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23. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 51 Ausgabe: Nr. 51 » December 23, 2011

Kultur ohne Politik

Von Andreas Schneitter, December 23, 2011
Die Schweizer Kulturwochen Swiss Season im Rahmen des Festivals Culturescapes sind in Israel zu Ende gegangen. Ohne Proteste, ohne Zwischentöne.
DAS ZÜRCHER BALLETT Die Schweiz wird in Israel nun auch mit kulturellen Dingen assoziiert und nicht mehr nur mit Käse und Schokolade

Der Abend, an dem die Schweizer Animationsfilmerin Isabelle Favez ihre Werke zeigte, war symptomatisch für die Swiss Season in Israel. Favez zeigte ihre animierten Fabeln zwischen Mensch, Tier und Essensritualen im Rahmen der Holon Mediatheque, eingebettet in ein grösseres internationales Programm, die Animation Week. Rund 40 Besucher waren da, zum grossen Teil selbst Graphic Designer, danach gab’s Gelegenheit für Fragen und Gespräche. Ein Abend unter Fachkollegen. Culturescapes, das Kulturfestival mit dem diesjährigen Länderschwerpunkt Israel, hat mit der Swiss Season erstmals den Festivalaustausch mit dem Partnerland vollzogen.
In Zahlen: über 40 Veranstaltungen aus den Bereichen Tanz, Bühne, Film, Literatur und Musik, 100 Schweizer Künstlerinnen und Künstler, 20 000 Besucher, Rezensionen in namhaften israelischen Medien wie «Jerusalem Post», «Ynet», «Haaretz». Ein Erfolg, sagt Yael Cohen, Projektmanagerin der Swiss Season, der das Kulturland Schweiz in Israel in einer Breite demonstriert habe, die weit über die bekannten Bilder von Schokolade, Banken, Bergen hinausgehe. Stattdessen, sagt Cohen, würden nun andere Dinge mit der Schweiz assoziiert werden: das Zürcher Ballett von Heinz Spoerli, der Schriftsteller Christian Kracht oder der Konzeptkünstler Christoph Büchel.

Ein urbanes Publikum

Soweit korrekt. Allerdings tritt Spoerlis Ensemble immer wieder in Israel auf, und Kracht wie Büchel waren – wie auch Isabelle Favez – von spartenfokussierten Festivals eingeladen; Kracht von den deutsch-israelischen Literaturtagen in Tel Aviv, Büchel von der Biennale für Gegenwartskunst in Herzlia. Ob die Swiss Season denn tatsächlich als Schweizer Gesamtpackung quer durch alle kulturellen Sparten wahrgenommen wurde, bleibt daher zumindest fraglich.
Walter Haffner, Schweizer Botschafter in Tel Aviv, sagt: «Wenn ein solches Festival die Wahrnehmung der Schweizer Kultur in Israel verändern sollte, müsste man es regelmässig veranstalten.» Von Schweizer Kultur im Sinne einer Nationalkultur könne man bei der Swiss Season jedoch sowieso nicht reden: «Der Anteil der Alternativkultur war sehr gross, der Mainstream eher wenig vertreten.» Entsprechend hätten die Veranstaltungen vor allem ein urbanes Publikum angesprochen – also primär in Tel Aviv, wo die Dichte an kulturellen Veranstaltungen sowieso schon beträchtlich ist. Unterstützung habe das Festival von der Botschaft in der Kommunikation und im Fundraising erhalten, so Haffner, ansonsten habe man sich zurückgehalten: «Es ist eine private Initiative, und wie etwa im akademischen Bereich geschieht auch in der Kultur der Austausch in der Mehrheit ohne zwischengeschaltete staatliche Stellen.» Die Botschaft habe für die Swiss Season die Rolle eines «matchmakers» einnehmen können, alles andere sei nicht mehr ihre Aufgabe.

Keinerlei Probleme

Was bleibt, ist ein ausgeglichenes Budget – anders als beim Festival in der Schweiz haben die Partnerinstitutionen in Israel die Kosten und Gagen der Künstler übernommen – und die positive Erkenntnis, dass zumindest für die Swiss Season die Boykottandrohungen gegen Israel ohne Folgen blieben. Gerade ein Künstlerpaar habe kurzfristig die Reise abgesagt, sagt Yael Cohen, obwohl einige der engagierten Künstler von der Schweizer Sektion der propalästinensischen Organisation Boykott-Desinvestition-Sanktionen unter Druck gesetzt worden seien, auf das Engagement zu verzichten. Weitere politische Nebenschauplätze öffneten sich nicht: In Israel selbst hätten keine Proteste stattgefunden, sagt Walter Haffner.





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