Von Tishbi über Makura bis nach Pavo
Nur wenige Minuten nach dem Abzweigen von der stark frequentierten Strasse Nummer zwei zwischen Tel Aviv und Haifa in östlicher Richtung erreicht der Fahrer auf der Höhe der Kreuzung Fureidis die Ortschaften Zichron Yaakov und Binyamina sowie etwas weiter nördlich die Wälder von Hof Hacarmel mit der organischen Gemüsefarm im Moschaw Ofer und in unmittelbarer Nähe die ebenfalls organische Olivenzucht Makura sowie die Weinkellerei Amphorae (nicht koscher).
Wein und Schokolade
Andere Höhepunkte der Erkundungsreise abseits der grossen Route sind zweifelsohne die hoch über Zichron Yaakov thronende, seit Dezember 2010 produzierende Boutiquebierbrauerei Pavo und in Binyamina die Weinkellerei Tishbi, die sich zwar immer noch fest in Familienhand befindet, mit einer Jahresproduktion von gut einer Million Flaschen aber kaum noch als echte Boutiquekellerei gelten kann.
Im Besucherzentrum von Tishbi kann der Gast aus einer überwältigenden Fülle von Weinen auswählen und kosten. Dabei hat die Kellerei sich etwas besonderes Originelles ausgedacht: Eine Kombination von Weinen mit auserlesener Schokolade an der Degustationsbar, wobei der Wein nicht etwa in simplen Gläsern kredenzt wird, sondern in Erzeugnissen des bekannten österreichischen Glasproduzenten Georges Riedel. Und die Schokolade stammt aus dem nicht minder bekannten französischen Haus Valrhona. Auf diese Weise liessen sich, wie der Weinmacher Golan Tishbi ausführt, der optische und kulinarische Genuss zu einem qualitativ kaum zu überbietenden Ganzen vereinen. Ebenfalls ein Muss bei Tishbi ist das milchige Restaurant (koscher), das nicht nur erstklassige Pizzen, Salate und Pasta offeriert, sondern dem Gast auch ermöglicht, die Herstellung von Sauerbrot mit eigenen Augen mitzuverfolgen. Zudem verfügt die Käsebar über ein exquisites Angebot, das aber nur für Liebhaber zu empfehlen ist, die mit dem Wort «Kalorien» nichts anzufangen wissen.
Organische Köstlichkeiten
Eine knappe Autoviertelstunde nordöstlich von Tishbi liegt die Olivenfarm Makura, wo Guy Roliff seit rund 25 Jahren auf 160 Hektaren eine organische Farm betreibt. 50 Hektaren sind der Zucht von acht Olivensorten reserviert; die eigene Presse produziert jährlich rund 50 000 Liter Olivenöl. Daneben gedeihen auf Makura auch Granatäpfel, Avocado, Khaki und Weintrauben. Roliff gibt zu, dass die Preise für organische Produkte in Israel noch bedeutend höher sind als die für vergleichbare «normale» Erzeugnisse. Er hofft aber, dass die Preisniveaus sich bis in zehn Jahren einigermassen angeglichen haben werden. Heute züchten etwa 400 Farmen in ganz Israel erst gegen drei Prozent der Agrarprodukte des Landes auf organisch-biologische Weise, doch der Trend weist steigende Tendenzen auf. «Die organischen Betriebe können und wollen aber den anderen Bauern keine Verdrängungskonkurrenz machen», betont Roliff, der sich schon damit zufrieden geben würde, sollten die organischen Prinzipien von der Allgemeinheit zur Kenntnis und ernster genommen werden. Makura, ein eigentlicher Familienbetrieb, ist der Öffentlichkeit (ohne Eintrittsgeld) zugänglich. Die Farm liegt in einem von üppiger Vegetation umrahmten Tal, dessen paradiesische Ruhe und die Architektur der Häuser beinahe an die Provence oder die Toscana erinnern. Roliff ist stolz darauf, dank seiner Solarkollektoren unabhängig vom staatlichen Elektrizitätsnetz zu sein. Auch das Abwasser wird voll wieder aufbereitet und neu verwendet – das klassische Recycling also. Als langfristige Ziele plant der Gründer von Makura die Wiederbelebung antiker Pflanzen und Techniken. Zudem will er Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren praktischen Anschauungsunterricht in der organischen Landwirtschaft vermitteln.
