Wer kann in Jonathan Sacks’ Spuren wandeln?
Mehr Transparenz und der Einschluss von Meinungen der Frauen – diese zwei Merkmale sollen nach Ansicht von führenden Mitgliedern des orthodoxen Judentums in Grossbritannien zu Ecksteinen des Prozesses für die Ersetzung des langjährigen Oberrabbiners Lord Jonathan Sacks werden. Sacks wird sein Amt im September 2013 niederlegen. Er hoffe, ein neuer Oberrabbiner werde bis zum kommenden September gefunden werden, um eine «Periode des geordneten Übergangs» zu gewährleisten. Das sagte dieser Tage Stephen Pack, Präsident der United Synagogue, des führenden Gremiums der 130 orthodoxen jüdischen Gemeinden in Grossbritannien. Vor dem Hintergrund von Spekulationen, wonach ein Nachfolger von Rabbiner Sacks aus dem Ausland kommen könnte, erklärte Pack zudem, die Rabbinersuchkommission werde die Position zum ersten Mal in Inseraten ausschreiben. Die formelle Suche hat zwar noch nicht begonnen, doch auf einer informellen Liste befinden sich laut Pack bereits die Namen von über einem Dutzend empfohlener Rabbiner. Von diesen seien nur die Hälfte Briten.
Anerkannt und respektiert
Jonathan Sacks ist seit 1991 Oberrabbiner von Grossbritanien. In dieser Position hat er aussergewöhnlichen Einfluss auf die jüdische Welt und darüber hinaus ausgeübt. Als geübter Autor und regelmässiger Kommentator in den Programmen der BBC gehört Sacks zu den am meisten anerkannten und respektierten religiösen Persönlichkeiten seines Landes. Vor allem durch die autorisierte Übersetzung des traditionellen orthodoxen Gebetbuchs – ein Werk, das von vielen Gemeinden in aller Welt mit Begeisterung aufgenommen worden ist – hat Sacks seinen Einfluss über die britische jüdische Gemeinde hinaus ausgedehnt. Innerhalb Grossbritanniens hat der scheidende Oberrabbiner sein Wirken geprägt durch ein Engagement im ökumenischen Dialog und die Erneuerung des Gemeindelebens.
Seine zwei Jahrzehnte an der Spitze sind nicht ohne Kontroversen geblieben. Bei seinem Amtsantritt 1991 verpflichtete sich Rabbiner Sacks zu einer Är des Einschlusses, schrieb er in einem Buch doch, orthodoxe Juden müssten der Rolle der liberalen jüdischen Strömung bei der jahrelangen Aufrechterhaltung von Identität und Praxis eine «positive Bedeutung» zumessen. Verschiedene Zwischenfälle haben diese Verpflichtung allerdings in Zweifel gezogen. 1997 etwa zog sich Sacks von einem Gedenkgottesdienst für den Reformrabbiner und Holocaust-Überlebenden Hugo Gryn zurück, nachdem es zu Protesten der Union of Orthodox Hebrew Congregations gekommen war. In der Folge wurde enthüllt, dass Sacks in einer Antwort an den Vorsitzenden der orthodoxen Union gesagt habe, Gryn gehöre zu jenen, die «den Glauben zerstören». Sich selber bezeichnete Sacks zudem als «Feind nicht orthodoxer Bewegungen».
Schwierige Nachfolge
Zwischenfälle wie diese haben einige zur Behauptung veranlasst, das Büro des Oberrabbiners sei ohnehin unnötig. Führer des
liberalen Judentums wiederum beklagten sich darüber, dass der Oberrabbiner als orthodoxe Figur nicht wirklich repräsentativ für das britische Judentum sei. «Das Oberrabbinat hat sich überlebt, und es braucht eine alternative Form der Führung, welche die Pluralität der Gemeinde anerkennt», schrieb Meir Persoff, ein Experte für Fragen des britischen Oberrabbinats, in einem Buch mit dem Titel «Another Way, Another Time?».
Als erster formeller Anlass des Auswahlprozesses werden im Dezember eine repräsentative Gruppe von rund 300 Führungspersönlichkeiten der Mitgliedsgemeinden der United Synagogue sowie Delegierte anderer orthodoxer Gemeinden des Zentrums in London zusammenkommen. Diese Gruppe wird ersucht werden, sich auf eine Job-Beschreibung und auf persönliche Charaktereigenschaften zu einigen, die der United Synagogue für den kommenden Oberrabbiner vorschweben. Bisher ist für die Wahl des Oberrabbiners noch nie eine solche Gruppe gebildet worden. Zu weiteren prozeduralen Veränderungen, die Pack ankündigte, zählt der Einschluss von Frauen. Jede Synagoge wird durch ihren Präsidenten vertreten sein sowie durch ein weibliches Vorstandsmitglied.


