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18. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 46 Ausgabe: Nr. 46 » November 18, 2011

Kaddisch für Houdini

Von Julian Voloj, November 18, 2011
Harry Houdini fasziniert und inspiriert auch heute, 85 Jahre nach seinem Tod, unzählige Menschen. Sein Vermächtnis scheint so gegenwärtig wie schon lange nicht mehr, und in Amerika stehen derzeit besonders die jüdischen Wurzeln des Entfesslungs- und Illusionskünstlers im Fokus der Öffentlichkeit.
HOUDINIS GRAB AUF DEM MACHPELAH-FRIEDHOF Die Büste des Zauberers wird jedes Jahr für die Gedenkveranstaltung auf den Friedhof gebracht


Wie jedes Jahr um diese Zeit treffen sich auch diesen November unweit vom Theaterdistrikt am Times Square ein Dutzend schwarz gekleidete Herren in der Lobby eines unscheinbaren Hochhauses. Alle warten auf den Bewohner des Apartments 18H, Rabbiner Noach Valley, der nach ein paar Minuten erscheint. Die meisten hier versammelten Männer kennen sich seit Jahren, einige wenige sind zum ersten Mal hier. Auf seine Adresse angesprochen, erklärt Rabbiner Valley mit einem Schmunzeln: «Eine würdige Apartmentnummer, feiern wir doch das Leben von Houdini.»
Eine schwarze Limousine erscheint samt Chauffeur und holt die Gruppe ab. Durch den Midtown Tunnel geht es Richtung Queens, wo man sich mit anderen Herren in Schwarz auf dem Machpelah-Friedhof in Glendale trifft. Unweit des Eingangs befindet sich die letzte Ruhestätte von Harry Houdini, dem grössten Entfesslungs- und Illusionskünstler aller Zeiten.



Spezielle Zeremonie

«Wenn ein Magier stirbt, dann ehren ihn seine Kollegen auf der Beerdigung mit einer speziellen Zeremonie», erklärt George Schindler, der Vorsitzende der Society of American Magicians (S.A.M.), der die Gruppe bereits auf dem Friedhof erwartet. Von 1917 bis zu seinem Tod war Harry Houdini Vorsitzender von S.A.M., und auf seiner Beerdigung wurde diese spezielle Zeremonie, in der unter anderem ein Zauberstab zerbrochen wird, das allererste Mal durchgeführt. Dieser symbolische Akt wird normalerweise nur einmal durchgeführt, jedoch ist es Tradition geworden, Houdini an seinem Todestag mit der Zeremonie zu würdigen. «Zunächst waren diese Treffen nicht koordiniert», erklärt Schindler, der wie die meisten Teilnehmer jüdisch ist, «doch seit 1969 organisiert S.A.M. die Zeremonien.»
Rabbiner Valley, ebenfalls ein begeisterter Zauberer, hörte 1976 das erste Mal von der Zeremonie, als sich Houdinis Todestag zum 50. Mal jährte. «Ich war neugierig und kam zunächst lediglich als Zuschauer. Doch dann schlug ich spontan vor, eine jüdische Komponente hinzuzufügen.» Seither leitet Rabbiner Valley jedes Jahr den jüdischen Teil der Gedenkveranstaltung, entweder das Kaddisch-Gebet, falls man ein Minjan, das für die Rezitation erforderliche Quorum, hat, oder «El male rachamin», falls nicht.
«Mit der Zeremonie zollen wir unserem ehemaligen Vorsitzenden Tribut», erklärt Rabbiner und Zauberer Jack Glickman, der seit mehr als zehn Jahren zu den Veranstaltungen kommt. «Vor Jahren fanden diese Zeremonien an Halloween statt, dem Todestag Houdinis», fügt Schindler hinzu. «Doch dann kamen immer mehr Schaulustige, und das Ganze artete aus.» Viele Jugendliche feierten an Halloween wilde Partys auf den Friedhof. Diese respektlosen Feiern arteten so aus, dass S.A.M. die Büste Houdinis, die sich auf dem Grab befindet, in Sicherheit bringen musste. Die Büste wurde vor einigen Jahren abmontiert und wird seither nur für die Zeremonie auf den Friedhof gebracht. Anlässlich des 85. Todestags wurde zwar nun eine Kopie der Büste am Grab aufgestellt, doch das Original befindet sich weiterhin unter Verschluss bei S.A.M., die die eigentliche Gedenkveranstaltung auf das hebräische Datum von Houdinis Todestag verlegte, damit «nur diejenigen, die wirklich an Houdinis Vermächtnis interessiert sind, wissen, wann wir uns treffen».

