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Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 9, 2011

Ruhm und Ausbeutung

Von Andreas Mink, December 9, 2011
Die hohen Goldpreise machen die Exploration im Südosten der USA erneut profitabel. Lange vor dem Goldrausch in Kalifornien wurde das Edelmetall von North und South Carolina bis Georgia in grossem Massstab abgebaut.
WERTVOLLER FUND In diesem Bach Little Meadow Creek in North Carolina wurde um 1800 ein grosser Gold-Nugget gefunden

Der gelbliche Klumpen war acht Kilo schwer und diente dem Bauern John Reed einige Jahre lang als Türstopper. Sein Sohn Konrad hatte den merkwürdigen Stein in dem Bach Little Meadow Creek auf dem Familiengrundstück im Hügelland von North Carolina entdeckt. Die Reeds waren hoch erfreut, als ihnen ein Händler den Klumpen schliesslich für 3.50 Dollar abkaufte. Wenig später erfuhr der als hessischer Söldner nach Nordamerika gekommene Reed, dass sein Sohn Gold gefunden hatte: Der wuchtige Nugget war seinerzeit tatsächlich 3600 Dollar wert. Mit dieser Episode aus den Jahren um 1800 beginnt gemeinhin die Geschichte des Goldabbaus in den heutigen USA. Allerdings gibt es dazu eine sephardisch-jüdische Fussnote, die hier ebenfalls Erwähnung finden soll.
Bis in den amerikanischen Bürgerkrieg hinein wurde östlich der heutigen Grosstadt Charlotte, North Carolina, Gold im heutigen Wert von 65 Milliarden Dollar gefördert. Diese Vorkommen blieben vor dem grossen Goldrausch in Kalifornien 1848 jahrzehntelang die einzige inländische Quelle für die Prägung amerikanischer Goldmünzen. Dabei hat die in North Carolina entwickelte Expertise erheblich zum Goldboom in Kalifornien beigetragen. Minenarbeiter, Techniker und Ingenieure aus dem amerikanischen Südosten zogen an den Pazifik, nachdem beim Bau einer Wassermühle des Pioniers Johann August Sutter am American River Gold entdeckt worden war. Auch hier hatten Regen und Wasserläufe Goldstaub und Nuggets aus metallhaltigem Gestein ausgewaschen. Und wie in North Carolina gingen die Exploratoren bald von den Wasserläufen zu den offen liegenden Erzadern über, um dem Edelmetall dann unter die Erdoberfläche zu folgen.
Lief diese Entwicklung auf den grossen Goldfeldern im Osten und Norden Kaliforniens binnen weniger Jahre ab, so kann von einer Minenindustrie in North Carolina erst in der Zeit nach 1825 die Rede sein, als die Exploratoren mit der Erschliessung von Erzadern im Quarzgestein des Piedmont-Plateaus am Fuss der Appalachen begannen. Wie die Historiker Richard Knapp und Brent Glass in ihrem grundlegenden Buch «Gold Mining in North Carolina» zeigen, trugen die Minen in dem bis hinunter nach Georgia verlaufenden «Schiefergürtel» auch erheblich zur Entwicklung der regionalen Wirtschaft bei. Die ergiebigsten Minen entwickelten sich zu verzweigten Stollensystemen in bis zu 240 Metern Tiefe. Dort waren auch aus den Goldbergwerken in Wales eingewanderte Hauer tätig. Blieben die 600 Minen meist im Besitz von Bauern, so profitierten Banken, Verkehrswesen und verarbeitendes Gewerbe doch stark von der Goldgewinnung – oder entstanden überhaupt erst im Zuge der Jagd nach dem gelben Metall. Daran beteiligten sich ausländische Investoren, vor allem aus Grossbritannien. Neben walisischen Fachkräften zog das Gold auch französische Experten ins Piedmont.



