Steht Israel vor einer Massenarbeitslosigkeit?
Die nicht abreissende Kette von Schuldenkrisen, die Europa erschüttert und die stagnierende amerikanische Wirtschaft üben über die Exporte bereits ihren Einfluss auf Israel aus. Das Exportinstitut beim Ministerium für Handel, Industrie und Arbeit aber bereitet sich schon auf eine viel schlimmere Kollision vor, die laut Warnungen von Offiziellen eine Massenarbeitslosigkeit auslösen könnte.
«Die Exporte sinken bereits», sagt Ramzy Gabbay, Vorsitzender des Exportinstituts. Die «Lowtech»-Industrie ist betroffen, doch der Schaden für die Hightech-Branche ist laut Gabbay um einiges grösser.
Zwei Szenarien
Das Exportinstitut hat für das kommende Jahr zwei Szenarien für Israel genauer analysiert, da es über die Auswirkungen der Krise keine übereinstimmenden Meinungen gibt. Das optimistische Szenario läuft darauf hinaus, dass die Krise noch andauert und sich womöglich etwas akzentuiert. Der pessimistische Sichtweise dagegen erwartet, dass die Lage in den am meisten verwundbaren Ländern wesentlich schlechter werden wird. Die Krise wird sich auf weitere Staaten in Europa ausdehnen und an bisher noch nicht betroffenen Ländern «nagen», die aber in die leidenden Staaten exportieren. In der Folge werden diese Länder selber unter der wirtschaftlichen Verlangsamung leiden.
Im optimistischen Szenario werden die israelischen Ausfuhren im Jahre 2012 in Dollar ausgedrückt um magere drei Prozent wachsen. Gemäss der pessimistischen Prognose aber werden die Exporte, wie schon 2001 und 2008, wie ein Stein im Wasser absinken.
Betroffene Exporte
Jeder Rückgang im Weltwirtschaftswachstum drückt nach Ansicht des Exportinstituts im gleichen Ausmass auf die israelischen Exporte. Jeder Rückgang um ein Prozent hat, so das Institut, Einnahmeausfälle von 850 Millionen Dollar zur Folge und den Verlust von etwa 8000 Arbeitsplätzen. Zahlen aus der Vergangenheit unterstützen diese These. Im Anschluss an die Krise von Ende 2008 schrumpfte der globale Handel 2009 um 11,7 Prozent. Israelische Exporte, Diamanten ausgenommen, schrumpften um 14 Prozent. Das israelische Wirtschaftswachstum krebste von 5,4 Prozent im Jahre 2008 auf nur noch gerade 0,8 Prozent im Jahr darauf zurück. Die Arbeitslosigkeit dagegen stieg von 5,7 Prozent im zweiten Quartal 2008 ein Jahr später auf 7,7 Prozent.
Gemäss dem pessimistischen Szenario würden in Israel über 100 000 Arbeitsplätze verloren gehen, sollten 2012 die israelischen Exporte, wie dies schon 2009 der Fall gewesen ist, um 14 Prozent schrumpfen. Andererseits ist eine solche Entwicklung nur dann realistisch, wenn die Krise sich wirklich ausweitet. Dann nämlich müssten die Arbeitgeber heftige Kompensationskosten tragen.
Ramzi Gabbay empfiehlt die sofortige Wiedereinrichtung eines staatlichen Fonds, der Unternehmungen helfen soll, in neue Märkte einzudringen, da die traditionellen Exportmärkte Israels arg in der Bredouille stecken. Zuständige Stellen im Ministerium für Industrie, Handel und Arbeit und im Finanzministerium sowie im israelischen Industriellenverband debattieren genau über diese Thematik. Eine andere «Krücke» für leidende Exporteure könnte laut Gabbay so hergestellt werden, dass die Kosten für Kreditversicherungen für Gesellschaften, die in Hoch-Risiko-Märkte wie China,
Indien und Brasilien, aber auch in kleinere Märkte wie Vietnam, Mexiko und Südkorea exportieren, gesenkt würden.
Was bringt die Zukunft?
Zu den Sektoren, die am meisten von unruhigen Märkten betroffen werden, zählen Pharmazie, Juwelen, Textilien, Bekleidung, medizinische Ausrüstung sowie Gummi und Plastik. Diese Meinung vertritt Shauli Katzenelson, der Chefökonom des Export¬instituts.
Der israelische Güterexport (ohne Diamanten) nach Portugal, Italien, Griechenland und Spanien war 2010 um ein Prozent rückläufig, und dann im Zeitraum Januar bis August dieses Jahres um weitere vier Prozent. Die israelischen Ausfuhren in die USA schrumpften 2010 um zwei Prozent, regenerierten sich aber in der Periode Januar bis August 2011 um das gleiche Mass wieder. Das Exportwachstum nach Grossbritannien verlangsamte sich von 59 Prozent im Jahre 2010 auf 14 Prozent in der Periode Januar bis August 2011.
Einen gewissen Wachstum gibt es also immer noch, und absolute Schwarzmalerei ist fehl am Platz. Die ausschlaggebende Frage ist aber, was die Zukunft bringt. In dieser Hinsicht fehlt ein Konsens unter den Ökonomen.


