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16. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 16, 2011

Seher und Sonde

Von Gabriel Heim, December 16, 2011
Im Rahmen eines Berliner Symposiums standen Aspekte des Urbanitätskonzeptes des heute fast vergessenen Denkers Edgar Salin zur Debatte.
VISIONÄR Edgar Salin bei der Eröffnung des Swiss Pavilion am Weizmann-Institut,
Rehovot, 1958

Als der in Basel lehrende Nationalökonom Edgar Salin (1892–1974) die Eröffnung des Swiss Pavillion am Weizmann-Institut in Rehovot erlebte, war ihm dies ein starkes Bild vom jungen Israel auf dem Weg in die urbane Gemeinschaft der Völker. Für Salin war Rehovot 1958 der «Zaubergarten» in einem Staat der Hoffnung. Hier eröffnet sich dem Platon-Übersetzer, Stefan-George-Jünger und bedeutenden Wirtschaftstheoretiker jüdischer Herkunft die faszinierende Gelegenheit neue Räume für eine neue Gesellschaft zu denken und zu planen. Dazu rief er das Israel Research Project ins Leben, das eine befruchtende Rolle bei der Errichtung neuer Städte für einen neuen Staat spielen sollte.



Humanistischer Pragmatiker

«Frieden durch Wohlstand» war das Ziel der salinschen «Polis», mit dem auch der gesamte arabische Nachbarraum begünstigt werden sollte. Neben Projektstudien für «new towns» innerhalb des Ariel-Sharon-Master-Plans zur Urbanisierung des Landes (Beersheva, Bet Shean, Ashdod usw.), wurden auf Salins Initiative auch Konzepte für eine moderne und klar dem Individuum zugewandte Formung des Landes entwickelt. Besonders intensiv engagierte er sich für den Bau der «Bahn der drei Meere», einer Transnegev-Strasse, die die Bodenschätze zu den Häfen und die Menschen zu Arbeit und Wohlstand bringen sollte. Obwohl – wegen strategischer Bedenken – nie gebaut, zeigt dieses Vorhaben die Visionen des «humanistischen Pragmatikers» Salin. So wie er 1936 den Arbeitsrappen entwickelt hatte, einen durch Lohnabzug geäufneten Fonds, der  im «roten  Basel» zu mehr Beschäftigung am Bau führen sollte, so war auch sein Engagement für Israel, ganz im Sinne Stefan Georges, vom Wunsch beseelt, das Ganze möge mehr werden als die Summe der Teile – Israel, die urbane Nation der Moderne, in der jeder Einzelne Verantwortung für das Ganze trägt. 1969 besuchte Edgar Salin Israel zum letzten Mal. Er wird gesehen haben, wie die  Utopie – und nicht nur seine – nach und nach den realen Bedingungen wich.

Viel zu bieten

Drei Tage lang war das Wirken Edgar Salins «Gegenstand» und Ausgangspunkt des Internationalen Symposiums «Neue Städte für einen neuen Staat», das auf Initiative des Lehrstuhls für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt (Karin Wilhelm, TU Braunschweig) in Berlin abgehalten worden ist. «So viel Salin war noch nie», und dennoch wurde mit Ausnahme seines letzten engen Mitarbeiters, des Wirtschaftstheoretikers Bertram Schefold, wenig Biografisches geboten. Doch Salin war im weiten Spektrum der Themen, von Raumplanung (Zvi Efrat), frühem Deutschlandbild der Israeli (Moshe Zimmermann) bis zur Unteilbarkeit kultureller Nachbarschaften (Meron Benvenisti) als «genialistische Sonde» und prophetischer Seher durchgängig präsent. Sein Credo von der Planung ohne Planwirtschaft fand auch im Deutschland der Nachkriegszeit Widerhall, doch auch hier musste er die Erfahrung machen, dass die Notwendigkeit des Wideraufbaus stärker war als die von ihm propagierte Universalität einer ganzheitlich organisierten Form von Zusammenleben und Zusammenarbeiten. Diesen Spannungsbogen von Wunsch zu Wirklichkeit, von Wissen zu Machen hat die Tagung im Dialog mit einem fast vergessenen Denker – auch schweizerischer Prägung – lebendig gemacht. Edgar Salin, der beinahe sein gesamtes Lebenswerk in Basel vollbracht hat, sollte mit Gewinn und auch mit Freude an der Debatte um die Zukunft der helvetischen Urbanität von seinen Enkeln wiederentdeckt werden, er hat viel zubieten! 



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