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25. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 47 Ausgabe: Nr. 47 » November 25, 2011

Schmäh und Zynismus

Von Katja Behling, November 25, 2011
Mit Georg Kreisler verliert die Welt nicht nur einen der wichtigsten deutschsprachigen Texter, Chansonniers und Künstler – es geht auch eine Ära zu Ende. Ein Blick auf Leben und Werk des Wiener Kosmopoliten.
EIN SCHARFER BLICK AUF DIE ZEIT Georg Kreisler verstarb diese Woche im Alter von 89 Jahren

Am berühmtesten ist bis heute sein makabres Lied «Tauben vergiften»: Wie kaum ein anderes steht es für den zynisch-provokanten Humor Georg Kreislers. Der Kabarettist und Chansonnier nannte sich selbst einen «Fortgeher» – in Österreich geboren, lebte er unter anderem in New York, München, Berlin, Basel und schliesslich in Salzburg. Sein Zynismus, mit dem der Fortgeher auf sein Schicksal als Emigrant blickte, wurzelt in seinen Wiener Jahren. Kreisler kam 1922 in Wien als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts zur Welt. Nach dem «Anschluss» Österreichs nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten an Hitler-Deutschland emigrierte Kreisler 1938 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten.



Hang zum Makabren

In Los Angeles setzte Georg Kreisler seine musikalische Ausbildung fort und wurde US-Bürger. Während des Zweiten Weltkriegs kam er als US-Soldat nach Europa zurück – ein Soldaten-Musical im Gepäck. Zu Beginn der fünfziger Jahre versuchte er sich in New York als Nachtclubsänger. Der künstlerische Durchbruch gelang ihm schliesslich, als er 1955 in seine Heimatstadt Wien zurückkehrte. Dort wurde er rasch ein Star des musikalischen Kabaretts. Songs wie «Zwei alte Tanten tanzen Tango» wurden zunächst mit Irritation aufgenommen, dann zu Evergreens – und ihr Schöpfer zur Ikone des schwarzen Humors. 
Künstlerisch ausserordentlich vielseitig, machte Kreisler Karriere als Autor und Literat, als Kabarettist und Chansonnier sowie im Operettenfach hatte er ebenso Erfolge, er stand auch als Dirigent am Pult. Mit seinem Hang zum Makabren begeisterte er die Kritiker, stiess aber häufig auch gerade damit auf Unverständnis, wurde zeitweise boykottiert und zensiert, im Radio wenig gespielt. 
1975 zog Kreisler nach Berlin, wo er mit seiner neuen Lebenspartnerin Barbara Peters bis 1991 im Theater «Die Wühlmäuse» auftrat, nachdem er zuvor viele Jahre lang mit seiner damaligen Frau Topsy Küppers grosse Erfolge gefeiert hatte.
In den achtziger Jahren verlegte er sich immer mehr auf das Schreiben, verfasste Bühnentexte wie das Musical «Heute Abend: Lola Blau» und den Satire-Band «Ist Wien überflüssig?», schrieb zudem  Romane wie «Ein Prophet ohne Zukunft» – auch dort erwies er sich als Meister der doppelbödigen und scharfsinnigen Formulierung.

Wissender Spott

Mit Barbara Peters, die seine vierte Frau wurde, zog der selbst ernannte Fortgeher und Heimatlose zu Beginn der neunziger Jahre nach Basel, wo er sich unter anderem für eine eigenständige Schweiz und gegen deren EU-Beitritt engagierte. Seinen Ende der neunziger Jahre mehrfach angekündigten Abschied von der Bühne nahm Kreisler immer wieder zurück. Noch vor wenigen Jahren ging er ein letztes Mal mit seinen «alten bösen Liedern» auf Tour – und wurde umjubelt, geliebt für seinen «wissenden Spott, seinen scharfen Blick auf die Zeit».
Kreisler, dessen Tochter Sandra als Sängerin einen künstlerisch anderen Weg als der Vater einschlug, lebte von 1992 bs 2007 mit seiner Frau in Basel. Erst kurz vor seinem 85. Geburtstag zog das Paar nach Salzburg. Für sein vielfältiges Schaffen erhielt Kreisler zahlreiche Auszeichnungen, etwa 2004 den Prix Pantheon. Zuletzt ehrte ihn die Stadt Bad Homburg 2010 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis für sein Lebenswerk. Im Alter von 89 Jahren ist der Meister des schwarzen Humors Georg Kreisler am vergangenen Dienstag, wie es heisst infolge einer schweren Infektion, in Salzburg verstorben.   



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