Frauen gegen die «graue Lady»
Die neue «New York Times»-Chefredaktorin Jill Abramson bezeichnet sich gerne als «kampferprobte Veteranin». Damit will die 57-Jährige sagen, dass sie aus eigener Kraft als erste Frau an die Redaktionspitze aufgestiegen ist. Verleger Arthur Ochs Sulzberger jr. hat neben ihr mit Dean Baquet erstmals einen Afroamerikaner zum Chefredakteur ernannt, der die Tagesgeschäfte der Zeitung führt. Aber dass Abramson überhaupt bei der «New York Times» (NYT) Karriere machen konnte, hat sie einer epochalen Schlacht aus ihrer Schulzeit zu verdanken. Von 1969 an mussten weibliche NYT-Angestellte fast zehn Jahre lang kämpfen, ehe sie den Verleger Arthur «Punch» Ochs Sulzberger und die Chefredaktion zwingen konnten, die bereits 1964 erlassenen Gleichberechtigungsgesetze auch bei der «grey lady» anzuwenden. Dieses immer noch relevante Kapitel der amerikanischen Mediengeschichte hat tachles jüngst mit Elizabeth Wade-Boylan diskutiert, die als Leitklägerin im Fall «Elizabeth Boylan et al. v. The New York Times» führend an der damaligen Auseinandersetzung beteiligt war.
Von Freunden und Kollegen nur Betsy genannt, hat Wade von 1956 bis 2001 für die NYT gearbeitet. Die 82-Jährige ist mit dem Journalisten James Boylan verheiratet, der unter anderem 1961 das Fachmagazin «Columbia Journalism Review» gegründet hat. Das Paar lebt in Manhattan und einem klassisch neuenglischen Holzhaus im idyllischen Küstenort Stonington, Connecticut. Dort diskutierte die kleine, energische Dame in ihrem Arbeitszimmer den Aufstieg von Jill Abramson vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen bei der NYT. Gleich eingangs erzählt Wade, dass Abramson mit ihrem Sohn Richard die gleiche Klasse in der New Yorker Privatschule Fieldston Academy besucht hat – dies in just den Jahren, als sie selbst im Verein mit anderen Frauen den Konflikt mit der NYT aufgenommen hatte.
Bastion des Chauvinismus
Seit 1896 von der Verlegerdynastie
Ochs Sulzberger geführt, war die NYT notorisch für die Benachteiligung weiblicher Angestellter bei Gehältern und Aufstiegschancen bekannt. Dafür steht der legendäre Ausspruch des damaligen Chefredakteurs Clifton Daniel aus dem Jahr 1961: «Niemals wird eine Frau in die Führungsebene der ‹Times› aufsteigen.» Drei Jahre später hatte der Kongress die Gleichstellung aller gesellschaftlichen Gruppen im Beruf zur Pflicht gemacht. Doch während Zeitungen wie die «Washington Post» Frauen allmählich Aufstiegschancen einräumten, blieb die NYT eine Bastion des Chauvinismus. Dazu habe die konservative Grundhaltung der Verlegerfamilie beigetragen, so Wade. Sie unterstreicht, dass die Zeitung nicht nur Frauen und Schwarze benachteiligte, sondern auch eine lange, «eindeutig antisemitische Tradition» aufwies.
Dies klingt zunächst unwahrscheinlich, wurde das Blatt doch von einer jüdischen Familie geführt. Doch Wade vermutet, dass die Verleger lange so stark auf Respektabilität und gesellschaftliches Prestige bedacht waren, dass sie jüdische Themen und Aspekte unterdrückten. So tauchte der legendäre Reporter und spätere Chefredaktor Abraham Rosenthal nur als «A. M. Rosenthal» im Blatt auf und die zahlreichen Jüdinnen in der Anzeigenabteilung mussten sich am Telefon mit «angelsächsischen» Namen melden. Dass die Times schändlicherweise nur zögerlich über den Holocaust berichtet hat, führt Wade ebenfalls auf die Befürchtung des Verlags zurück, als «jüdische Zeitung» zu erscheinen.
Anfang der siebziger Jahre beschäftigte das Blatt nur 40 weibliche gegenüber 385 männlichen Reportern. Unter den 33 Auslandskorrespondenten fanden sich drei Frauen. Die Führungsebene war dagegen eine Männerdomäne. Die Ausnahme bildete das durchweg von Frauen besetzte Ressort «Women’s News», das neben den Themen Heim und Familie die für den Wirtschaftsstandort New York und damit das Anzeigenaufkommen der NYT bedeutsame Textilindustrie der Stadt bearbeitete. Hier begann 1956 auch die Karriere von Betsy Wade. Von der renommierten «New York Herald Tribune» kommend, zeichnete die junge Journalistin rasch als «editor», was sich als «Textredaktorin» übersetzen lässt.
