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16. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 16, 2011

Keine Kultur ohne Politik

Von Andreas Schneitter, December 16, 2011
Das Festival «Culturescapes» ist vor zwei Wochen zu Ende gegangen – bleiben werden die Erinnerungen an ein dreimonatiges Kulturfeuerwerk und an ein Buch, das die Hintergründe der israelischen Gegenwartskultur beleuchtet. Knapp gehaltene, aber lesenswerte Einblicke.
«CULTURESCAPES ISRAEL» Das Buch bietet einen reichhaltigen Einblick in die
Gegenwartskultur des Landes

Am Ende bleibt das Wort. «Culturescapes Israel» war nicht nur ein Festival, sondern ist auch ein Buch, herausgegeben im Basler Christoph-Merian-Verlag. Bot das Festival in den vergangenen Monaten eine breite Übersicht über das Kulturleben Israels, so sucht das Buch in 20 Texten nach den grossen Linien dessen, was das sein soll, die israelische Kultur, und danach, welche Gesellschaft ihr zugrunde liegt. Eine solche Erörterung genügt sich selten ohne Blick auf die Politik, erst recht nicht im Fall Israel, und so widmen sich die eröffnenden Texte der Intellektuellen David Grossman und Carlo Strenger der israelischen Gesellschaft aus der Perspektive ihrer Kämpfe und Widersprüche – nicht nur der politischen Widersprüche, aber ihnen im Besonderen. Wie wäre ein Israel beschaffen, fragt Grossman, das den Kitt der äusseren Bedrohungslage verloren hätte, und endet bei einem Szenario, in dem die «Zerbrechlichkeit einer bunten, zerstrittenen Migrationsgesellschaft, die hier geschaffen wurde, zum Vorschein kommt», und es würde sich offenbaren, «auf welch tönernen Füssen die demokratische Weltanschauung in Israel steht». Das klingt wenig erbaulich, und auch Strenger fragt sich, ob «das Ideal des Staates als rein legale Struktur, die zwischen den verschiedensten Kulturen vermitteln kann, eine Illusion» sei. Antworten gibt es keine, Prognosen zur Zukunft des Staates seien «völlig unmöglich».



Mütter und Militär

Umso mehr drängt sich der Blick in die Gegenwart auf, und in diesem liegt auch die Stärke des Buches. Najem Wali zeichnet ein liebevolles Bild der in Israel lebenden irakischen Juden und ihrem Versuch, das verlorene Babylon zu bewahren, Marlen Hasler geht dem Eskapismus der israelischen Kreativszene und ihrem Fluchtpunkt Berlin nach, und Erik Petry betrachtet mit der Kibbuzbewegung einen prominenten Aspekt der kurzen israelischen Geschichte mit grosser Vergangenheit und ungewisser Zukunft.
Noch differenzierter wird das Bild Israels in den Begleittexten zur Kulturszene des Landes: Sylvia Jaworskis Text über die Figur der jüdischen Mutter in der Gegenwartsliteratur beschreibt  das von der Armee mitinszenierte Bild der Mütter, die den Verlust ihrer Kinder zugunsten der Sicherheit zu ertragen haben. Eine Mütterlichkeit wird beschrieben, so bemerkt Jaworski überzeugend, die am Sockel der militärischen Macht und damit an einem der festesten Fundamente der Gesellschaft rüttelt. Yaki Menschenfreund zeigt am Beispiel der zahm gewordenen Satiresendung «Erez nehederet» die Profanisierung des Fernsehens als Leitmedium auf und macht damit eine Parallele zum übrigen westlichen Fernsehen sichtbar, wo scharfe politische Auseinandersetzung nur unter der Vorgabe der Unterhaltung zu haben ist. Eine Normalisierung einer Medienlandschaft, könnte man anfügen, die jedoch der Politik noch vorauseilt.

Enge des Marktes

Wie einflussreich die geografische Lage Israels, umgeben und weitestgehend isoliert von arabischen Nachbarn, auch auf die Struktur der Kreativlandschaft ist, macht schliesslich Claudia Frenzels Analyse des Überlebenskampfes der israelischen Popmusik deutlich: Gemessen an der Menge des Outputs ist der nationale Markt zu klein, der logistische Aufwand für Konzerttourneen ins Ausland jedoch beträchtlich grösser als bei der europäischen Konkurrenz. Ein knapp gehaltener und dennoch reichhaltiger Einblick in die Gegenwartskultur des Landes.
  
Culturescapes Israel. Christoph Merian Verlag, Basel 2011.



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