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25. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 47 Ausgabe: Nr. 47 » November 25, 2011

«Verborgene Geschichten sichtbar machen»

Interview Yves Kugelmann, November 25, 2011
Emile Schrijver leitet die Bibliotheca Rosenthaliana, die jüdische Spezialbibliothek, die Teil der Universitäts­bibliothek Amsterdam ist. Der Sprach- und Literaturwissenschaftler gehört zu den besten Kennern jüdischer Handschriften und Judaica weltweit. Vor der Eröffnung der Ausstellung «Schöne Seiten: Jüdische Schrift­kultur aus der Braginsky Collection» im Landesmuseum Zürich gibt er Einblicke in eine der bedeutendsten
Privatsammlungen von Judaica.
EMILE SCHRIJVER «Am interessantesten sind die unerwarteten Texte, die poetischen beispielsweise finde ich sehr attraktiv»

tachles: Lassen Sie uns zuerst einordnen: Inwieweit unterscheidet sich die jüdische Schriftkultur von der allgemeinen oder ist sie einfach Teil derjenigen?
Emile Schrijver: Sie unterscheidet sich oft nicht und doch in vielem. Wesentlich ist aber, dass jüdische Schriften oft nicht für eine Bibliothek geschrieben wurden, sondern für private Gelehrte, und dass sie oft eine regelrechte Odyssee hinter sich haben. Es waren Bücher und Schriften einer Minorität, die eine eigene Schriftkultur entwickelt hat und dabei auch den Sinn für die Schönheit anderer Kulturen hatte, auch wenn sie mit Feindlichkeit verbunden war.



In Amsterdam leiten Sie die renommierte Bibliotheca Rosenthaliana. Was lesen Sie da tagtäglich und was lässt sich insgesamt daraus ableiten?
Lesen ist vielleicht das falsche Wort. Ein Grossteil davon sind Standardtexte, heilige Texte im biblischen Sinne und Gebetstexte, oder solche, die Teil der mündlichen Überlieferung sind. Am interessantesten aber sind die unerwarteten: Poetische Texte beispielsweise finde ich sehr attraktiv. Oder dann gewisse mittelalterliche Texte, die zur Weltliteratur gehören, wie etwa Jehuda Halevi oder Salomon Gabirol. Man muss sie sich zwar erarbeiten, aber sie sind einfach toll und auf einer literarisch sehr hohen Ebene.

Sind auch Gebrauchstexte auf besondere Weise dargestellt?
Teilweise. Sie sind oft illustriert, aber nicht immer, bis zum 15. Jahrhundert handgeschrieben, später auch gedruckt. Die Faszination liegt aber eher bei den handgeschriebenen Büchern und hängt auch mit der Anonymität der Hersteller zusammen. Oder damit, anhand von Kerzenwachsspuren unter der Tinte zu sehen, welche Stellen tagsüber geschrieben wurden und welche nachts.

Also Bücher und Texte mit Geschichte und Geschichten dahinter.
Genau, und die Form – die ist eigentlich noch spannender. Das Buch als solches ist für mich als Studienobjekt fast interessanter als sein Inhalt.

Das Judentum zu jener Zeit gilt als eher in sich selbst verschlossen. Finden Sie in den Büchern Beweise für grössere Offenheit, als man gemeinhin voraussetzt?
Ja, das ist so. Die Juden haben ja mit den Christen und Muslimen gelebt und ihre Bücher innerhalb dieser Umgebung hergestellt.
Für die Niederschrift der Thora gibt es ja ganz strenge Vorschriften.
Ja, aber man sieht an der Schrift irgendeiner Thorarolle, ob sie in Spanien oder in Deutschland geschrieben wurde, weil sich die Verfasser lokal unterschiedliche Freiheiten nahmen. Das gleiche gilt für Bücher, für die eben die lokal vorhandenen Materialien – etwa Pergament oder Papier – verwendet wurden.

