Opfer eines Komplotts?
War Dominique Strauss-Kahn Opfer eines Komplotts, als er am 14. Mai in New
York wegen der Vergewaltigung des Zimmermädchens Nafissatou Diallo
verhaftet worden ist? Der «New York Review of Books» zufolge hat Diallo
die Suite von Strauss-Kahn am 14. Mai gegen 12.06 betreten. Die New Yorker
Polizei hat dort vor dem Badezimmer mit dem Speichel Diallos gemischten
Samen des IMF-Chefs entdeckt. Dieser behauptet, das Zimmermädchen habe
freiwillig Oralsex mit ihm getrieben. Diallo erklärte jedoch, dazu von
Strauss-Kahn brutal gezwungen worden zu sein. Die Begegnung muss binnen
weniger Minuten geschehen sein, da der IMF-Chef seine Tochter Natalie
gegen 12.13 angerufen hat. Er hat das Sofitel um 12.28 verlassen.
Laut dem Bericht könnte Strauss-Kahns BlackBerry-Handy von Parteileuten
des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy abgehört worden sein. Zudem
habe Diallo vor und nach ihrer sexuellen Begegnung mit «DSK» Kontakt mit
unbekannten Personen in einem Zimmer neben der Sofitel-Suite des Bankers
gehabt. Diallo hat ihre Vorgesetzten erst nach ihrer Visite in dem Raum
alarmiert. Das Sofitel gibt die Identität des möglichen Gastes dort nicht
preis. Zudem ist ungeklärt, warum das Hotel erst um 1.31 die New Yorker
Polizei informiert hat. Zuvor hat der Sofitel-Sicherheitschef
möglicherweise seinen Vorgesetzten René-Georges Querry in Paris von dem
Vorfall unterrichtet. Dieser steht Nicolas Sarkozy nahe, der damals bei
den Umfragen für die französischen Präsidentschaftswahlen deutlich hinter
Strauss-Kahn lag. Querry war zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zu einem
Fussballspiel, das er gemeinsam mit Sarkozy verfolgt hat.
Rästelhaft ist zudem der Verbleib des BlackBerrys von Strauss-Kahn. Dieser
hatte am Morgen des 14. Mai aus Paris die Information erhalten, sein Gerät
sei gehackt worden. Er hat das Handy im Sofitel vergessen und sich kurz
vor seinem geplanten Abflug nach Paris aufgeregt in dem Hotel danach
erkundigt. Das Handy wurde bislang nicht gefunden, wurde aber laut dem
Betreiber um 12.51 deaktiviert. Ein solcher Eingriff ist nur Technikern
möglich.
Strauss-Kahn wurde im August aufgrund von Zweifeln an Diallos
Glaubwürdigkeit von der New Yorker Staatsanwaltschaft entlassen. Seit
Mitte November ermitteln französische Behörden gegen ihn, da Strauss-Kahn
regelmässig Orgien mit Prostituierten gefeiert haben soll.
Der Bericht der «New York Review of Books» findet in den USA ein
vorwiegend kritisches Echo. Sofitel und Sprecher Sarkozys dementieren oder
widersprechen den wesentlichen Details der Recherche. [AM]