Eine willkürliche Hierarchie
Die Berufsbezeichnung führt in die unübersichtliche Hierarchie der NYT, die Wade als «byzantinisch» bezeichnet. Den Launen von Verleger und leitenden Redaktoren folgend, hatten sich bei der Zeitung über Jahrzehnte allerlei Nischen und Refugien entwickelt, die stolz auf ihre Unabhängigkeit pochten. So konnte etwa der Chefredaktor Edwin L. James (1890–1951, seit 1932 an der Blattspitze) seiner Wettleidenschaft frönen, indem er seinen Buchmacher als Reporter mit einem Schreibtisch nahe seinem eigenen Büro anstellte. Andere Journalisten verdankten ihre unantastbaren Jobs Beziehungen zu Mitgliedern der Verlegerdynastie, etwa dem auch in Washington einflussreichen General Julius Ochs Adler (1892–1955). Gleichzeitig unterschied die Hierarchie zwischen Reportern, Redaktoren und Büro- oder Ressortleitern, die – etwa beim Sonntagsmagazin oder der Buchbeilage – mitunter auch direkt dem Verleger unterstanden. Verleger Arthur Hays Sulzberger (1891–1968) hatte am Ende seiner Amtszeit einen Management-Experten mit der Entwicklung eines schlankeren Organisationsmodells beauftragt. Aber wie Wade kopfschüttelnd erzählt, scheiterte der Profi an internen Widerständen und musste sein Konzept unverrichteter Dinge zurücklassen.
In diesem Reich feudaler Pfründe und Persönlichkeiten spielten die für die Textbearbeitung zuständigen Redaktoren eine Schlüsselrolle, bei denen auch die Artikel der Büros im In- und Ausland zusammenliefen. Wade stellt nüchtern fest, sie habe ein exzellentes Talent für diese Aufgabe demonstriert: «Starreporter wie der spätere Chefredaktor Max Frankel haben uns als ‹Komma-Jäger› abgetan, aber wir haben der ‹Times› nicht nur ihre Stimme gegeben, sondern auch ihren Ruf als zuverlässige Informationsquelle sichergestellt.» Textredaktoren waren von der Titelei über die innere Logik bis zur Korrektheit der Tatsachenbehauptungen für einen Artikel zuständig. Wade fiel ihren Vorgesetzten rasch auf und wurde als erste Frau zum «editor» im Auslandsressort befördert. Über den Ressorts und ihren Textredaktoren stand die intern als «Bullenstall» bezeichnete Riege stellvertretender Chefredaktoren, die einander als Blattmacher und letzte Qualitätsinstanz vor dem Druck ablösten.
Dieser «Bullenstall» bot die Chance zum Aufstieg an die oberste Spitze der NYT und Wade lässt keinen Zweifel daran, dass auch sie gute Qualifikationen hatte. Dies wurde nicht nur durch die Tatsache bestätigt, dass sie bald nach ihrer Beförderung regelmässig gebeten wurde, im «Bullenstall» einzuspringen: «Einer der damaligen Spitzenleute hat mich zudem aufgefordert, Lehrkraft an der Columbia-Journalistenschule zu werden.» Wade hat dann etwa an der geheimen, über Monate laufenden Redaktion der 1971 publizierten «Pentagon Papers» zum Vietnam-Krieg mitgewirkt. Und sie erinnert sich stolz an ihre Weitsicht vor der ersten bemannten Mondlandung 1969, für die Wade vier extragrosse Schlagzeilen entwarf und bei einer Giesserei für den damals noch gebräuchlichen Bleidruck vorproduzieren liess. Aber sie wurde für ihren Einsatz weder extra honoriert noch befördert. Gleichzeitig wusste Wade, dass Frauen bei der NYT deutlich schlechter bezahlt wurden als männliche Kollegen: «Ich habe mich immer für Gerechtigkeit und Fairness eingesetzt. Deshalb war ich seit Beginn meiner Karriere gewerkschaftlich engagiert und konnte bei Tarifverhandlungen die Gehaltslisten einsehen. Die Zahlen waren eindeutig: Frauen rangierten auch nach langer Berufserfahrung immer ganz unten auf der Skala.»
