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9. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 9, 2011

Der erste jüdische 
Flottenadmiral

Von Bryan Schwartzman, December 9, 2011
In Philadelphia wird Mitte Dezember eine zwei Meter hohe Statue von Uriah P. Levy, dem ersten Flottenadmiral der US-Marine, eingeweiht. Um den Mann wie um die Statue ranken sich viele Geschichten und Legenden.
EINE BRONZESTATUE VON URIAH P. LEVY Am 16. Dezember wird das Denkmal auf dem Gelände der Synagoge Mikveh Israel eingeweiht

Uriah P. Levy (1792–1862), der erste jüdische Flottenadmiral der US-Marine, reiste fürs Leben gerne. Seine erste Reise absolvierte er 1802 im Alter von zehn Jahren, als er seine Dienste dem Kapitän der USS New Jerusalem anbot. Als einzige Bedingung verlangte er, rechtzeitig zu seiner Bar Mizwa wieder in Philadelphia zu sein. Dort würde er in der damals weniger als 100 Jahre alten Synagoge Mikveh Israel aus der Thora vorlesen.
Über 200 Jahre später kehrte Levy in Form einer zwei Meter hohen Statue nach Hause zurück. Das Porträt des Mannes, der wegen seiner Abschaffung des Auspeitschens in der Marine und dann wegen des Kaufs des Hauses von Thomas Jefferson berühmt geworden ist, begann seine Reise in einen Moskauer Studio. Zum Schluss endete die Statue auf einem enormen Podest vor der gleichen Synagoge, in der Levy einst aus der Thora vorlas.



Wer war dieser Mann?

Die beiden für das Monuments verantwortlichen Männer hoffen, dass dessen prominente Platzierung gegenüber der Independence Mall in Philadelphia Generationen von Kindern zur Frage veranlassen wird: «Wer ist dieser Mann, und was hat er getan?» Gary Tabach, ein heute in Moskau lebender ehemaliger Captain der US-Marine, sagt: «Grosse amerikanische Menschen müssen permanent von ihrem Volk in Erinnerung gehalten werden.» Er beabsichtigt, zur offiziellen Einweihungszeremonie der Statue am 16. Dezember nach Philadelphia zu reisen. Zwecks Erhalts finanzieller und logistischer Hilfe wandte sich Tabach an seinen ehemaligen Klassenkameraden Joshua Landes, Sohn von Aaron Landes, dem früheren Rabbiner der Gemeinde Beth Sholom, ein pensionierter Marine-Rabbiners und Konteradmiral. «Ich war immer stolz auf jüdische Wehrmänner,» sagt der 49-jährige Joshua Landes, ein in Riverdale, New York, lebender Vermögensverwalter, der im Vorstand der American Jewish Historical Society sitzt. «Als Freund Amerikas, des jüdischen Volkes und meiner Heimatstadt Philadelphia habe ich das Gefühl, dass sich alle für uns einsetzen, damit wir prominente Immobilienrechte auf der Independence Mall erhalten.»
Der ebenfalls 49-jährige Tabach kam in der Sowjetunion zur Welt, wuchs in Philadelphia auf und absolvierte eine lange Karriere in der Armee. Bis zu seiner Pensionierung im September war Tabach Generalstabschef der militärische Liaison-Mission der NATO in Moskau. Davor leitete er das NATO-Zentrum für die Verteidigung gegen den Terrorismus.

Ein überzeugter Jude

Dank Levy, der während seiner Karriere mit offenem Antisemitismus konfrontiert war, haben die Juden, wie Tabach betonte, einen Platz in der amerikanischen Armee. Aus diesem Grunde wollte Tabach mit der Statue Levys Andenken ehren, genau so wie der 1862 verstorbene Levy es einst für Thomas Jefferson getan hatte. «Levy war ein überzeugter Jude, der Grosses erreicht hatte», versicherte Tabach, der derzeit für verschiedene jüdische Gruppen in Russland, wie Hillel oder die Freunde der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, aktiv ist.
Levy bleibt vor allem dank seiner Weigerung in Erinnerung, sich dem Antisemitismus zu beugen. Zwischen 1845 und 1855 verweigerte man Levy 16 Mal das Kommando übe sein eigenes Schiff, und schliesslich wurde er mit der Begründung aus der Marine gefeuert, als Offizier nicht zu genügen. Zu guter Letzt errang er seine Position wieder und schaffte es bis zum Rang des Flottenadmirals. Berühmt ist auch sein Beschluss, die Marine zu modernisieren, indem die grausame Bestrafung des Auspeitschens aufgehoben wurde. Und schliesslich war Levy begeistert von Jefferson, dem dritten US-Präsident, der seiner Meinung nach der für die Errichtung der Barriere zwischen Kirche und Staat am meisten verantwortliche Gründervater war. Dieser Beschluss erlaubte den Juden in den USA, sich zu entfalten.

