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6. Januar 2012, 12. Jahrgang, Ausgabe 1 Ausgabe: Nr. 1 » January 6, 2012
ZUM TOD VON LUTZ OSCAR ZWILLENBERG

Tradition und Erneuerung

Von Peter Abelin, January 6, 2012
Mit Lutz Oscar Zwillenberg ist eine prägende Persönlichkeit der Jüdischen Gemeinde Bern kurz nach seinem 86. Geburtstag gestorben. Durch seine publizistische Tätigkeit und sein Engagement in der Vereinigung für religiös-liberales Judentum wirkte er weit über die Bundesstadt hinaus.
LUTZ OSCAR ZWILLENBERG «Brücke zwischen Religions- und Naturphilosophie»

Mit der Reichspogromnacht von 1938 nahm das zuvor beschauliche Leben von Lutz Oscar Zwillenberg in Berlin eine dramatische Wende: Sein Vater, Mitinhaber eines Warenhaus-Unternehmens, wurde vorübergehend ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Im letzten Augenblick gelang der Familie dann die Ausreise in die Niederlande. Später blieben ihr Aufenthalte im Konzentrationslager Westerbork und im Zivilinterniertenlager Vittel nicht erspart, doch entging sie den Vernichtungslagern der Nazis nach einem Gefangenenaustausch unter Umständen, die im historischen Roman «Geheime Agentin» von Peter Kamber (Verlag Basisdruck, 2010) im Detail geschildert werden. Zurück in Amsterdam, folgte nach Kriegsende ein Studium der Biologie. Seine Dissertation führte ihn in die Schweiz, und seit 1959 lebte er in Bern, wo er später ein privates Forschungsinstitut im Dienst pharmazeutischer Firmen betrieb.

Zwischen Tradition und Erneuerung

Der Kontakt zur Jüdischen Gemeinde Bern (JBG) kam über den damaligen Rabbiner Eugen Messinger zustande, der ihn auch in die Vereinigung für religiös-liberales Judentum einführte. Zwillenberg ergriff die Initiative zur Gründung einer lokalen Gruppe in Bern, die unter der geistigen Führung von Rabbiner Roland Gradwohl stand, und er übernahm nach dem Tod von Rabbiner Lothar Rothschild 1974 die Redaktion der von diesem gegründeten Zeitschrift «Tradition und Erneuerung». Dieses Wortpaar charakterisiert auch treffend Zwillenbergs Einstellung zum Judentum, das er in der Diaspora von der Selbstauflösung bedroht sah. Als Gegenmittel plädierte er dafür, den Prozess der lebendigen Diskussion und Neukodifizierung des Judentums wieder aufzunehmen, der im Mittelalter stecken geblieben sei, wie er 1976, nach seiner Wahl zum Präsidenten der Berner Synagogenkommission, in einem Interview sagte: Es gehe darum, Gebräuche fallen zu lassen, die ihren Sinn verloren hätten und zum Teil gar nicht in der Halacha verankert seien, und dafür andere ältere Traditionen, die sinnvoll erschienen, wieder einzuführen. Dies liess sich in der kleinen Berner Einheitsgemeinde nur ansatzweise verwirklichen. Dagegen wohnte Zwillenberg zwei Jahre später der Gründung der liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich bei und wirkte dort bei der deutschen Übersetzung des Gebetbuches «Awoda Schebalew» mit.

Naturverbunden

Im viel beachteten Buch «Zwischen Bit und Bibel – ein Brückenschlag im Zeitalter der Informatik» (Hallwag-Verlag, 1986) versuchte der Naturwissenschaftler Lutz Zwillenberg nach seinen eigenen Worten, «eine Brücke zwischen Religions- und Naturphilosophie» zu schlagen. Der Natur fühlte er sich aber auch im Alltag eng verbunden, in dem er ein Vorreiter der ökologischen Lebensweise war.
Von 1991 bis 1994 präsidierte Zwillenberg die Jüdische Gemeinde Bern und leitete zusammen mit Rolf Bloch und andern die Verhandlungen ein, die später zu deren öffentlich-rechtlichen Anerkennung führten. Mit seiner Kolumne «Wort zum Schabbat» in der Tageszeitung «Der Bund», als langjähriger Sprecher der Telebibel und mit der Unterstützung seiner Ehefrau Celia bei der Organisation des während zehn Jahren sehr erfolgreichen «JGB-College» engagierte er sich auch stark bei der Verbreitung jüdischen Wissens gegen aussen. «Er war die Seele der Gemeinde», würdigte ihn JGB-Präsidentin Edith Bino denn auch an der Abdankungsfeier. Diese fand auf den Tag genau drei Jahre, nachdem Lutz Zwillenberg, von einem ersten Schlaganfall bereits gezeichnet, mit 83 Jahren seine zweite Bar Mizwa – bezogen auf den talmudischen Lebenszyklus von 70 Jahren – feierte, statt. Von
einem zweiten Schlaganfall vor drei Monaten hatte er sich nicht mehr erholen können.





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