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25. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 47 Ausgabe: Nr. 47 » November 25, 2011

Europäisches Judentum?

Von Fabio Luks, November 25, 2011
Bereits zum 10. Mal ging letzten Sonntag der Lerntag Jom Ijun im Gemeindezentrum der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) über die Bühne. Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland sprachen über die jüdisch-europäische Identität.
JÜDISCHES LERNEN Monique Eckmann, Abraham Burg, Diana Pinto, Miriam Victory Spiegel, Ephraim Meir, Rochelle Allebes, André Bollag und Simone Susskind (v.l.n.r.)

Unter dem Aspekt der Zusammenführung von Leuten mit unterschiedlichem Vorwissen, um dadurch den Austausch und das gemeinsame Lernen zu fördern, haben die beiden Organisatorinnen Rochelle Allebes von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und Miriam Spiegel von der Jüdischen Liberalen Gemeinde (JLG) auch dieses Jahr Interessierte zum Jom Ijun eingeladen. Gekommen sind schliesslich vor allem ältere Mitglieder der ICZ und JLG und leider nur eine Handvoll junger Menschen, womit ein Wissensaustausch zwischen den Generationen nicht wirklich stattfinden konnte. Das Vorbild für den Lerntag in Zürich gab die Organisation Limmud in England, welche bereits auf eine 30-jährige Erfolgsgeschichte zurückblicken kann.



Europäisches Judentum

Der diesjährige Jom Ijun stand ganz unter dem Zeichen der jüdisch-europäischen Identität. Miriam Spiegel, welche die renommierte Historikerin und Schriftstel-lerin und erste Referentin Diana Pinto vorstellte, erinnerte an Pintos 1996 veröffentlichte These, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wiedererstarken Europas ein europäisches Judentum entstehen könnte, welches nebst der amerikanischen und der israelischen eine dritte Säule bilden würde.
Diana Pinto glaubt nach wie vor an das Potenzial des europäischen Judentums, jedoch möchte sie heute nicht mehr von einer Säule, weil diese unbeweglich und zudem griechisch-christlich konnotiert sei, sondern lieber von einem portablen Stuhl mit drei Beinen sprechen. Die Juden in Europa leben heute, so Pinto, nicht mehr in einem Exil, in welches sie unter Zwang flüchten mussten, sondern vielmehr in einer frei gewählten Diaspora. Mit ihrer Präsenz in der Diaspora können die Juden aber, falls sie sich aktiv in den Dialog einmischen, einen wichtigen Beitrag zum Pluralismus vor Ort leisten und jüdische Werte ausserhalb Israels vertreten.

Welche Identität?

Nebst den pluralistischen Bestrebungen gilt es aber auch, wie André Bollag, Co-Präsident der ICZ, in seinem Referat zeigte, die eigene jüdische Identität zu erkennen und zu stärken. Dies fange bereits bei der Frage an, ob man ein Schweizer Jude oder jüdischer Schweizer sei. Bollag sieht in der Religion das Kernelement der jüdischen Identität. Für die Zukunft, welche in Bollags Augen nicht sehr rosig aussieht, gälte es insbesondere, den Nachwuchs zu fördern und neue Zentren zu bilden, die die zahlreichen passiven Mitglieder wieder für die Religion begeistern könnten. Einen etwas anderen Ansatz in Sachen Identität hatte die anschliessende Referentin Elisa Klapheck, Rabbiner des Egalitären Minjan in der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, die mit ihrem Buch «So bin ich Rabbinerin geworden» Bekanntheit erlangte. Ihre provokante These lautet: Identitäten gibt es nicht, man muss sie sich aufbauen. So wünscht sie sich denn auch für den Aufbau einer jüdisch-europäischen Identität ein religiös-säkulares Gespräch, in dem die demokratischen Elemente, also die Veränderbarkeit von Religion, hervorgehoben werden. Man müsse, so Klapheck, von der Vorstellung abkommen, dass das Judentum untergehe, wenn man es transformiere.

Komfortables Exil

Auch Avraham Burg, israelischer Schriftsteller und ehemaliger Knesset-Sprecher, unterstrich im Schlussreferat des Jom Ijun nochmals die Wichtigkeit der Diaspora, die einem komfortablen Exil gleichkomme. Zudem gab er zu bedenken, dass viele wichtige Ereignisse für die jüdische Geschichte ausserhalb Israels stattfanden, so das Bündnis der zwölf Stämme, die Redaktion des babylonischen Talmuds sowie die Gründung des Zionismus. Auch Burg zweifelte nicht am Potenzial eines europäischen Judentums. Ihm stelle sich jedoch die Frage, ob es möglich sei, das Gros an fruchtbaren Ideen, die auf europäischem Boden entstanden, von Baruch de Spinoza bis zu Hannah Arendt, zu erneuern und für die Zukunft stark zu machen. In der Schlussdiskussion unter der Leitung von Monique Eckmann, Professorin an der Fachhochschule Westschweiz, einigten sich die vier Referenten auf die Vision einer jüdisch-europäischen Identität, welche die bisherige Diaspora transformiert. Wie diese aber im Detail auszusehen hat und wie zudem eine Kohärenz zwischen den unterschiedlichen jüdischen Gemeinden Europas geschaffen werden kann, wird ausreichend Stoff
für weitere Lerntage sein. Was bereits feststeht, ist laut Rochelle Allebes das Datum des nächsten Iom Ijun, nämlich der 25. November 2012. 



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