, der sich dafür hält, nicht das Recht habe, die Verantwortung auf Gott zu schieben, dass er nicht darauf warten müsse, bis der göttliche Wille sich manifestiere. Es liege vielmehr an ihm selbst zu erkennen, wie er vollkommen auf der Höhe dessen sein kann, was Gott von ihm erwartet.
Oder wie Emmanuel Lévinas es ausdrückte: «Es liegt am Menschen, den Menschen zu retten: die göttliche Art, das Elend zu reparieren besteht darin, Gott darin nicht intervenieren zu lassen. Die wahre Korrelation zwischen Mensch und Gott hängt von einer Beziehung zwischen Mensch und Mensch ab, in welcher der Mensch die volle Verantwortung übernimmt, so als wenn es darin keinen Gott gäbe, auf den man zählen könnte.»
Universelle Texte
Jean Halpérin bezieht seine Inspiration aus den alten traditionellen Texten, aus der Kraft seiner Erinnerungen und der Hoffnung auf eine bessere Welt, in der die Vergangenheit – auch die längst vergangene, die jüngste, die Gegenwart und die Zukunft – auch die am weitesten entfernte, stets nebeneinander existieren, sich kreuzen und nähren. Jean Halpérin zitiert auch Elie Wiesel, der einer der ersten war, der «die Nacht» in Erinnerung rief: «Was ich den einen erzähle, ist auch für die anderen bestimmt. Sicher beschwöre ich ein Universum, das ich als Jude durchlebt habe. Aber ein jeder könnte sich darin wiederfinden.» Das Thema, die Personen, die Landschaft in diesem Werk sind ganz und gar jüdisch. Aber die Themen sind gleichzeitig auch universell, so hofft zumindest Elie Wiesel.
In diesem Sinne kann man sagen, dass die Texte von Jean Halpérin universell sind, ihre Intensität und Tiefe berühren unseren Geist und unser Herz. Überlassen wir es Emmanuel Lévinas, dem «Philosophen des kommenden Jahrhunderts» , wie ihn Jean Halpérin zu nennen liebte, dem Versprechen und der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, denen auch dieses Buch auf seine Art Zugang und Echo zu verschaffen versucht: «Der Monotheismus ist keine göttliche Arithmetik. Er ist die Gabe – vielleicht eine übernatürliche – den Menschen unter der Verschiedenartigkeit der historischen Traditionen, die jeder weiterführt, absolut als dem Menschen ähnlich zu sehen.»


