Auschwitz liegt in der Schweiz
Verbandszynismus. Auschwitz ist chic. Und funktioniert immer. In gewichtigen Reden, im engagierten Unterricht oder in absatzträchtigen Filmen. Auschwitz ist Ikone. Geworden. Auschwitz muss permanent und inflationär für die Schoah, die jüdische Identitätsbildung und den israelischen Nationalismus herhalten. Busweise werden Jugendliche in die vermeintliche Einöde mit Supermarkt und Karmeliterkloster gekarrt, durch Auschwitz-Birkenau geschleust, an der Todeswand vorbei, zur Rampe – und erfolgreich mit dem Schockerlebnis und vielen Erinnerungsfotos nach Hause geschickt. Denn Auschwitz wirkt immer. Nur als Gedenkort taugt Auschwitz auf diese Art wenig – weil die Respektlosigkeit im Umgang mit dem Ort ihn längst zur Persiflage hat verkommen lassen.
Verbandszynismus. Nun haben auch die beiden jüdischen Dachverbände der Schweiz, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Plattform der liberalen Juden der Schweiz (PLJS), Auschwitz für sich entdeckt und bieten seit Neuestem Ein-Tages-Reisen Zürich–Auschwitz–Zürich an. Ja, für sich entdeckt. Denn das Unterfangen ist nicht selbstlos. Rein und raus. Für Lehrer und Private. Fürs Mittagessen im nahe gelegenen jüdischen Krakau reicht’s dann leider nicht mehr. Keine Zeit abseits vom Judenkommerz für die berühmte Remuh-Synagoge oder den Friedhof, auf dem Rabbiner Mosche Isseler begraben liegt. Nur den Auschwitz-Effekt werden die Reisenden zum Spezialpreis von 449 Franken mitnehmen können. Mit Garantie. Und somit reihen sich SIG und PLJS in eine ganze Reihe jüdischer und anderer Organisationen ein, die den Ort des Zivilisationsbruchs für billige und nicht mal günstige Reise-Events nutzen.
Verbandszynismus. SIG, PLJS und andere Auschwitz-Anbieter werden unzählige selbstgerechte und -legitimierende Argumente für den Auschwitz-Trip ins Feld führen. Voraussichtlich auch schwergewichtig pädagogische. Das Problem ist nur: Es geht nicht um Meinungen und Argumente, sondern um Haltung. Um Redlichkeit. Um Integrität. Um Respekt. Bei Reisen nach Auschwitz ist auch der Weg das Ziel, Reflexion, Zeit, Kontext, Umgebung, Dialog, Vorbereitung, Verinnerlichung – wie der weitgehend zerstörte Ort selbst. Auschwitz ist kein Hardcore-Gefühlsabenteuertrip, sondern eine Annäherung an das Grauen, die Vergangenheit, das Nichtvorstellbare.
Verbandszynismus. «Auschwitz liegt nicht in der Schweiz» liess im Jahr 1996 der damalige Bundespräsident Jean-Pascale Delamuraz verlauten und reihte sich ein an der Spitze der geschmacklosen Aussagen innerhalb der Holocaust-Debatte. Adolf Muschg hielt daraufhin zornig eine Rede mit dem Titel «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt». Delamuraz konnte damals allerdings nicht wissen, dass ausgerechnet die jüdischen Dachverbände Auschwitz per Tagesausflug für die Schweiz erreichbar machen würden, anstatt zu helfen, die näher liegende Schweizer Geschichte am Beispiel der Schweizer Internierungslager aufzuarbeiten oder vor Ort aufzuzeigen, wie letztlich die Schweizer Bürokratie Joseph Schmidt de facto tötete. Wenn’s denn ein Tagesausflug mit Besuch eines Konzentrationslagers (KZ) sein muss, würden sich noch die KZ Struthof im Elsass oder Dachau bei München oder Mauthausen bei Linz anbieten. Wenn’s allerdings unbedingt Polen sein muss, dann empfiehlt sich Majdanek bei Lublin. Das KZ ist gut erhalten, eindrücklich, das Aschedenkmal im Andenken an das Massaker bewegend und die Stadt Lublin mit der einst grössten Jeschiwa Polens in 15 Minuten erreichbar. Dann hätten die Tagesreisenden auf ihrem Ausflug zumindest noch das gesehen, was in Polen vernichtet wurde und in Schornsteinen aufging: Ein reiches jüdisches Leben und Erbe.
Verbandszynismus. Erinnerungsarbeit und der Besuch von KZ-Stätten sind wichtig, mit Zeitzeugen ganz besonders. Sollte die neu entdeckte «Vergangenheitsarbeit» dem SIG und der PLJS wirklich redlich ein Anliegen sein, dann sollten sie die Ein-Tages-Reisen absagen und sich dem Thema adäquat mit seriösen Reisen widmen, die nicht einen Effekt, sondern den Prozess der Erkenntnis im Auge haben. Denn Auschwitz liegt wirklich nicht in der Schweiz. Und niemand sollte so tun, als ob.