Unterscheidet sich diese jüdische Schriftkultur wesentlich von anderen?
Sie ist sicher anders. Ein Unterschied ist beispielsweise, dass christliche Bücher meist dort geblieben sind, wo sie geschrieben wurden. Wir haben hier jü­dische Bücher aus dem Spanien des 14. Jahrhundert, die im 16. Jahrhundert wegen der Inquisition in Italien waren, im späten 18. Jahrhundert in Amsterdam auftauchten, im frühen 20. Jahrhundert in London versteigert wurden und jetzt in der Braginsky-Sammlung oder in der Rosenthaliana sind. Die Bücher haben eine andere Biografie.

Sie waren an der Sichtung und Katalogisierung der Braginsky-Sammlung massgeblich beteiligt, die Sie seither kuratieren. Was macht ihre Attraktion aus?
Die Sammlung hatte von Grund auf so viel Qualität wie selten eine private Sammlung. Sie enthält einerseits sehr viele wirklich wichtige und auch einmalige Texte, bei denen die künstlerische Darstellung weniger wesentlich und auf die jede Bibliothek der Welt neidisch ist. Andererseits liegt die grosse Stärke der Sammlung aber in den sehr breit gefächerten illustrierten Werken.
Nach Amsterdam, Jerusalem und New York kommt die Braginsky-Ausstellung nun nach Zürich. Gibt es hier gegenüber den anderen Orten Neues?
In Amsterdam wurde alles thematisch und chronologisch geordnet und auf ein akademisches Publikum zugeschnitten gezeigt. In New York war die Ausstellung auf ein jüdisches Publikum ausgerichtet, in Jerusalem auf das Publikum des Israelischen Nationalmuseums. In Zürich werden weniger nicht illustrierte, dafür mehr illustrierte und auch neu zur Sammlung gekommene Stücke gezeigt, ausgerichtet auf ein allgemeineres, teils nicht jüdisches Publikum.

Fast alle Werke der Sammlung sind in der Diaspora entstanden. Wie ist das zu deuten?
Ja, mit ganz wenigen Ausnahmen. Deshalb trug die Ausstellung in Amsterdam und New York den Titel «A Journey Through Jewish Worlds» – eine Reise durch jüdische Welten. Und so hat René Braginsky auch gesammelt und tut er es immer noch. Es gibt Sachen aus China, aus Indien, von allen Orten, wo Juden gelebt haben, und so ist es tatsächlich auch die Geschichte der Diaspora.

Wie erklären Sie sich als Wissenschaftler das wahre Feuerwerk an bildlichen Darstellungen in der Sammlung, die ja eigentlich im Judentum verboten sind?
In den meisten jüdischen Gemeinden waren Bücher als zweidimensionales Medium im Bilderverbot nicht eingeschlossen. Dreidimensional ist etwas anderes. Man durfte keine Statuen oder Bilder machen, geschweige denn Abbildungen von Gott – das gibt es zwar in hebräischen Schriften auch, aber diese wurden von Christen illustriert. Aber sonstige Bücherillustrationen waren in den meisten Gemeinden erlaubt.

Ist die Sammlung für die Bücher nun wohl die letzte Station?
Das Prinzip, dass jeder Besitzer solcher Bücher dies nur auf eine bestimmte Zeit ist, finde ich einen schönen Gedanken. Auch René Braginsky geht sicher nicht davon aus, dass die Bücher für immer von seinen Nachkommen verwaltet werden sollen. Aber das ist eine Frage, die jeder Sammler sich individuell stellen muss.

Im Gegensatz zur Rosenthaliana, wo die Bücher wohl verbleiben werden.
Ich finde es wichtig, dass ein gewisser Teil solcher Bücher sich bewegt und nicht in Bibliotheken festsitzt. Von der Braginsky-Sammlung gibt es übrigens ja auch eine Homepage, auf der man sämtliche Seiten der Bücher sehen kann. Auch die Digitalisierung ist wichtig, um der Welt solche Werke zu zeigen.

Gibt es eine moralische Verpflichtung für Sammler, ihre Werke verfügbar zu machen?
Es gibt zum Glück viele Sammler, die das tun. Aber ich mag die moralische Karte in diesem Zusammenhang nicht spielen.

