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Edler argentinischer Tropfen

Von Camilla Landbø, December 2, 2011
Im Kosher Wine Club in Buenos Aires werden den Mitgliedern erlesene lokale Weine eingeschenkt.
MALBEC Der typisch argentinische Wein

Wenn sie das Glas in die Hand nimmt, macht sie es vor: Sie bringt den edlen Tropfen zum Kreisen, steckt die Nase ins Glas und dann erst nimmt sie genüsslich einen kleinen Schluck. Mariana Gil Juncal ist die Sommelière des Kosher Wine Club in Argentinien. «Dieser Wein riecht fruchtig, nach Himbeeren und Rosen», beschreibt die 29-Jährige das Aroma. «Wenn man ihn trinkt, schmeckt er ein wenig nach Johannisbeeren, Vanille und trockenen Feigen.» Dieser Malbec/Cabernet Sauvignon passe sehr gut zu Pasta mit würziger Salsa oder einem Asado, wie die Argentinier das gegrillte Fleisch nennen.
Der Kosher Wine Club ist der erste Wein-Club seiner Art weltweit. Nicht nur, dass er seine Mitglieder ausschliesslich mit koscherem Wein beliefert – er stellt ihn auch gleich selber her. Der Club wurde vergangenes Jahr ins Leben gerufen, diesen August präsentierte er seinen ersten edlen Tropfen. «Wir produzieren Qualitätsweine für eine erlesene Kundschaft», sagt Gil Juncal. Gleich hinter ihr, im Empfangslokal mitten in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, stehen aufgereiht sechs Weinflaschen. Es sind die Kreationen, die der Club in seinem ersten Jahr anbietet.



Perfekte Weinbauregion

Was macht die Weine des Kosher Wine Club so exklusiv? «Wir arbeiten nur mit dem Besten vom Besten», sagt Gil Juncal. Das fange bei der Wahl der Traube an und werde bis ans Ende der Produktion durchgezogen. «Bis der Korken die Weinflasche verschliesst», so die Weinexpertin.
Für die Produktion eines edlen Weins bietet sich Argentinien tatsächlich an. Das südamerikanische Land ist der fünftgrösste Weinproduzent der Welt. Besonders im Westen Argentiniens, rund um die Stadt Mendoza, reiht sich auf Tausenden von Hektaren Rebstock an Rebstock. Am Fuss der Anden haben die Trauben die ideale Erde und das nötige trockene, warme Klima für ein gutes Gedeihen. Über 300 Tage im Jahr scheint dort die Sonne, weshalb diese Region auch als «land of the sun» bezeichnet wird. Mendoza gehört ausserdem zu den sogenannten Great Wine Capitals – das sind neun Städte mit ihren Weinbauregionen, die zu den exklusivsten Weinstädten der Welt deklariert wurden. Dazu zählen unter anderem auch Florenz, Mainz oder Kapstadt.
Der Kosher Wine Club hat für seine Produktion in Mendoza, rund 1000 Kilometer von Buenos Aires entfernt, nach dem geeigneten Weinkeller und der richtigen Traube gesucht. «Wir wollten nur mit Winzern zusammenarbeiten, die die Trauben von Hand ernten», erklärt Gil Juncal. Bei einer maschinellen Lese könne etwa die Traubenschale verletzt und deswegen die Gärung noch auf dem Weinberg in Gang gesetzt werden. Weiter legte der Club viel Wert darauf, dass bei jedem blühenden Rebstock die Hälfte der Trauben weggeschnitten wird. «Auf diese Weise entwickeln sich die übriggebliebenen Trauben nahrhafter, mit mehr Aroma, Farbe und Geschmack.» Zweifelsohne, fügt die junge Frau an, werde die Herstellung des Weines dadurch um einiges teurer.