«Ein anderes Israel»
Direkt angrenzend an die Makura-Farm liegt die schmucke, im Jahr 2000 gegründete Weinkellerei Amphorae. Der Betrieb, der jährlich 55 000–60 000 Flaschen verkauft (man will nicht um jeden Preis expandieren), ist auf Weine der Sorten Cabernet, Merlot, Franc, Shiraz und Sauvignon Blanc spezialisiert. Die Weinberge von Amphorae sind in der Gegend von Shaal auf dem Golan, bei Manara in Galiläa an der libanesischen Grenze und bei Psagot in der Westbank.
Im nahe zu Makura gelegenen Moschaw Ofer betreibt Joel Blumenberg auf rund 50 000 Quadratmetern die Farm Har Prachim (hebräische Übersetzung des Namens), eine Farm für 20 verschiedene, organisch gezüchtete Gemüsesorten. Auch dort liefern Solarzellen genügend Elektrizität für die Farm, einschliesslich der Wasserreinigungsanlage. Für seine Produkte, die billiger als Vergleichsprodukte in Supermärkten sein sollen, hat Joel Blumenberg einen festen Kreis von 500 Familien, die jede Woche bei ihm ihren Bedraf decken. Har Prachim beschäftigt bewusst nur jüdische Arbeiter.
Ein Besuch der Region wäre unvollständig ohne einen Aufstieg zum Givat Hazamarim («Hügel der Sänger») am Rand von Zichron Yaacov. Dort ist nämlich seit 1. Dezember 2010 mit wachsendem Erfolg die Boutique-Bierbrauerei Pavo («Pfau») tätig, eine der total neun lizenzierten kleinen Brauereien im Lande. Nachi Bar Gida, der Besitzer und Gründer des Unternehmens, entstammt einer zutiefst zionistischen Familie: «1882 war mein Ururgrossvater einer der ersten Siedler hier.» Nachis Vater, ein Holocaust-Überlebender, starb vor 36 Jahren, als er auf dem Golan auf eine Mine trat. Das Motiv zur Gründung seines Betriebs geht über das rein Kommerzielle hinaus: «Ich wollte der Jugend die Schönheit des Landes zeigen, ein anderes Israel, Meer und Entspannung.» Die Natur kommt auf dem Standort der Brauerei nicht zu kurz, geniesst man an klaren Tagen doch eine prächtige Rundsicht um Zichron Yaacov herum, vom Mittel- bis zum Toten Meer.
Lohnende Investition
Das Geschäftliche kommt bei Nachi Bar Gida aber nicht zu kurz. Das fängt schon damit an, dass die Brauerei und der dazu gehörende Restaurationsbetrieb den striktesten Kaschrutansprüchen («mehadrin») genügen. In die Einrichtung und die Renovation seines Betriebs hat Nachi Bar Gida rund 1,5 Millionen Dollar investiert. Eingeschlossen in diesem Betrag sind die eigentliche Brauerei, die in der Slowakei erworben wurde, sowie weitere Anschaffungen in den USA und der Schweiz (Pasteurisieranlage). Bis jetzt lohnt sich die Investition, verkauft Pavo doch schon 14 000 Liter pro Monat. Vorerst werden fünf reguläre Biere offeriert: Pils, Red Lager, Weizenbier und Irish Beer sowie Porter Beer mit Gewürzen aus Indien. Es gibt daneben auch Triple und belgisches Bier. Die Getränke bei Pavo haben einen Alkoholgehalt von maximal 8,7 Prozent. «Verantwortungsbewusst trinken» lautet das Motto in Bar Gidas Brauerei. Hält man sich vor Augen, dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Bierkonsum in der Slowakei bei 140 Litern im Jahr liegt, in Israel aber erst bei 14 Litern, sollte das Befolgen des Mottos keine allzu grossen Probleme darstellen.


