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25. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 47 Ausgabe: Nr. 47 » November 25, 2011

Kultur ganz vorne – mit Nebengeräuschen

Von Andreas Schneitter, November 25, 2011
Dieses Wochenende endet die Israel-Ausgabe des Kulturfestivals Culturescapes. Mit den Besucherzahlen ist Festivalleiter Jurriaan Cooiman zufrieden, Unruhe bereitet ihm nur noch die Budgetfinanzierung.
«DECA DANCE» Fulminanter Abschluss der Cluturescapes 2011 mit der Batsheva Dance Company

Wenn heute Abend die Batsheva Dance Company aus Tel Aviv zum dritten Mal ihr Stück «Deca Dance» in der Kaserne Basel aufführt, nähert sich ein weiterer Höhepunkt des Kulturfestivals Culturescapes seinem Ende. Das Tanzensemble zählt seit 20 Jahren zu den wichtigsten der Welt und schaut in «Deca Dance» auf seine eigene Geschichte zurück: Das Stück ist eine Retrospektive der bedeutendsten Arbeiten seines Choreografen Ohad Naharin.
Eine andere Wahrnehmung Israels Rückschau steht also auf dem Programm. Und weil an den letzten beiden Abenden auch der Pop nochmals ins Zentrum rückt und Fusionen feiert, einerseits im Projekt «Tel Aviv Meets Basel» mit Musikern aus beiden Städten, die Rock, Surf mit israelischen und schweizerischen Songs vermischen, andererseits in der Kollaboration zwischen dem Komponisten und DJ Kutiman und der Soulsängerin Karolina, kann man zum Ende von Culturescapes auch die Frage nach dem Austausch nochmals stellen: Eine andere Wahrnehmung von Israel wollte das Festival vermitteln, einen Spiegel der israelischen Gegenwartskultur, die weitaus mehr Themen und Inspirationsquellen kennt als den Nahost-Konflikt.
«Das ist erfüllt», sagen die, denen dieser breit gestreute Austausch von Bildern am Herzen liegt. Die Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI), die Teil des Patronatskomitees von Culturescapes 2011 ist, ist überzeugt: «Das Ziel, Einblick in das vielfältige künstlerische Schaffen in Israel zu geben, hat Culturescapes erreicht – in der Öffentlichkeit wie in den Schweizer Medien», sagt GSI-Zentralpräsidentin Vreni Müller-Hemmi. Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) begrüsste das Festival als eine «ausgezeichnete Möglichkeit, ein anderes Israel-Bild in der Schweiz zu präsentieren», sagte SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner gegenüber tachles.
Das Lob dürfte Festivalleiter Jurriaan Cooiman freuen, das tatsächliche Interesse von jüdischer Seite an den Veranstaltungen habe ihn – «aus meiner subjektiven Wahrnehmung» – jedoch eher enttäuscht. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass die jüdischen Kreise interessiert sind an einem Programm zur israelischen Gegenwartskultur. Da fiel der Zuspruch relativ flach aus.» Cooiman vermutet, dass die jüdische Gesellschaft in der Schweiz sich anderen Israel-Themen verbundener fühlt, «aber sie war ja nicht die einzige Zielgruppe». Ein Eindruck, der täusche, sagt Jonathan Kreutner vom SIG: «Für das ganze Festival sowie einzelne Veranstaltungen hat der SIG immer wieder aktiv Werbung bei seinen Mitgliedergemeinden und befreundeten Organisationen gemacht» – auch ausserhalb der üblichen Mitteilungskanäle. «Ausserdem hat ein Geschäftsleitungsmitglied einen Artikel in der Mitgliederzeitung der jüdischen Gemeinde Lausanne verfasst und ausdrücklich auf zwei Veranstaltungen von Culturescapes in der Westschweiz hingewiesen», sagt Kreutner.



Es droht ein Defizit

So oder so: Betreffend Publikumsaufmarsch war das Festival ein Erfolg, sagt Cooiman, die abschliessenden Zahlen fehlen noch, aber «rund 30 000 Besucher» haben die verschiedenen Veranstaltungen besucht. Damit liegt der Jahrgang 2011 innerhalb der Erwartungen und in vergleichbaren Zahlenrahmen wie die Ausgaben der vergangenen Jahre. Weniger zufrieden ist Cooiman mit der Finazierung: Es droht ein Defizit, weil die Macher der diesjähregen Ausgabe von Culturescapes, Cooiman und die israelische Botschaft in Bern, zur Deckung der verschiedenen Budgetposten im selben Finanzierungsteich gefischt haben. 2,5 Millionen Franken beträgt das Gesamtbudget, eine Million, so lautete gemäss Cooiman die Übereinkunft, sollte der israelische Botschafter Ilan Elgar besorgen, zur Finanzierung der Reisen, der Unterkünfte und der Gagen der israelischen Künstler.
Was Cooiman erst später realisierte: Von der israelischen Million kam nur ein Viertel tatsächlich vom Aussenministerium in Jerusalem, die restlichen 750 000 begann Botschafter Elgar über sein Netzwerk im Schweizer Judentum aufzutreiben: Stiftungen, Fonds, Privatpersonen. Dieselben Quellen, die Cooiman zwecks Fundraising kontaktieren wollte. Das schlägt aufs Budget. Rund 150 000 Franken müsse er deswegen zusätzlich auftreiben, sagt Cooiman. Kommt hinzu, dass der Vertrag mit dem israelischen Aussenministerium, vertreten durch Botschafter Elgar, zur Präzisierung neu aufgesetzt wurde. In der zweiten Fassung ist von der Million nicht mehr die Rede. Vermerkt waren nur die 250 000 Franken, die der israelische Staat zu den Festivalkosten beiträgt.
Nun hofft Cooiman. Darauf, dass Botschafter Elgar die zugesicherten restlichen 750 000 Franken vollständig auftreibt, noch knapp 120 000 Franken seien offen. Zusammen mit den 150 000, die Cooimans eigenem Budget noch fehlen, ergibt das eine Summe, «die mich etwas beunruhigt», sagt Cooiman. Wann das Geld da sein wird, kann er nicht abschätzen. Botschafter Elgar, der gegenüber tachles die Sache nicht kommentiert, habe ihm telefonisch zugesichert, die restlichen Beträge «in den kommenden Tagen» aufzutreiben. Viel Zeit bleibt nicht mehr: Die Amtszeit von Ilan Elgar endet bald. Voraussichtlich wird er am 2. Dezember mit seiner Frau nach Israel zurückkehren.


Im Rahmen der Gesprächsreihe «Rede-Zeit» der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» findet als Abschlussveranstaltung von Culturescapes im Theater Basel eine Podiumsdiskussion mit dem Titel «Wohin treib Israel?» statt .



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