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16. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 16, 2011

Der Grinch

Von Hanno Loewy, December 16, 2011
FREUDIGE BEGRÜSSUNG IN ISRAEL Einwanderer aus Nordamerika werden von Einheimischen willkommen geheissen

Dass der Staat Israel von der Idee beseelt ist, alle Juden dieser Welt zu vertreten und ihnen eine Heimat zu bieten, ist nichts Neues. Wir haben uns daran gewöhnt, immer wieder mehr oder minder diskret daran erinnert zu werden. Israelische Politiker und nicht zuletzt das israelische Einwanderungsministerium haben niemals eine Gelegenheit ausgelassen, unter den Juden der Diaspora für die «Alija», den «Aufstieg» ins Land Israel, zu werben. Die Anwerbemethoden haben gewechselt, je nach Lage der jüdischen Minderheiten in den unterschiedlichsten Weltgegenden. Aber in der Regel ist es immer darum gegangen, den potenziellen Einwanderern ein Bedrohungsszenario vor Augen zu halten: Der Aufstieg nach Israel sollte sie aus einer Welt von Anfeindungen und Gefahren hinaus in die Sicherheit der eigenen Nation führen.
Zuletzt haben die Juden Frankreichs diese Logik kennengelernt. Netanyahu hat sie mehr als einmal daran erinnert, welcher täglichen Bedrohung sie in den Vorstädten von Paris angesichts einer wachsenden Judenfeindlichkeit unter arabischen Migranten ausgesetzt seien. Und er hat sie aufgefordert, doch lieber gleich dort hinzugehen, wo diese Feindschaft (vielleicht aber auch die eigene Politik) die meisten jüdischen Opfer fordert.
Solche Appelle haben dann und wann einen hysterischen Unterton, zumal seit einigen Jahren die Einwanderungsbilanz Israels negativ zu werden droht. Israel war schon immer ein Land, in das Juden nicht nur einwandern, sondern aus dem sie auch auswandern. Aber inzwischen löst dieses Phänomen offenbar Panikschübe aus.



Bislang hat die propagandistische Anmassung israelischer Einwanderungspolitik zumindest vor den Juden in den USA Halt gemacht. Schliesslich hängt Israel am Tropf der amerikanischen Politik und nicht zuletzt auch der amerikanischen Juden.
Doch nun hat das israelische Einwanderungsministerium auch diese rote Linie überschritten. Und wurde in letzter Minute zurückgepfiffen. Zu spät freilich. Der diplomatische Schaden ist angerichtet. Was ist geschehen?
Eine Kampagne mit Werbespots sollte Israeli in den USA an ihre Heimat erinnern, und daran, dass sie ihre Kinder an den amerikanischen Traum verlieren, wenn sie nicht rechtzeitig zurückkehren. So weit so gut, aber geht das, ohne die Gefühle amerikanischer Juden zu verletzen, für die genau dieser amerikanische Traum die Lebensgrundlage ist, für den sie gekämpft haben, als Einwanderer, im Bemühen um sozialen Aufstieg über Jahrhunderte und mit der Waffe in der Hand im Europa des Zweiten Weltkriegs?
Es geht nicht. Und so nahm das diplomatische Desaster seinen Lauf.

Einer der Spots geht noch subtil ans Werk, ein Kind versucht seinen Vater zu wecken, der ein Nickerchen macht und nach ein paar erfolglosen Versuchen, ihn mit «daddy!» aus dem Schlummer zu holen, gelingt es dann doch, mit dem Wort «aba!».
Der zweite Spot ist da schon weniger sensibel: Eine an Jom Hasikaron, dem Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten, traurig vor ihrem Notebook sitzende junge Frau ist mit dem Unverständnis ihres amerikanischen Freundes oder Ehemannes konfrontiert und entgegnet ihm, dass er «nie verstehen wird, was es bedeutet, Israeli zu sein». Und vollends ins Fettnäpfchen tritt schliesslich jener auch saisonal ins Schwarze treffende Spot, der eine kleine Familie in den USA beim Skypen mit Oma und Opa in Israel zeigt. Die Grosseltern sitzen vor einer dekorativ im Hintergrund postierten Chanukkia und Oma fragt das Enkelkind, welcher Feiertag denn gerade gefeiert wird. «Christmas» lautet die prompte Antwort und löst auf allen Gesichtern Peinlichkeit und Entsetzen aus. «Help them return to Israel» – «Helfen Sie ihnen, nach Israel zurückzukehren», bevor es zu spät ist, lautet denn auch die Botschaft am Ende aller Spots.

