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2. Dezember 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 48 Ausgabe: Nr. 48 » December 2, 2011

«Ich bin mit Omanut aufgewachsen»

Interview Yves Kugelmann, December 2, 2011
Nina Zafran-Sagal tritt per Ende Jahr vom Omanut-Präsidium zurück. Zuvor kann sie mit dem Kunstverein das 70-Jahr-Jubiläum feiern. Ein Gespräch über jüdische Kunst und Omanut.
SCHEIDENDE OMANUT-PRÄSIDENTIN Nina Zafran-Sagal möchte sich weiterhin im Kulturbereich engagieren

Tachles: Wofür steht Omanut im Jahr 2011?
Nina Zafran-Sagal: Verglichen mit der Vergangenheit sind wir heute selbstbewusster, stehen für Offenheit, sind in der Öffentlichkeit präsent und werden von anerkannten kulturellen Institutionen beigezogen. Wir sind ein Vermittler zwischen Juden und Nichtjuden. Aber wir sind punkto Programm auch strikter geworden und halten an unseren Ansprüchen fest.



Omanut hat sich ja von einer inner-jüdischen zu einer allgemeinen Angelegenheit gewandelt.
Ja, dank dem wundervollen Vorstand, den wir haben. Die Vorstandsmitglieder sind alle Profis, die sehr viel einbringen und ihre Kontakte haben.

Omanut setzt Wert auf einen gemischt-konfessionellen Vorstand.
Ja, genau. Das Thema muss jüdisch sein, nicht aber die Leute. So haben wir etwa Walter Labhart bei uns, den ich als weltweit bedeutenden Spezialisten für jüdische Musik und Komponisten betrachte. Oder Nicolas Baerlocher, ehemaliger Kulturverantwortlicher im Präsidialdepartement der Stadt Zürich, der nach seiner Pensionierung zu uns gestossen ist.

Aber Omanut ist nach wie vor eine Zürcher Institution?
Ja, das meiste spielt sich eigentlich lokal ab. Anlässe ausserhalb Zürichs sind eher selten. Aber wir sind mobil und bei den Leuten, schon weil wir kein eigenes Haus haben.

Ihre Familie war schon immer mit Omanut verbunden. Ihr Onkel gehörte zu den Gründern, ihr Vater war lange Zeit im Vorstand. Inwiefern hat Sie das geprägt?
Omanut und Kunst im Allgemeinen war immer ein Thema bei uns. Ich bin mit Omanut aufgewachsen. Ja, mein Onkel Benjamin Sagalowitz gehörte zu den Gründern, mein Vater Wladimir Sagal war zehn Jahre lang im Vorstand für Kunst. Alle, die damals mit Omanut zu tun hatten, gehörten auch zum Freundeskreis meiner Eltern und gingen bei uns aus und ein.

Zu jener Zeit konnten sich die vielen Ost-Flüchtlinge, die in den Gemeinden eher ausgegrenzt waren, über die Kunst etablieren.
Ja, das ist richtig. Es traten bei Omanut nach dessen Gründung, die in diesem Kontext überhaupt erfolgte, viele von ihnen auf. Omanut ist noch heute etwas Eigenständiges, Anderes, Unabhängiges. Es ist ein Kunstverein mit Betonung auf Kunst, auf die wir uns beschränkt haben und noch beschränken.

Bei der Gründung ging es auch stark um die Definition der jüdischen Identität über die Kultur, den kulturellen Austausch.
Ja, im Gegensatz zur Religion als gemeinsamem Nenner. In der Schweiz war dies, im Gegensatz etwa zu Wien, sehr ungebräuchlich. Es wurde von den Immigranten mitgebracht.

In den letzten Jahren lag viel Schwergewicht auf Literatur. Was sind hier die inhaltlichen Credos?
Wir sind diesbezüglich recht spontan und flexibel und betrachten die jeweilige Qualität dessen, was uns angeboten wird. Aber auch Empfehlungen von namhaften Autoren, etwa für einen jungen Schriftsteller aus Israel, können die Entscheidung beeinflussen.

