Im Reich der Freimaurer
Von aussen sieht das Gebäude auf der 23. Strasse in Manhattan, unweit der Sixth Avenue, wie jedes andere Bürogebäude aus. Doch nachdem man vom Pförtner eingelassen wurde und Richtung Aufzüge geht, wird einem klar, dass dies kein gewöhnliches Hochhaus ist. Die Symbole an der Wand, etwa die übereinanderliegenden Winkel und Zirkel, kommen einem bekannt vor und sind gleichzeitig geheimnisvoll. Dies ist das Klubhaus einer der exklusivsten Bruderschaften der Welt, deren Namen viele Assoziationen hervorruft und über die man doch sehr wenig weiss: der Grossloge der Freimaurer von New York.
Die Freimaurer sind eine Bruderschaft, die wie kaum eine andere Vereinigung Amerikas Geschichte geprägt hat. George Washington war Freimaurer (wie 13 weitere US-Präsidenten), und auf der Rückseite des Eindollarscheins, auf dem Washington abgebildet ist, findet man eine Pyramide mit dem Auge der Vorsehung, ein Freimaurersymbol. Bei der Grundsteinlegung der Freiheitsstatue, dem wohl berühmtesten Symbol Amerikas, waren Freimaurer selbstverständlich vorsitzend, und, so wird mir versichert, bei kaum einem prägenden Moment in der amerikanischen Geschichte fehlten Freimaurer.
Es gibt schätzungsweise sechs Millionen Freimaurer weltweit, fast zwei Millionen allein in den USA. Aber die Mitgliederzahlen sind rückgängig. Die «New York Times» schätzt, dass es in New York noch etwa 54 000 Freimaurer gibt. 1929 waren es um die 350 000, 1957 immerhin noch etwas über 300 000.
Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat die New Yorker Freimaurerloge etwas initiiert, dass noch vor Jahren als ketzerisch angesehen wurde. Sie sucht aktiv nach neuen Mitgliedern. Der Schleier der Geheimhaltung wird daher leicht angehoben, eine Website klärt über die Grundideen der Bruderschaft auf, und die Türen zu Teilen des Hauptquartiers in Manhattan werden seit Kurzem Besuchern geöffnet.
Täglich gibt es öffentliche Führungen, auf denen man die goldverzierten Decken, den Marmor an den Wänden und die thronartigen Stühle für hochrangige Freimaurer bewundern kann.
Verschwörungstheorien
Die Grand Lodge of The Free and Accepted Masons of The State of New York wurde 1787 gegründet. Doch trotz der weit verbreiteten Wohltätigkeitsarbeit assoziieren viele die Freimaurer mit Verschwörungstheorien und anderen Missverständnissen. Die öffentlichen Führungen sollen daher Aufklärungsarbeit leisten.
Ein Grund für die Missverständnisse über die Freimaurerei hängt mit dem Schweigekodex der Mitglieder zusammen. Ein Freimaurer ist dem Grundsatz verpflichtet, freimaurerische Bräuche und Logenangelegenheiten nicht nach aussen zu tragen. Die erste Frage, die einem gestellt wird, wenn man einer Tour beiwohnt, ist daher, ob man ein Bruder, also ein Mitglied in einer Freimaurerloge, sei. (Frauen können bis heute nicht den Freimaurern beitreten.) Ausser mir ist lediglich ein anderer Tourteilnehmer kein Bruder, aber er ist auf dem Weg, einer zu werden. Die anderen Teilnehmer kommen von anderen Logen in Aruba, Brasilien und Schottland.
Die Freimaurer, so wird einem auf dem Rundgang erklärt, verstehen sich als ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt. Die fünf Grundideale dieser globalen Bruderschaft sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, die jeder Freimaurer im Alltag praktizieren soll. Im Selbstverständnis der Organisation sollen Menschen aller sozialen Schichten, Religionen und Bildungsgrade vereint werden.
Dies wird auch in der Ehrengalerie unterstrichen. Während viele New Yorker Clubs Anfang des 20. Jahrhunderts Minderheiten verschlossen waren, finden sich hier berühmte jüdische Persönlichkeiten wie etwa Hollywoodgrösse Louis B. Mayer, der Stars wie Clark Gable und Judy Garland entdeckte, sowie der in Ungarn als Erik Weisz geborene Entfesslungskünstler Harry Houdini oder der grosse amerikanische Komponist Irving Berlin, zu dessen Hits «White Christmas», «There’s No Business Like Show Business» und das patriotische «God Bless America» gehören.
«Die Freimaurerei ist wissenschaftlich und rational», wird mir auf dem Rundgang erklärt. Religion und Politik, sehr persönliche beziehungsweise emotionale Themen, müssen daher immer draussen bleiben. Atheistisch ist man jedoch nicht. Die Freimaurerei bedient sich in Ritualen des Begriffs des Allmächtigen Baumeisters aller Welten, der symbolisch für den persönlichen Glauben eines jeden Bruders steht.
Prächtige Säle
Die Rituale finden in den einzelnen Zeremonialsälen statt, die immer gleich aufgebaut sind. Man kommt durch die rechte Tür hinein. Links neben der Tür befindet sich eine Orgel, davor ein Stuhl auf einer Empore für den Organisten. Die linke Tür direkt neben der Orgel ist von zwei Säulen umgeben, auf denen jeweils eine Kugel thront. Die erste hat Sterne und einen diagonalen Streifen mit den Sternzeichen, die zweite ist ein Globus. Diese Tür führt in ein kleineres Versammlungszimmer. An beiden Seiten des Saales befinden sich Sitzgelegenheiten. In der Mitte steht eine Art dreieckiger Altar, der von drei Kerzen umrahmt wird. Am anderen Ende des Raumes befindet sich eine Empore mit jeweils fünf Stühlen. Der Mittlere ist höher als die anderen. Keines der Zimmer hat Fenster.
Die anderen Brüder erklären mir, dass der Aufbau der Räume typisch sei und auch Zeremoniesäle von Freimaurern in anderen Ländern so aussähen, jedoch bei weitem nicht so beeindruckend seien. Jeder Raum hier ist ein architektonisches Kunstwerk für sich, ein Raum ist beispielsweise im Kolonialstil dekoriert, ein anderer eine Hommage an das pharaonische Ägypten.
Eine amerikanische Besonderheit ist der Buchstaben G über der Empore des jeweiligen Raumes, oftmals eingerahmt von einer Art Sonne. Was er bedeutet, wird nicht verraten, ebensowenig, wie die Zeremonien ablaufen; nur, dass die Zeremonien auf Gebräuche historischer Steinmetzbruderschaften zurückgeführt werden können.
60 Logen treffen sich täglich in der Freimaurerzentrale an der 23. Strasse. Was genau diese Logen machen, wissen nur Eingeweihte. Man muss eben ein Bruder werden, um dieses Geheimnis zu lüften.