Und der Skandal in den USA war perfekt. Israelische Propaganda gegen Mischehen und jüdische Weihnukka-Feste, das haben wir gerade noch gebraucht. In der jüdischen Presse in den USA, in Blogs und Online-Magazinen hat Netanyahu nun einen neuen Namen: the Grinch.
Rechtzeitig für das Weihnachtsprogramm hat der legendäre Kino-Griesgram Grinch, der den Leuten das Weihnachtsfest verderben will, einen würdigen Nachfolger gefunden. Kaum war das Bömbchen entdeckt, wurde versucht, es unschädlich zu machen. Die Kampagne in mindestens fünf jüdischen Gemeinden der USA wurde gestoppt, die Filme von der Website des israelischen Einwanderungsministeriums genommen, der Weihnachtsverderber auch auf anderen Websites gesperrt. Der israelische Botschafter in den USA erklärte wortreich, die Kampagne sei von Netanyahu keineswegs persönlich abgenommen worden, und bedauerte die dadurch hervorgerufenen Verletzungen. Doch das Lauffeuer brennt. Und ist zu einem
veritablen diplomatischen Selbstmordanschlag geworden.

Denn auch wenn, so beteuert die israelische Regierung, nur israelische Staatsbürger in den USA von der Kampagne angesprochen werden sollten, sie trifft auch amerikanische Juden ins Mark. Immer mehr von ihnen realisieren, dass der israelische Traum einer souveränen jüdischen Nation und der amerikanische Traum einer multiethnischen Gesellschaft nicht wirklich miteinander vereinbar sind. Dass jene Werte, die jüdisches Leben nicht nur in den USA, sondern auch in der europäischen Diaspora nicht nur erträglich, sondern vielleicht besonders lebenswert machen, kaum noch mit der Realität des nationalen jüdischen Projekts übereinstimmen. Eine Realität, die davon geprägt ist, dass in Israel Frauen in manchen öffentlichen Bussen hinten sitzen müssen, dass 20 Prozent der Staatsbürger von wesentlichen Entscheidungen ausgeschlossen bleiben, dass die Trennung von Staat und Religion zusehends aufgehoben wird und dass Generation für Generation junger Menschen ihr entscheidendes «Bildungserlebnis» darin erfahren, in besetzten Gebieten die Bevölkerung zu schikanieren, um Einzelne von ihnen daran zu hindern, sich in die Luft zu sprengen und in Tel Aviv oder sonst wo Massaker anzurichten. Eine Realität, die geprägt ist von Politikern, für die Gewalt auch im Alltag offenbar den normalen Zustand darstellt, und von einem Ministerpräsidenten, der nun als Grinch in die Geschichte eingehen wird.

Da hilft es auch nichts mehr, wenn man – wie Hannes Stein in der «Jüdischen Allgemeinen» – versucht, den Ball flach zu halten und der israelischen Regierung «ezzes» zu geben, wie klügere Kampagnen aussehen könnten: zum Beispiel indem man den schönen Strand von Tel Aviv oder die niedrige Arbeitslosenrate in Israel verführerisch ins Feld führt. (Schliesslich bieten Militär und Militärtechnologie, möchte man ergänzen, tatsächlich viele hoch
attraktive Jobs.)
Irgendwie hat Hannes Stein da Jeffrey Goldberg falsch verstanden, dessen Blog in «The Atlantic» das Ganze am 30. November ins Rollen brachte und von dem er tüchtig ein paar Pointen abgeschrieben hat.
Goldberg hatte launig ein paar Alternativen vorgeschlagen wie «Hey, komm nach Israel zurück, denn unsere Arbeitslosenrate ist halb so hoch wie in den USA» oder «Es ist immer sonnig in Israel». Er hatte zudem zugegeben, dass Weihnachtsfeste und Mischehen in den USA häufiger ein Thema seien als in Israel. Dort hätte man stattdessen allerdings mit anderen Problemen zu tun, zum Beispiel mit Rabbinern, von denen sich viele aufführen würden wie «iranische Mullahs». Goldbergs Kommentar trifft den wachsenden Unmut amerikanischer Juden darüber, sich von Israel wie nützliche Idioten behandeln zu lassen: «Die Idee, die sich in dieser Werbekampagne äussert, dass nämlich die USA kein passender Ort für richtige Juden seien und dass ein Jude, der sich um die jüdische Zukunft kümmert, in Israel leben sollte, ist archaisch. Und sie ist ‹chutzpadik› (wenn ich mir diesen Rückgriff auf
die Umgangssprache erlauben darf). Die Message ist: Liebe amerikanische Juden, danke für die Lobbyarbeit zugunsten amerikanischer Verteidigungshilfen (und was für eine wunderbare Show ihr jedes Jahr bei der AIPAC-Konferenz veranstaltet!). Aber bitte: Hände weg von unseren Söhnen und Töchtern.»  Warten wir ab, was der Grinch noch an Pointen zu bieten hat. Weihnukka ist schliesslich jedes Jahr.   



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