Eine Statue von Thomas Jefferson

1836 erwarb Levy, der es im Immobiliensektor zu Vermögen gebracht hatte, Monticello, die damals vom Zerfall bedrohte Jefferson-Villa ausserhalb von Charlottesville in Virginia. Zu einer Zeit, da das Konzept der historischen Bewahrung noch nicht existierte, scheute Levy keine Kosten, um Haus und Terrain in den früheren, glorreichen Zustand zurückzuführen. Während des Bürgerkriegs zerfiel das Gebäude zwar wieder, doch Levys Neffe, Jefferson Monroe Levy, übernahm die Aufgabe der vollen Restaurierung von Präsident Jeffersons architektonischem Meisterwerk. Uriah Levy gab auch beim französischen Bildhauer David d’Angers eine Statue Jeffersons in Auftrag, die er 1834 dem Kongress als Geschenk überreichte. Levy ist im spanisch-portugiesischen Friedhof in Brooklyn begraben. Während seines Lebens erreichte Levy nie den gleichen Ruhm wie andere Juden aus dem Philadelphia der frühen Tage der Republik, wie beispielsweise der revolutionäre Kriegsfinanzmann Haym Salomon. In den letzten Jahren aber ist der Respekt für Levy gewachsen. So weihte die Marine-Akademie in Annapolis 2005 einen neuen Raum ein, der seinen Namen trägt. Im gleichen Jahr wurde ein seinem Leben gewidmetes Theaterstück («Levy’s Ghost» von Lewis Schrager) in Baltimore aufgeführt. Im Zentrum steht ein Dialog zwischen Levy und dem Geist von Thomas Jefferson.
Tabach hatte aber trotzdem das Gefühl, dass Levy ausserhalb der Marine nie gebührend gewürdigt worden ist. Während seiner Stationierung in Russland lernte er den Bildhauer Gregory Pototsky kennen, der nach einigen Verhandlungen einwilligte, eine Statue herzustellen, die auf einem Porträt basiert, das Levy beim Unterzeichnen des Befehls zeigt, der die Auspeitschung abschaffte. Landes finanzierte den Bau des grossen Podestes für die Statue.

Ein Tribut

Anfänglich hatten Tabach und Landes mit dem Gedanken gespielt, die Statue bei Penn’s Landing aufzustellen, wo Levy zum ersten Mal ein Schiff bestiegen hatte. Die Suche nach einem geeigneten Standort gestaltete sich aber schwierig. 2009 verbrachte die Statue rund sechs Monate im Zentrum für jüdische Geschichte in Manhattan. Anschliessend wurde sie gelagert, 
wobei ihre Zukunft recht unsicher war. 
Tabach wollte auf keinen Fall, dass das Kunstwerk mit einer religiösen Institution in Zusammenhang gebracht würde.
Dann aber nahm das Schicksal seinen Lauf: Tabachs Mutter fiel und brach sich den Arm. Der Sohn flog aus Russland in die USA, um bei ihr im Jefferson-Universitätsspital sein zu können. Jom Kippur nahte, und er wusste nicht, welche Synagoge er besuchen sollte. Landes schlug  Mikveh Israel vor. Diese Erfahrung veränderte, wie er sagte, seine Perspektive. Die gegenüber der Independence Mall und nicht weit von der Liberty Bell gelegene Stätte wäre für die Statue perfekt, meinte er.
Einigen Juden mag das Errichten von Statuen ein Dorn im Auge sein. Rabbi Albert Gabbai, die religiöse Eminenz der Synagoge Mikveh Israel, meinte dagegen, es gebe kein religiöses Gesetz, das den Bau von Denkmälern verbiete. «Niemand», so sagte er, «wird die Statue anbeten, nur weil sie ein Kunstwerk ist.» Gabbai, ein orthodoxer sephardischer Rabbiner, fügte hinzu: «Sie ist ein Tribut nicht nur an die Gemeinde, sondern an die jüdische Gemeinschaft und die ganze Nation.»



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