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23. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 51 Ausgabe: Nr. 51 » December 23, 2011

Ein Meister der expressionistischen Groteske

Von Walter Labhart, December 23, 2011
In beiden Weltkriegen hielt sich der als Lyriker, Erzähler, Essayist und Übersetzer bekannt gewordene Frühexpressionist Albert Ehrenstein in der Schweiz auf. Als Pazifist und bissiger Satiriker verbrachte der am 23. Dezember 1886 in Wien geborene Schriftsteller in Zürich besonders schwierige Zeiten.
EHERENSTEIN-PORTRÄT Gemalt von Oskar Kokoschka, 1914

Wie so viele Wiener Dichter ist auch Albert Ehrenstein eine Entdeckung von Karl Kraus. Kaum waren in dessen Zeitschrift «Die Fackel» ein paar Gedichte und Grotesken erschienen, sorgte 1911 die erste Buchveröffentlichung des Sohnes armer ungarischer Juden für Aufsehen. Seine von Oskar Kokoschka mit 12 Federzeichnungen illustrierte Erzählung «Tubutsch» wurde in Kritiken mit Kafkas «Urteil» verglichen. Für den drei Jahre älteren Prager Kollegen, mit dem er 1914 den Leipziger Verleger Kurt Wolff zu teilen begann, setzte sich Ehrenstein als einer der Ersten ein. In «Tubutsch» gab der in jenem Jahr von Kokoschka mehrmals porträtierte Dichter die Endzeitstimmung im Wien am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit einem an Verzweiflung grenzenden Pessimismus wieder: «Um mich, in mir herrscht die Leere, die Öde, ich bin ausgehöhlt und weiss nicht wovon.» Nachdem Kokoschka den Kontakt zu Herwarth Walden und dessen expressionistischer Zeitschrift «Der Sturm» in Berlin hergestellt hatte, reihte sich Ehrenstein bald auch unter die Mitarbeiter der politisch links orientierten, von Franz Pfemfert herausgegebenen Wochenschrift «Die Aktion» ein.



Erster Zürcher Aufenthalt

Der Schriftsteller, der an der Universität Wien Geschichte, Philologie und Philosophie studiert und 1910 doktoriert hatte, tauschte 1916 seine Stelle als Lektor in Berlin mit einer Sekretärsstellung im Adlerschen Verein für Individualpsychologie in Zürich, wo er bis zum Herbst 1918 blieb. Als engagierter Pazifist veröffentlichte er in der Zeitschrift «Die Weissen Blätter», die der Elsässer Gesinnungsgenosse René Schickele während des Ersten Weltkriegs in Zürich vor allem mit Beiträgen von Exilanten herausgab, Antikriegslyrik von ätzender Schärfe. Gesammelt und mit einem viel zitierten Trakl-Nekrolog und anderen Prosatexten angereichert, erschienen diese Gedichte 1919 im Zürcher Verlag von Max Rascher unter dem Titel «Den ermordeten Brüdern» mit einer Umschlagzeichnung von Gregor Rabinovitch. Seine Stimme gegen den Krieg erhob Ehrenstein auch im Gedichtband «Die rote Zeit» (S. Fischer, Berlin 1917). Der dort veröffentlichte Klagegesang «Das sterbende Europa», der des Dichters sprachschöpferischen Geist schon in den Anfangszeilen «Und Sonne gebar sich / Mond entwurde / Sternweb klang leis im Gewölk / Wozu?» zum Ausdruck brachte, wurde 1919 in die von Schickele betreute Sammlung «Menschliche Gedichte im Krieg» aufgenommen. Dort ragt sie zwischen Versen von Else Lasker-Schüler, Ludwig Rubiner, Franz Werfel und Alfred Wolfenstein heraus. Im Verlaufe seiner ersten Jahre in der Limmatstadt pflegte Ehrenstein regen Briefkontakt zu Karl Kraus und Stefan Zweig. 

Arbeitsverbot im Exil

Nach einem unsteten Wanderleben, das ihn nach Afrika, in den Nahen Osten und sogar bis nach China trieb, floh er ein zweites Mal in die Schweiz. Im August 1934 fand er in Zürich-Hottingen beim Pelzhändler Bernhard Mayer, der ihn schon während des Ersten Weltkriegs unterstützt hatte, Unterschlupf. Eine Veröffentlichung ohne Arbeitserlaubnis führte dazu, dass Ehrenstein trotz Hermann Hesses Vermittlungshilfe 1936 ausgewiesen wurde. Dasselbe Schicksal widerfuhr ihm auch im Tessin, wohin er sich zurückgezogen hatte, bis er Zürich und die Schweiz 1940 mit einem Notvisum für die USA für immer verliess. Als er am 8. April 1950 im Jüdischen Hospital in New York starb, hinterliess er satirische Erzählungen wie «Der Selbstmord eines Katers» (1912) und die aufwühlenden Gedichte «Der Mensch schreit» (1916), die anklagenden «Briefe an Gott» (1920), kulturkritische Aufsätze wie «Menschen und Affen» (1926) und zahlreiche Nachdichtungen chinesischer Dichtungen.  



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