Eine legendäre Stimme ist verstummt
Der Lyriker Avi Koren, seit über 45 Jahren ein enger Freund der Familie von Yaffa Yarkoni, erinnerte sich nach dem Bekanntwerden der
Todesnachricht, wie Yaffa, Trägerin des Israel-Preises, ihm einst sagte: «Schau, wie ich die ganze Welt zum Narren halte. Ich habe doch überhaupt keine Stimme.» Möglicherweise hatte sie wirklich keine Stimme, meinte Koren, doch sie war, wir er sagte, die Stimme des Landes schlechthin. «Meine Mutter hörte sich Yaffas Lieder an, mein Enkel liebte sie ebenso. Sie begleitete uns, die Mitglieder meiner
Generation, unser ganzes Leben lang», sagte Koren. «Im Alter von vier Jahren sangen wir ihre Kinderlieder, und als Teenager tanzten wir zu den Tönen ihrer klassischen Tanzlieder. Während des Sechstagekriegs ging sie in die vordersten Stellungen, wo unsere Freunde dienten, um die Soldaten aufzumuntern. Sie war ständig dort.»
Liebe zum Mikrofon
Yaffa Yarkoni kam 1925 als Yaffa Abramov in Tel Aviv zur Welt. Ihre Eltern waren aus dem Kaukasus nach Erez Israel eingewandert, und Yaffa verbrachte ihre Kindheit mit Mutter und Geschwistern in Givataim, wo die Mutter das Café «Tslil» betrieb. Yaffa tanzte mit dem Balletensemble Gertrude Kraus und trat auch in dem Café auf.
Der Schauspieler Shlomo Bar-Shavit erinnert sich: «Die Leute pflegten zu erzählen, dass die Bohemiens spät in der Nacht, nachdem sie im Café Kassit gesessen hatten, zum Tslil in Givat-aim weiterzogen, weil dort eine junge Sängerin mit einer herrlichen Stimme auftreten würde. Wir gingen nach Givataim, um zu sehen, worüber jedermann die ganze Zeit sprach. Dort sah ich Yaffa zum ersten Mal.» Bar-Shavit fuhr fort und berichtete von Yarkonis Liebe zum Mikrofon: «Wenn Yaffa sprach, hatte sie eine gewisse Stimme, und wenn sie sang, veränderte ihre Stimme sich von Grund auf. Das Mikrofon liebte Yaffa wirklich. Ihre Stimme pflegte ins Mikrofon einzusickern – es war ein echter Dialog zwischen Verliebten, die eins wurden. Mit ihrer Stimme pflegte Yaffa das Mikrofon zu liebkosen, und das Mikrofon erwiderte diese Gefühle vollends.» Der Komponist Gil Aldema konnte dem nur zustimmen: Sie war eine Sängerin der Mikrofone. Die Menschen pflegten zu sagen, sie habe gar keine Stimme, und Yaffa Yarkoni erwiderte oft: «Shoshana Damari (eine nicht minder berühmte jemenitische Sängerin, die gleichzeitig Yarkonis Freundin und Konkurrentin war; Anm. d. R.) weiss, wie man singt; ich singe einfach.» Aldema: «Meiner Meinung nach hatte die Verstorbene eine sehr angenehme Stimme. Das war aber noch nicht alles. Sie hatte Gefühle und wusste diese zum Ausdruck zu bringen. Auch beherrschte sie die Bühne wie kaum eine andere. Kein Wunder, dass ihre Lieder so gut aufgenommen wurden.»
Nationalistische Lieder
Mehr als mit anderen Dingen wird Yaffa Yarkoni mit nationalistischen Liedern identifiziert, wie etwa «Bab el-Wad» oder «Haamini Jom javo». In den späteren 1940er und in den 1950er Jahren schuf sie sich aber auch einen Namen mit sogenannten Tanzmelodien im Tango- oder im Swing-Beat-Rhythmus.
«Allgemein war die Stimmung sehr gegen die sogenannten Ballsaal-Lieder», erinnert sich Koren. «Yaffa war demzufolge kein Liebling der Medien, und sie war kein Bestandteil des Konsens … Yaffa war eine Sängerin grosser Bands und Tanzorcherster, doch sie war klug genug, zur richtigen Zeit eine Wende zu vollziehen. Sie gab eine Schallplatte mit Liedern von Mordechai Zaira heraus, sang das zum Ohrwurm gewordene ’Erev schel Schoschanim‘, nahm Lieder der jungen Naomi Shemer (Jerusalem of Gold) auf und gewöhnte so sich selber und ihr Publikum allmählich daran, dass sie auf dem Rückweg zu mehr nationalistischen Liedern war. Tief in ihrem Herzen gehörte ihre wahre Liebe aber dem Swing, Jazz und Blues. Dieser Art von Musik pflegte sie vorwiegend zuzuhören.»
Die Nachtigall der Nation
In den 1960er Jahren trat Yaffa Yarkoni vorwiegend im Ausland auf, wobei sie auf die bekanntesten Bühnen der Welt gelangte. «Mit ihrem Charme und ihrer Eleganz», sagte Bar-Shavit, «war sie eine wunderbare Botschafterin für den Staat Israel.» In seinen Gedenkworten legte Staatspräsident Shimon Peres den Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt von Yaffa Yarkonis Wirken: «Während die israelischen Verteidigungsstreitkräfte feindliche Positionen eroberten, eroberte sie die Herzen der Soldaten. Sie war die Nachtigall der IDF und der ganzen Nation.»
Yaffa Yarkoni, die Sängerin des Friedens, die zahlreiche Kriege Israels an vorderster Front miterlebte, wurde am Dienstag unter grosser Beteiligung auf dem Friedhof Kiryat Shaul zur letzten Ruhe
gebettet.