Zweierlei Mass
Dass Wade die systematische Benachteiligung von Frauen bei der NYT schliesslich nicht mehr hinnahm, hat auch mit ihrem damaligen Alter zu tun: «Nachdem ich 1969 meinen 40. Geburtstag gefeiert hatte, wusste ich, dass meine Laufbahn ihr Ende erreicht hat. Das ist bis heute in fast allen Branchen so und hat mit dem Geschlecht gar nichts zu tun.» Es ist bemerkenswert, dass viele der rund 50 Frauen, die von 1969 an zunächst mit Briefen an den Verleger, dann aber nach jahrelangem Zuwarten in einer Gruppenklage auf gerechtere Chancen und Gehälter bei der Times drangen, in Wades Alter waren. Die Frauen hatten zudem miterlebt, wie andere Zeitungen entweder aus eigenem Antrieb, oder – wie das Nachrichtenmagazin «Newsweek» – auf gerichtlichen Druck Schritte zu der Gleichberechtigung weiblicher Angestellter unternahmen. So formierte sich auch bei der NYT ein «women’s caucus», dem neben Journalistinnen wie der renommierten Kulturreporterin Grace Glueck auch Frauen aus der Anzeigenabteilung angehörten: «Das war enorm wichtig und hat dem Verleger gehörig Angst gemacht. In der Abteilung für Kleinanzeigen sassen 300 Frauen, die durchweg viel schlechter bezahlt wurden als die Männer im Bereich Bildanzeigen. Aber die Kleinanzeigen waren lebenswichtig für die Zeitung.»
Schliesslich gingen fast zehn Jahre ins Land, bis «Punch» Sulzberger 1978 endlich einen Vergleich mit den Klägerinnen und ihrer Anwältin Harriet Rabb einging, der für die 550 weiblichen Angestellten in allen Bereichen der Zeitung galt. Die NYT gestand den Klägerinnen sehr bescheidene Sonderzahlungen von insgesamt 233 000 Dollar zu und legte sich auf ein umfassendes Programm zur Anstellung und Beförderung von Frauen fest. Zu dieser Zeit schloss der Verlag auch einen ähnlichen Vergleich mit afroamerikanischen Angestellten. Wie Wade kritisch anmerkt, hat die NYT ihre Zusagen jahrelang nur zögerlich erfüllt. Die Beförderung von Abramson erscheint daher tatsächlich als der Abschluss eines Ringens, das vor über 40 Jahren begonnen hat. Allerdings moniert Wade, dass die Benachteiligung von Frauen bei der Bezahlung immer noch nicht überwunden worden ist: «Darum habe ich jungen Bewerberinnen bei der NYT bis zu meiner Pensionierung stets über das Gehaltsniveau der Männer unterrichtet und ihnen gesagt, sie sollten sich nicht unter Preis verkaufen.»
Blockierte Karrieren
Harriet Rabb hat später erklärt, die NYT-Klägerinnen hätten «die eigenen Karrieren für die ihnen folgenden Frauen» aufgegeben. Wade verliess ihren Posten und wurde Reisekolumnistin, nachdem ein Vorgesetzter ihr erklärt hatte: «Betsy, wir befördern niemanden, der gegen uns klagt.» Ganz abgefunden hat sich die Journalistin mit ihrer blockierten Karriere nicht. Aber mit dem für erstklassige Textredaktoren charakteristischen Elan nutzt Wade diese Gefühle als Motiv für ihre andauernde Arbeit bei Standesorganisationen und Frauenverbänden. Und sie verfolgt die Vorgänge bei der NYT weiterhin aufmerksam.
Zum Aufstieg von Jill Abramson notiert Wade zunächst, die Lage im Medienmarkt habe sich doch radikal geändert. Frauen wie Arianna Huffington oder Martha Stewart seien als Unternehmerinnen erfolgreich, während die Mehrzahl der Absolventen von Journalistenschulen inzwischen weiblich sei. Allerdings fände dies in einem gewandelten Umfeld statt: «Angestellte in der Branche verlieren dank der digitalen Revolution Einkommen, Zukunftschancen und Prestige. Deshalb wollen die besten Absolventen der Ivy-League-Universitäten heute nicht mehr zur NYT. Das gibt Frauen Möglichkeiten, aber eben in einem ärmeren Umfeld.» Gleichzeitig sei Abramson aber tatsächlich die beste Wahl für ihren Spitzenjob, weil sie sich intensiv mit der digitalen Revolution auseinandergesetzt habe.
Doch restlos zufrieden ist Wade mit dieser Erklärung nicht. Nach kurzem Zögern spricht sie die für die NYT enorm blamable Affäre um Judith Miller an. Die ehrgeizige Journalistin hatte Falschinformationen aus der Bush-Regierung über angebliche Massenvernichtungswaffen in Irak als Scoops verbreitet und damit zum fatalen Feldzug beigetragen. Miller war eng mit Arthur Ochs Sulzberger jr. befreundet, der seit 1992 NYT-Verleger ist, und galt lange als Anwärterin auf die Chefredaktion. Wade hält es für denkbar, dass Sulzberger die Frauenfeindlichkeit seiner Vorfahren hinter sich bringen und schon vor zehn Jahren Geschichte machen wollte. Aber sie vermutet, dass er daran durch den Skandal um Miller gehindert wurde: «Erst jetzt hat Sulzbergers Suche nach einer geeigneten Frau ein glückliches Ende gefunden.»


