Antisemitische Tendenzen?
Es ist nicht das erste Mal, dass konservative Gruppen vereinzelte antisemitische Vorfälle anprangern, um jegliche Legitimität der Protestbewegung «Occupy Wall Street» in Zweifel zu stellen. Bereits Mitte Oktober vergangenen Jahres, weniger als einen Monat nach Beginn der Proteste, stellte das Emergency Committee for Israel ein einminütiges Video mit dem Titel «Hate at Occupy Wall Street Protests» auf Youtube ein, in dem zwei antisemitische Vorfälle gezeigt und Barack Obama und andere Vertreter der Demokraten, die Sympathie für die Bewegung äusserten, dazu aufgefordert wurden, sich gegen den angeblich «hasserfüllten Mob» auszusprechen. Der Videoclip verfehlte seine Wirkung, und im selben Monat gab es verschiedene Solidaritätserklärungen von politisch linksgerichteten jüdischen Gruppen, die Jonathan Neumann in seinem Beitrag «Occupy Wall Street and the Jews» heftig angreift.
Antisemitische Beiträge
Die Frage, ob die Bewegung antisemitisch sei, ist so alt wie die Bewegung selber. Ein Grund dafür ist der Initiator der Bewegung, das vor «Occupy Wall Street» relativ unbekannte Magazin «Adbusters». Auf dessen E-Mail-Verteiler wurde erstmals dazu aufgerufen, friedlich den Finanzbezirk New Yorks zu besetzen, um gegen den Einfluss einzelner Wirtschaftsunternehmen auf die Demokratie zu protestieren. Als Termin wurde der Tag der amerikanischen Verfassung, der 17. September, vorgeschlagen.
«Adbusters» ist ein ideologisches Magazin, das auf Werbung verzichtet (der Name lässt sich mit «Werbung zerschlagen» übersetzen) und vor den Gefahren der Globalisierung warnt. Gründer und Herausgeber ist der aus Estland stammende 69-jährige Kanadier Kalle Lasn, der das Magazin auf einem Bauernhof ausserhalb Vancouvers produziert. Obwohl die Verschwörungstheorien, die in dem Magazin präsentiert werden, nicht ausschliesslich Juden betreffen, so hat das Magazin eine traurige Tradition von antiisraelischen Beiträgen.
Ein negativer Höhepunkt war das 2004 veröffentlichte Essay «Why Won’t Anyone Say They Are Jewish?», in dem das Magazin angeblich jüdische Berater der Bush-Regierung auflistete – nicht alle als «jüdisch» identifizierten waren tatsächlich jüdisch – und behauptete, dass diese «Weisen von Zion» nicht das Wohl der USA, sondern Israels als Priorität hätten. Holocaust-Leugner und sogenannte «truthers», die Verschwörungstheorien zu den Anschlägen vom 11. September 2001 vertreten, etwa dass der Mossad hinter den Anschlägen stecke, sind regelmässige Autoren von «Adbusters». Doch inwieweit «Adbusters» wirklich Einfluss auf die Bewegung ausübt, ist umstritten.
Antizionistische
Gruppen
«Occupy Wall Street» hat keine richtige Führung, und daher war es bisher auch möglich, dass extremistische Gruppen, die Neumann im Detail auflistet, sich ins Rampenlicht der Bewegung stellen konnten. Vor allem antizionistische Gruppen haben sich dies zunutze gemacht. Ein trauriger Anlass war die kurzfristige Besetzung des israelischen Konsulats in Boston am 4. November, die auf dem Veranstaltungskalendar von «Occupy Boston» aufgelistet wurde. Ähnliche Vorfälle wurden aus Fort Worth in Texas, aus Los Angeles und Oakland berichtet.
Neumann hält es daher für unverantwortlich, dass politisch linksgerichtete Juden durch ihre Teilnahme von den «Manifestationen des Hasses» ablenken. Ein besonderer Dorn im Auge ist ihm die «Occupy Judaism Bewegung», die weitaus grösste jüdische Gruppe, die während der hohen Feiertage Solidaritätsgottesdienste abhielt (tachles berichtete).
Ursprünglich war es nicht erlaubt, im Zuccotti-Park Zelte aufzuschlagen, doch nachdem «Occupy Judaism» während des Laubhüttenfestes eine Sukka im Park errichtet und argumentiert hatte, dass diese aufgrund von Religionsfreiheit nicht von der Polizei abgerissen werden dürfte, verwandelte sich der Park schon bald in ein Zeltdorf, das erst am 15. November, als Bürgermeister Michael Bloomberg die Räumung des Parkes anordnete, aufgelöst wurde.
Weitere Proteste
Trotz der Räumung und des nun streng durchgesetzten Verbots von Zelten geht die Protestwelle weiter, und das mit jüdischer Beteiligung. Laut «Commentary» ein «zutiefst beunruhigender Trend» innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Nicht alle teilen diese Meinung, doch solange die Bewegung keine konkreten Ziele vorweisen kann, wird es wohl auch möglich sein, dass Extremisten «Occupy Wall Street» für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.


