Aus dem Tagebuch eines Lagerinsassen
Im Rahmen der Messe BuchBasel lud der Christoph-Merian-Verlag zur Vernissage seiner Neuerscheinung «Interniert in Schweizer Flüchtlingslagern». Simon Erlanger, Lehrbeauftragter am Jüdischen Institut der Universität Luzern, und Peter-Jakob Kelting, geschäftsführender Schauspieldramaturg am Theater Basel, die gleichzeitig als Herausgeber des Buches walten, waren im Dialogzelt der Messe zugegen, um zusammen mit Michael Freisager, dem Enkel Felix Stössingers, dem interessierten Publikum einen Einblick in die gesammelten Lageraufzeichnungen Stössingers zu geben. Kelting übernahm dabei die Rolle des Moderators und stellte abwechslungsweise Erlanger und Freisager Fragen die Originalaufzeichnungen des jüdischen Autors Stössinger betreffend. Dieser war 1942 mit seiner Familie über Frankreich in die Schweiz geflüchtet und fand sich, statt im erhofften Refugium, alsbald in einem Kreislauf aus Flüchtlingslager, Bürokratie und Anfeindungen wieder. Als bekannter Autor wurde Stössinger von einem Lagerkommandanten damit beauftragt, seine Erlebnisse in einem Journal niederzuschreiben.
Keine Zensur
Nun, mehr als ein halbes Jahrhundert später, sind diese Aufzeichnungen – welche die Lageratmosphäre in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs «in literarisch hochstehender Form» aufzeigen, so Erlanger – in Buchform erhältlich. Stössinger, vermischt in seinem Erlebnisbericht gekonnt persönliche, intime Sichtweisen mit einer darstellenden und interpretierenden Perspektive, ganz seiner journalistischen Tradition folgend. Stössinger wurde dabei auch ausdrücklich «aufgefordert», über die negativen Seiten des Lagerlebens zu berichten, war also keiner Zensur ausgesetzt. Freisager, der als Jugendlicher selber in verschiedenen Arbeitslagern in der Schweiz Dienst leisten musste, erwähnt während des Gesprächs etwa die notorisch knappen Lebensmittelrationen, die durch die kriminellen Machenschaften einiger Lagerkommandanten noch verschärft wurden.
Subtile Anfeindungen
Auch antisemitische Anfeindungen werden in den Aufzeichnungen von Stössinger thematisiert, wenngleich weniger direkte Übergriffe (ob verbal oder nonverbal), sondern vielmehr die strikte Negierung der Existenz der Juden beklagt wird. Freisager erwähnt hierbei etwa die Weigerung der Schweizer Bevölkerung, die Internierten zu grüssen – ein kleiner, aber subtiler Affront, der 1942 wohl noch etwas mehr bedeutete als heute. Daneben berichtet Stössinger aber auch von auf den ersten Blick erfreulichen Ereignissen, wie etwa Tanzabenden und anderen Freizeitbeschäftigungen. Freisager und Erlanger geben aber zu bedenken, dass diese Beschäftigungen oftmals in erster Linie dazu dienten, die Lagerinsassen von Streiks und ungehorsamem Benehmen abzuhalten. Eine Art von oben verordneter Fröhlichkeit also. Abgerundet wird die Publikation durch ein Interview mit Hans Michael Freisager und einen Überblick über den historischen Hintergrund, bei dem einmal mehr die ambivalente Haltung der Schweizer Behörden im Umgang mit Flüchtlingen – insbesondere jüdischen – während des Zweiten Weltkriegs aufzeigt wird.


