Die schönen Seiten der schönen Seiten
Die Qualität der Exponate der bedeutenden jüdischen Schriftkultur, der Handschriften, Bücher, Manuskripte und Schriftrollen, die der Unternehmer und Sammler René Braginsky in den letzten 30 Jahren zusammengetragen hat, ist weltweit einzigartig. Das Landesmuseum gibt nun erstmals
in der Schweiz Einblicke in eine Privatsammlung, die nach Ausstellungen in Amsterdam, New York und Jerusalem so bald nicht mehr für die Öffentlichkeit zu sehen sein wird. An der letztwöchigen Preview und Vernissage im Landesmuseum würdigten die Redner Andreas Spillmann, Direktor Schweizerisches Landesmuseum, Regierungsrätin Ursula Gut-Wintergerber, Ständerat Felix Gutzwiller und Claudia Steinfels, einst Chefin Sotheby’s Zürich, Sammlung und Ausstellung als wichtige Vermittler für die Einblicke in die jüdische Lebenswelt und Geschichte.
René Braginsky freute ich in seiner Ansprache darüber, dass die Sammlung nun wieder in die Heimatstadt zurückgekehrt ist. Eine Odysse, die den Werken selbst nicht fremd ist. Haben doch viele Schriften über viele Stationen und durch Jahrhunderte ihre Besitzer gewechselt. «Jedes Stück dieser Sammlung hat seine eigene Geschichte und ist so Zeuge der jüdischen Vergangenheit, unserer Vergangenheit. Wer die Vergangenheit nicht kennt, hat es schwer, die Gegenwart zu bewältigen und sich auf die Zukunft einzustellen.» Ein Credo des Sammlers, das er auch eng an die Geschichte seiner Familie knüpfte und feststellte, dass erst in seiner Generation jüdische Menschen in Frieden und Geborgenheit in der Schweiz leben konnten. NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer ordnete die Bedeutung jüdischer Schriftkunst in seiner Ansprache ein und zeigte auf, wie jüdische Schriften, die ihren Platz im gelebten Alltag und nicht nur in Bibliotheken fanden, immer eng an den Gebrauch von Menschen gebunden waren. Den musikalischen Höhepunkt setzte der junge Schweizer Pianist Teo Gheorghiu.
Den rund 500 Anwesenden offenbarte sich dann in der Ausstellung ein Feuerwerk an Kalligrafie, hoher Kunstfertigkeit und faszinierender Schriftkunst. Ausstellungskurator Emile Schrijver, Leiter der Bibliotheca Rosenthaliana, hat mit einem Team für die Züricher Ausstellung eine neue Auswahl und Inszenierung der Bücher vorgenommen (vgl. tachles 47/11). Neben den bereits bekannten und bedeutenden Werken der Sammlung widmet sich die Ausstellung auch den wichtigen Basler Drucken und dem Austausch zwischen Christentum und Judentum; es werden auch Judaica gezeigt, die wahrscheinlich im Wallis entstanden sind. Generell zeigt der Gang durch die Schriftwelten, wie international, vernetzt, kulturübergreifend und mitunter avantgardistisch die Gelehrten, Schreiber und Künstler die Schriftplattform durch die Jahrhunderte nutzten. Vor allem räumt die Ausstellung mit vielen Stereotypen auf und zeigt, wie sich die jüdische Kultur schon über Jahrhunderte in einer Art gelebtem Austausch in einer Kunst ohne Selbstzweck manifestiert.
Bis März 2012. Informationen und Begleitprogramm unter www.schoneseiten.landesmuseum.ch, Exponate unter www.braginskycollection.com. Der Katalog ist erschienen bei Verlag Scheidegger & Spiess.


