logo
23. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 51 Ausgabe: Nr. 51 » December 23, 2011

Ein Leben im Zeichen des jüdisch-christlichen Dialogs

Von Verena Lenzen, December 23, 2011
Am 7. Dezember starb Clemens Thoma in seinem 80. Lebensjahr. Seit 1971 Ordinarius am Lehrstuhl für Judaistik und Bibelwissenschaft der Theologischen Hochschule Luzern, gründete er 1981 das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung und leitete es bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1998. Thoma war einer der christlichen Pioniere im jüdisch-christlichen Gespräch in der Schweiz, der als Judaist und Theologe internationales Ansehen genoss.
EIN BRÜCKENBAUER Clemens Thoma widmete sich Zeit seines Lebens der jüdisch-christlichen Verständigung

Geboren am 2. November 1932 in Kaltbrunn im Kanton St. Gallen, wuchs Clemens Thomas mit zehn Geschwistern auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Nach Abschluss der Sekundarschule folgten schwere Lehrjahre als Kleidermacher in einer Weberei und als Hilfsbäcker. Die christliche Frömmigkeit des Elternhauses erweckte in ihm schliesslich die Berufung zum Priesterberuf. 1946 trat er für sechs Jahre in die Missionsschule Marienburg in Rheinbeck ein und zog danach ins humanistische Gymnasium nach Einsiedeln, wo er 1957 die Matura erwarb. In St. Augustin bei Bonn und St. Gabriel bei Wien studierte er Philosophie und Theologie in den Hochschulen der Steyler Missionsgesellschaft, deren Mitglied Clemens Thoma 1959 wurde.
Nach der Priesterweihe 1961 arbeitete er in Wien als Seelsorger mit afro-asiatischen Studierenden aus verschiedenen Ländern und Religionen und erfuhr die realen Schwierigkeiten der interreligiösen Verständigung. Gleichzeitig erkannte Thoma die Unkenntnis vieler Priester über die jüdischen Wurzeln des Christentums. Kurt Schubert und der Wiener Kardinal Franz König führten ihn in das Studium des Judentums und die Anliegen der jüdisch-christlichen Verständigung ein. 1966 promovierte Thoma über die Auswirkungen der Tempelzerstörung 70 n. d. Z. auf die jüdische Religion und auf das Neue Testament.
Von 1967 bis 1971 war er Assistenzprofessor am Institut für Jüdische Studien der Universität Wien. Bereits in dieser Zeit erwachte sein Interesse für den christlich-jüdischen Dialog durch den Kontakt mit dem österreichischen Prälaten jüdischer Herkunft Johannes Oesterreicher, der bei seinen Besuchen in Wien über die Schwierigkeiten des vierten Artikels von Nostra Aetate erzählte, welcher das Verhältnis der Katholischen Kirche zum Judentum betraf. Oesterreicher prägte diese Erklärung in wesentlichen Punkten; er nahm auch Einfluss auf die Gründung des seitens der Regierung des Kantons Luzern geplanten Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung.



Verbundenheit mit dem Judentum

1971 wurde Clemens Thoma als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Judaistik und Bibelwissenschaft der Theologischen Hochschule Luzern berufen. Die Judaistik sollte nicht nur als Pflichtfach für alle Theologie-Studierenden, sondern auch als geisteswissenschaftliche Disziplin präsent sein, verbunden mit der Forschung über den Dialog zwischen Judentum und Christentum. Sowohl die Einrichtung des Fachs Judaistik als auch die Gründung des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) zehn Jahre später geschahen im Geiste der Konzilserklärung Nostra Aetate vom 28. Oktober 1965, dem erneuerten Verhältnis der katholischen Kirche zu den nicht christlichen Religionen und der nun offen bekundeten, besonderen Verbundenheit mit dem Judentum.
Wichtig wurden für Clemens Thoma vor allem die produktive Zusammenarbeit mit seinem geschätzten Kollegen Simon Lauer, dem jüdischen Forschungs- und Lehrbeauftragten der Jahre 1981-1993, sowie seine lebenslange Freundschaft mit dem Jerusalemer Religionshistoriker und Neutestamentler David Flusser, der 1975 eine Gastprofessur am IJCF wahrnahm. In Zusammenarbeit entstanden wichtige Beiträge zur Erforschung und zum Vergleich der jüdischen Gleichnisse im rabbinischen Schrifttum und der neutestamentlichen Jesus-Gleichnisse. 1981 wurde das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) eröffnet, das Thoma bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1998 leitete. Professor Shemaryahu Talmon von der Hebräischen Universität Jerusalem hielt als damaliger Gastprofessor am IJCF die Festrede: «Die feierliche Eröffnung des Instituts für jüdisch-christliche Forschung in Luzern kann mit Recht als ein Meilenstein auf dem langen Weg bezeichnet werden, den Juden und Christen miteinander, gegeneinander, und oft getrennt und in Opposition gewandelt sind.»

Lehrer und Forscher

Als Fachmann für den interreligiösen Dialog wurde Thoma 1976 Konsultor der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum und beriet die Schweizer Bischofskonferenz hinsichtlich des christlich-jüdischen Gesprächs im Rahmen der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächkommission. Auf Bitten von Gertrud Luckner (1900-1995) gab Clemens Thoma seit 1972 und bis 2002 die Zeitschrift «Freiburger Rundbrief» heraus, ferner die Reihe «Judaica et Christinana» im Peter Lang Verlag. 1994 wurde Thoma zusammen mit Jakob J. Petuchowski (1925–1991) mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. 2001 erhielten er und der kurz zuvor verstorbene Alttestamentler Herbert Haag (1915-2001) die Ehrennadel der Stadt Luzern. Nach 2000 wirkte Thoma als Priester im Kloster Schänis. In diesem Jahr konnte Thoma sein 50-jähriges Priesterjubiläum feiern. Ende Oktober erinnerte das Symposium des IJCF an das 40-jährige Bestehen des Fachs Judaistik und an die Gründung des Luzerner Instituts vor 30 Jahren und würdigte somit die bleibenden historischen Verdienste von Clemens Thema als Gründungsvater (vgl. tachles 41/11).
Clemens Thoma war einer der grossen Brückenbauer in der Begegnung von Juden und Christen. Er war ein leidenschaftlicher Lehrer und Forscher, der auf markante Weise Generationen von Theologie-Studierenden wertvolles Wissen über das Judentum und die Freude am Fach Judaistik vermittelte. Auf theologischer Ebene entwarf er eine christliche Theologie des Judentums; welche, frei von Antisemitismus, das Judentum im Zusammenhang mit dem Christentum voll zur Geltung und zur Eigenständigkeit kommen lässt. Clemens Thoma war ein Wissenschaftler von internationalem Ansehen und mit gesellschaftlicher Wirkung, der auch kritische und unbequeme Fragen nicht scheute, ob es um die Debatte der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg oder um die Geschichte des christlichen Antijudaismus ging. Sein Leben, Denken und Glauben waren geprägt von der tiefen Überzeugung der Notwendigkeit der jüdisch-christlichen Versöhnung. Diesem Ideal widmete er sich mit unermüdlicher Schaffenskraft und von ganzem Herzen.     


Verena Lenzen ist Leiterin des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern.



» zurück zur Auswahl