Getrunken wird der Malbec

Bevor allerdings die ersten Trauben den Weg in den Weinkeller fanden, nahm Gil Juncal erst zahlreiche Abklärungen vor. Mehrmals reiste sie in Begleitung eines Rabbiners in die Weinregion Mendoza. Der jüdische Lehrmeister begutachtete, ob auf den Rebflächen keine zusätzlichen Pflanzen angebaut werden. Denn für die Herstellung von koscherem Wein sind keine Trauben aus Feldern mit Mischkulturen erlaubt. Weiter wurden alle Maschinen und Gegenstände, die im Weinkeller verwendet werden, unter Aufsicht des Rabbiners nach jüdischen Vorschriften gesäubert.
Der Kosher Wine Club kauft die Trauben bei Kleinbauern ein. Seine Weine designt er aus drei Traubensorten: Malbec, Cabernet Sauvignon und Merlot. Er stellt reine Weine her, wie den Malbec, der nun diesen Dezember an die Clubmitglieder verschickt wird. Andere Kreationen sind aus zwei Sorten oder Verschnitte aus mehreren Rebsorten. Ein solcher Blend sollte schon bald in Flaschen abgefüllt werden.
Sachte zieht Gil Juncal den Korken aus einer neuen Flasche und sagt: «Es darf nicht ploppen.» Während die Sommelière einen Malbec in ein Glas einschenkt, erklärt sie noch andere hilfreiche Details, damit man in feiner Gesellschaft keinen Fauxpas begeht. So werden Weingläser nur am Stiel angefasst, um das Getränk nicht unnötig zu erwärmen. «Dieser Rotwein riecht nach frischen Früchten wie Kirschen, es stechen Aromas wie Bitterschokolade und geröstete Mandeln hervor», beschreibt sie den Malbec. Der Geschmack sei kraftvoll und weise eine Kaffeenote auf.
Malbec ist der klassische argentinische Wein. Seine gleichnamige Traube ist eigentlich eine französische Rebsorte. Nach der Entdeckung Südamerikas wurde sie jedoch von Europäern über den Atlantik geschifft. Heute liegt das grösste Malbec-Anbaugebiet der Welt in Argentinien. Der Malbec wird dort bei jeder Gelegenheit getrunken und ist wie das gegrillte Fleisch oder der Kräutertee Mate Teil der argentinischen Kultur.
Der Kosher Wine Club stellt keinen typisch jüdischen «jajin mewuschal» – gekochten Wein – her. «Früher hatte der jüdische Wein keinen besonders guten Ruf bei Weinliebhabern auf der Welt», sagt Gil Juncal. Denn durch das kurzzeitige Erhitzen verliere der edle Tropfen an Aroma und Farbe. Das Verfahren werde angewendet, um sicherzustellen, dass der Wein auch dann koscher bleibt, wenn ihn ein nicht orthodoxer Jude ausschenkt. «Heute gibt es jedoch immer mehr koschere Weine auf dem Markt, die nicht nach diesem Verfahren verarbeitet wurden.»

Strenge Kaschrutaufsicht

Die Trauben im Weinkeller in Mendoza werden allerdings nach strengsten Vorschriften verarbeitet. Bei jedem Schritt ist der Rabbiner oder eine von ihm qualifizierte Person zugegen, und er betet auf Hebräisch. Die Mitarbeiter, die etwa die schlechten von den guten Trauben trennen oder die Reben erst in die Mühle, dann in die Presse und schliesslich als Most in den rostfreien Edelstahltank schütten, befolgen alle den Schabbat. Während der Wein gärt und später über Wochen lagert, versiegelt der Rabbiner die Tanks. Niemand soll den Wein ohne seine Aufsicht probieren. Einmal in der Flasche, bekommt der Wein ein Etikett. Der Rabbiner zertifiziert, dass der Wein koscher hergestellt wurde.
Die Flaschen werden in Sechserpackungen nach Buenos Aires geschickt und von dort direkt vor die Türen der Club-Mitglieder. «Der exklusive Wein ist weder in Restaurants noch im Supermarkt erhältlich», sagt die Sommelière. Zurzeit zählt der Club rund 350 Weinliebhaber, darunter solche, die nicht zur jüdischen Gemeinschaft gehören. Seit der erste Wein im August präsentiert wurde, steigt die Mitgliederzahl stetig. Bis Ende Jahr rechnet der Club mit 500 Mitgliedern, die im Moment ausschliesslich aus Argentinien kommen. Das soll sich aber bald ändern. Jüdische Gemeinden in den USA, in Panama und Mexiko haben bereits Interesse am feinen Wein gezeigt. Der Club hat auch Israel ins Auge gefasst: «Dahin möchten wir den Malbec exportieren.» Auch wenn man dort bereits Malbec-Weine kaufen könne, so handle es sich dabei nicht um in Argentinien produzierten koscheren Malbec.
Der Kosher Wine Club setzt nicht nur auf gute Qualität in der Produktion, sondern auch auf elegante Präsentation. Bevor jeweils ein neuer Wein an die Mitglieder verschickt wird, organisieren Gil Juncal und andere in einem noblen Hotel in Buenos Aires eine Degustation. Dabei lassen sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Mitglieder gleichzeitig ein wenig zu schulen. Denn wer einen edlen Tropfen trinken will, soll ihn auch erkennen. Der Wein wird in schwarzen Gläsern serviert und die Gäste sind dazu aufgerufen, spielerisch Geruch und Geschmack zu trainieren. «Ohne den Wein zu sehen», erklärt Gil Juncal, «müssen sie sagen, ob sie Weiss- oder Rotwein riechen, ob der Wein fruchtig ist und welcher vinologische Begriff zu welchem Aroma passt.»
Die Sommelière nimmt einen weiteren Schluck Malbec. «Das ist ein junger Tropfen», sagt sie. Die Argentinier würden gerne junge Weine trinken, die Europäer bevorzugten ältere. Die nächsten Kreationen des Clubs sollen länger gelagerte Weine sein. Am Ende erinnert sich Gil Juncal an ein Zitat von Robert Mondavi, einem Pionier des amerikanischen Weinbaus: «Guten Wein zu machen ist ein Handwerk. Feinen Wein, eine Kunst.» 



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