Die Feier zum 70. Jubiläum von Omanut steht aber ganz im Zeichen der Musik – acht Stunden lang. Warum?
Als vielseitiger – mit «e» – Verein bringen wir «Vielsaitiges» – mit «a».
Wir bieten den Leuten zwar «nur» Musik, aber eine Riesenauswahl. Dies auch im Hinblick darauf, dass sich Omanut in seinen Anfängen vor allem mit Musik, der Verbreitung von jüdischer Musik befasste. In diesem Kontext entstand die Idee, ein grosses Streichmusikfestival mit vielen guten Musikern aller Altersgruppen zu veranstalten. Da bietet sich das Jubiläumsfest doch förmlich dafür an.

Jüdische Kultur wird von immer mehr Seiten angeboten. Wie will sich Omanut in diesem Umfeld zukünftig profilieren?
Weiterhin wie bisher: durch qualitativ sehr hoch stehende Anlässe zu Themen, die zu uns passen. Als Beispiel möchte ich etwa die Diskussionen mit Künstlern im Haus Konstruktiv anführen – eine neue Reihe von uns. 

Leisten Sie damit nicht einem elitär geprägten Kulturbegriff Vorschub? Und wie kann man Kultur einem breiteren Publikum näher bringen?
Wir haben eigentlich sehr oft viel Publikum an unseren Anlässen. Manchmal sind es auch nur wenige, aber dafür sehr interessierte Besucher. Ich glaube, dass Anlässe für ein breites Publikum von Gemeinden und vielen anderen Organisationen abgedeckt werden. Wir sind mit unserer Linie bis jetzt sehr gut gefahren; in den zehn Jahren seit ich Präsidentin bin, habe ich nie einen Flop miterleben müssen.

Würden Sie sich bei einem sehr grossen Anlass wie etwa Culturescapes Israel nicht engagieren wollen, auch wenn er qualitativ sehr hochstehend ist?
Nein, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass man bei so riesigen Veranstaltungen mit so vielen einzelnen Anlässen am Schluss nicht mehr weiss, wohinter man sich denn eigentlich gestellt hat.

Wenn Sie demnächst das Präsidium abgeben, wird mit Karen Roth-Krauthammer eine neue Generation übernehmen.
Ja, und ich bin sehr froh, dass wir eine junge Person für das Amt gefunden haben. Denn meine Hoffnung für die Zukunft von Omanut ist, dass mehr junge Leute angezogen werden – die fehlen bis jetzt ein wenig, obwohl wir uns um sie bemüht haben. Karen Roth-Krauthammer bringt als Hauptgewicht Literatur, Theater und Museum mit.

Sie werden sich persönlich aber sicher auch weiterhin im Kulturbereich engagieren?
Ich werde hoffentlich wieder mehr Zeit für Musik, sprich mein eigenes Pianospiel, haben. Und möchte mich endlich dem zeichnerischen Nachlass meines Vaters ernsthaft widmen, was vielleicht zu einer Ausstellung führen mag. Alles andere ist aber noch offen. Aber ich werde sicher auch vieles vermissen, denn das Engagement für Omanut war speziell in den zwei letzten Jahren sehr intensiv.  Familie und Enkel werden mich aber bestimmt darüber hinwegtrösten.

Es gab in den letzten Jahren ja auch eine geradezu riesige Anhäufung jüdischer kultureller Anlässe. Ist das gut, und woher kommt diese etwas seltsame Inflation?
Ich masse mir nicht an, das zu beurteilen. Aber es mag einfach an der Nachfrage liegen, offensichtlich gibt es dafür das nötige Publikum. Ich sehe auch bei unseren nicht jüdischen Mitgliedern einen geradezu unglaublichen Hunger nach solchen Themen, und sie besuchen viele jüdische Veranstaltungen oder Ausstellungen ausserhalb von Omanut. Manchmal mag es wirklich fast etwas zu viel des Guten sein.


Sonntag, 11. Dezember, Kongresshaus Zürich, Kammermusiksaal, Gotthardstrasse 5, Zürich. Weitere Informationen unter Telefon 044 915 28 63 oder www.omanut.ch



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