Romantisch verklärte Erinnerung

Experten betrachten die insgesamt positive Bilanz des Goldabbaus in North Carolina als Ausnahme bei der Gewinnung von Rohstoffen im Allgemeinen und Gold im Besonderen: Bis zum heutigen Tag verwüsten der beim Minenbetrieb anfallende Abraum und die dabei eingesetzten Chemikalien betroffene Landschaften. Dazu kamen die meist katastrophalen Arbeitsbedingungen in den engen, schlecht belüfteten und schlecht gesicherten Schächten. Obendrein herrschten in Goldgräber-Camps häufig Chaos und Gewalt. Diese Zustände finden sich weiterhin in den mehr oder weniger «wilden» Abbaustätten Lateinamerikas oder Afrikas.
Doch die Historiker Knapp und Glass verschweigen die für den amerikanischen Süden spezifischen Schattenseiten des Goldabbaus nicht: Schwarze Sklaven stellten einen erheblichen Teil der Minenarbeiter. Dies widerspricht der landläufigen Vorstellung, dass unfreie Arbeitskräfte vorwiegend auf Plantagen und daneben als Hausbedienstete ausgebeutet worden sind. Die Sklaverei war ein sehr viel flexibleres und differenzierteres System, das vom Kunsthandwerk über die Schifffahrt bis hin zur Metallverarbeitung in fast jedem Gewerbezweig der alten Südstaaten anzutreffen war. Auch die Familie Reed investierte ihren neuen Reichtum in Sklaven. Einer von ihnen fand 1803 einen weiteren, elf Kilo schweren Nugget im Little Meadow Creek. Als John Reed 1845 aus dem Leben schied, besass er neben seiner Goldmine auch ein Dutzend Sklaven. Danach verkauften seine Erben den Hof und ihre Mine. Die Anlage war noch einige Jahre in Betrieb. Doch nach dem Bürgerkrieg fehlten in der Region das Kapital und das technische Know-how, um die tiefer liegenden Goldvorkommen auszubeuten.
Von kurzen Boom-Perioden unterbrochen wurde die Suche nach dem Edelmetall zu einer romantisch verklärten Erinnerung. Diese wird in der Region in etlichen Museen am Leben gehalten, unter anderem auf dem ehemaligen Hof der Reeds. Hier können Besucher in die teilweise nur 1,50 Meter hohen Stollen schauen und die Maschinen bewundern, die damals das Gestein aus der Mine zertrümmert und gemahlen haben. Danach wurde Wasser über den Staub geleitet, um Goldpartikel auszuwaschen. Auch daran können sich Touristen nun versuchen. Sehr ergiebig ist diese Methode freilich nicht. Dennoch erstellen einheimische und zugereiste «Gold-Bugs» (Goldnarren) im Piedmont neuerdings Waschanlagen, über die von Hochdruckpumpen angesaugter Sand und Kies aus Bächen und Flüssen gespült wird. Die lokalen Umweltbehörden versuchen diesem Treiben Einhalt zu gebieten, da die Pumpen Laichgebiete zerstören und seltene Fisch- und Süsswassermuschelarten bedrohen. Allerdings unterstützt der Staat North Carolina die Goldsuche prinzipiell und stellt Interessierten eine Vielzahl von Informationen zur Verfügung. Vor allem die alten, sehr detaillierten Vermessungskarten finden dank der darin verzeichneten Goldminen heute reissenden Absatz.
Neben den Amateuren mit ihren Waschanlagen sind in den letzten Jahren auch Profis auf das Gold von North Carolina aufmerksam geworden. Ähnlich wie bei Öl und Erdgas machen hohe Preise und verbesserte Abbau-Methoden auch beim Gold längst als erschöpft aufgegebene Lagerstätten wieder attraktiv. Vor allem kanadische Minenkonzerne haben in der alten Goldregion Schürfrechte erworben und unternehmen derzeit extensive Probebohrungen. Darunter sind die Firmen Revolution Resources und Strongbow Exploration aus Vancouver. Der Goldexperte Michael George vom offiziellen US Geological Survey erwartet zusätzliche Investoren. Am weitesten fortgeschritten ist die ebenfalls in Kanada beheimatete Firma Romarco Minerals, die im benachbarten South Carolina bereits 350 Millionen Dollar in einen Claim nahe der Ortschaft Kershaw 150 Kilometer südlich der Reed-Mine investiert hat. Romarco erwartet zusätzliche Ausgaben von 300 Millionen Dollar, ehe die erste Unze Gold mittels einer Zyanid-Lösung aus dem Gestein gewaschen wird. Das Unternehmen geht davon aus, dass die Mine beginnend im Jahr 2014 insgesamt 3,1 Millionen Unzen, also 90 Tonnen Gold, fördern wird. Diese Menge demonstriert die enormen technischen Fortschritte der Industrie. Laut einer offiziellen Erhebung aus den sechziger Jahren wurden während des ersten Goldrausches in North Carolina insgesamt nur 38 Tonnen Gold gewonnen.

Auf den Spuren von «Kryptojuden»

Das neue Interesse an dem Edelmetall hat nicht nur Minenkonzerne in den Schiefergürtel gelockt, sondern auch das Interesse von Historikern an der Region stimuliert. Eine Gruppe von Lokalhistorikern im Norden von Georgia, wo der goldhaltige Schiefergürtel ausläuft, untersucht französische, spanische und britische Landkarten und Dokumente aus der Zeit zwischen 1580 und 1780. Überdies auf archäologische Belege gestützt behaupten die Forscher, dass das fruchtbare, aber weit von spanischen Siedlungen an der Küste von Florida entfernte Hochland «Conversos» oder «Kryptojuden» Zuflucht geboten hat. Darunter könnten sich von der Inquisition um 1600 aus Cartagena in Equador vertriebene «Conversos» und Sephardim befunden haben. Dies wäre eine Parallele zu den «heimlichen Juden» in New Mexiko (vgl. aufbau, Oktober 2010). Die Siedlungen im nördlichen Georgia wurden angeblich in den Kriegen zwischen den Briten und den Spaniern in den Jahren 1702 bis 1714 ausgelöscht, bei denen auf beiden Seiten auch indianische Krieger teilnahmen.
Zudem sind mündliche Überlieferungen aus dem 18. Jahrhundert bekannt, die von unter den lokalen Cherokee- und Creek-Indianern lebenden «Portugiesen» berichten. Diese sollen Gold aus den Gewässern im Nacoochee-Tal im nördlichen Georgia gewaschen und bearbeitet haben. Nach der Gründung der USA erwarben einflussreiche Politiker wie der Senator John C. Calhoun dort einträgliche Schürfrechte. Die Ausbeutung war erst nach der Unterwerfung der Indianer möglich, die – im Falle der Cherokee – viele Jahrzehnte lang gegen die Briten und amerikanische Kolonisten kämpften. Als die von Calhoun entsandten Bergleute dann 1824 mit der Goldsuche begannen, stiessen sie auf Überreste einer alten Siedlung, die unter anderem in Minen gebräuchliche Werkzeuge enthielt. So ist es zumindest ein reizvoller Gedanke, dass die heutigen «Goldnarren» nicht nur den Spuren der Familie Reed folgen, sondern noch andere, rätselhafte Vorgänger hatten. Offensichtlich sind dort, wo Gold ist, auch Geheimnisse nicht weit.    ●


Andreas Mink ist Redaktor der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.



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