Andererseits zeigen die Bücher eine Kultur aus einer anderen Zeit, die es heute so nicht mehr gibt.
Ja, und hier bezogen auf das «Volk des Buches». Aber dieser Ausdruck auf die Juden bezogen stammt eigentlich als eine Art neu erworbener Identität erst aus dem 19. Jahrhundert, ursprünglich kommt er aus dem Koran. Heute wird dieser Begriff romantisiert, wenn auch die Bücher sicher für die Leute wichtig waren, um sich in die eigene Kultur zurückziehen zu können.

Als die Bücher damals geschrieben wurden, haben die Leute sie aber nicht zu sehen bekommen. Das geschieht ja erst heute.
Ja, das kann man so sagen. Im Mittelalter war eine grosse Sammlung vielleicht 50 Bücher stark. Und zu Zeiten des gedruckten Buches hat das Volk anderes gelesen als das, was wir hier zu sehen bekommen. Aber die luxuriösen Gebetsbücher zum Beispiel wurden in den Synagogen durchaus benützt, das sieht man auch anhand von Notizen, die sich darin befinden. Sie waren Gebrauchsbücher mit Zeichnungen.

Was lehrt uns eine Ausstellung mit einer derartigen Kumulation an Geschichte und Geschichten?
Was wir mit der Ausstellung unter anderem zu erreichen versuchen, ist, dass eine gewisse kontemplative Stimmung entsteht, aber auch eine Schönheitserfahrung. Persönlich liegt mir daran, einen gewissen Stolz und Bewunderung für diese Schriftkultur zu erzielen.
Das finde ich wichtig. An den bisherigen Ausstellungsorten konnten wir auch feststellen, dass Juden genauso wie Nichtjuden überrascht sind über diese Schriftkultur. Es ist eine verborgene jüdische Geschichte, von der im Allgemeinen auch die Juden keine Ahnung haben. Als Ausstellungsmacher habe
ich die Idee eingebracht, dass die Ketubot und die Megilot an je einer Wand gezeigt werden. Damit will ich erreichen, dass die Leute sich darüber bewusst werden, dass es immer der gleiche Text ist. Es geht nicht um den Inhalt, sondern um die Unterschiedlichkeit der Formen. Interessant ist dann jeweils zu sehen, was die Leute attraktiv finden. Das kann sehr unterschiedlich und unerwartet sein, und diese individuelle Schönheitserfahrung versuchen wir mit der Ausstellung zu erreichen.



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Stiftung finanziert
zwei neue Lehrstühle
> Die René-und-Susanne-Braginsky-Stiftung ermöglicht zwei weltweit renommierten Instituten in der Schweiz und in Israel je einen neuen Lehrstuhl. In Zürich fördert die Stiftung die ETH mit einem Beitrag von 10 Millionen Franken, die für den Aufbau einer Professur in der Medizintechnik verwendet werden soll. Zeitgleich mit der Eröffnung der Ausstellung der Braginsky-Collection im Landesmuseum tritt die Familie Braginsky nach 2006, als sie der ETH die Mittel zum Erwerb eines Gebäudes für das Archiv für Zeitgeschichte zur Verfügung stellte, erneut als Mäzen der Hochschule in Erscheinung. In Israel profitiert gleichzeitig das Weizmann Institute of Science als international hoch angesehene Einrichtung für Lehre und Forschung von einer grosszügigen Spende der Braginsky-Stiftung. Dort soll damit das neue Center for Science and Humanities finanziert werden. Vorschläge inhaltlicher Natur für dieses Zentrum konnten vom Institut selbst unterbreitet werden. René Braginsky betonte, dass er es richtig finde, dass Private und Unternehmen Bildung und Wissenschaft in Zeiten der Verknappung der öffentlichen Mittel gezielt unterstützen, ohne dabei allerdings ungebührlich Einfluss auf die Freiheit der wissenschaftlichen Arbeit an den Universitäten zu nehmen. «Wir tun gut daran, unserem kostbarsten Rohstoff – Bildung und Forschung – weiter Sorge zu tragen. Geld, das jungen Leuten eine Top-Ausbildung ermöglicht und Wissen schafft, das der ganzen Gesellschaft zugute kommt, ist gut investiertes Geld», sagte er im Hinblick auf die Zuwendung an die ETH.
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bildlegende
René Braginsky



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