Mythos Houdini

Da sich dieses Jahr der Todestag zum 85. Mal jährt, ist in Amerika Houdinis Vermächtnis so gegenwärtig wie schon lange nicht mehr. Momentan zeigt das Contemporary Jewish Museum in San Francisco die Ausstellung «Houdini: Art and Magic», die zuvor in New York und Los Angeles zu
sehen war. Die Ausstellung untersucht den legendären Illusionskünstler in einem jüdischen Kontext, eine Betrachtungsweise, die faszinierend und neu ist. Der Katalog, der bei der Yale University Press erschienen ist, ist mehr als lediglich eine Ergänzung zu dieser ausgezeichneten Dokumentation.
Harry Houdini wurde 1874 als Erik Weisz in Budapest geboren. Die Familie Weisz zog von Ungarn in die USA als der Vater, Rabbiner Mayer Samuel Weisz, eine Anstellung in Appleton, im Norden des Bundesstaates Wisconsin, bekam. Erik war damals vier Jahre alt. In Amerika änderte die Familie die Schreibung ihres Namens in Weiss, und aus Erik wurde fortan Ehrich. Ehrich war ein rebellisches Kind und begann bereits als Teenager unter dem Künstlernamen Harry Houdini aufzutreten. Der Vorname Harry war einerseits eine Amerikanisierung des Spitznamena Ehri, andererseits eine Anlehnung an den Zauberkünstler Harry Kellar, und der Nachname Houdini eine Hommage an den frazösischen Magier Jean Eugene Robert-Houdin.
1893, sein Vater war im Jahr zuvor gestorben, heiratete er die deutschstämmige Varietétänzerin Wilhelmine Beatrice «Bess» Rahner, die seine Bühnenassistentin war. Insbesondere der rasante Platztausch mit dem in einer Kiste gefesselt eingeschlossenen Magier, noch heute Standard-Repertoire von Illusionisten, war einer ihrer gemeinsamen Tricks. Das junge Ehepaar trat in Wanderzirkussen in den USA und Europa auf, und seinen Durchbruch feierte Houdini 1895 mit pressewirksamen Entfesslungstricks.
Houdini hatte mehr als eine Karriere als Illusionskünstler. Die Definition als Magier oder Zauberer würde seine vielfältige Tätigkeit nicht genau genug beschreiben. Sein Talent bestand vor allem darin, Medieninteresse zu kreieren. In der Ausstellung wird daher auch der Kontext des damals entstehenden Stummfilms aufgezeigt; wie kein anderer Künstler seiner Zeit verstand es Houdini, seine Tätigkeiten filmisch dokumentieren zu lassen und dadurch den Mythos um seine Person zu kreieren.

Die Legende lebt weiter

Während der Vater die Karriere seines Sohnes nicht mehr erlebte – man kann sich vorstellen, dass der Rabbiner andere Pläne für seinen Sohn hatte –, unterstützte die Mutter seinen Werdegang und war für Houdini ein Fixpunkt in seinem Leben. Zahlreiche in Deutsch verfasste Briefe an seine Mutter werden in der Ausstellung gezeigt, und es ist offensichtlich, dass ihr Tod 1913 ihn aus der Bahn warf. Auch bedauerte er in seiner Korrespondenz, dass er und Bess keine Kinder hatten.
Houdini starb am 31. Oktober 1926 an den Folgen eines Blinddarmrisses, auch wenn Fans damals wie heute spekulierten, dass er vergiftet wurde. Man beerdigte ihn in einem Bronze-Sarg, den er sich für einen Fakirtrick (Krematoriumsillusion) hatte bauen lassen. Auf dem pompösen Familiengrab, das Houdini noch zu Lebenszeiten errichten liess, sind auch seine Eltern begraben. Es sollte auch die letzte Ruhestätte für seine Frau Bess sein, jedoch gab ihre katholische Familie nach Bess Tod 1943 nicht die Erlaubnis, sie auf einen jüdischen Friedhof zu begraben.
Bis zu ihren Tod liess Bess die Legende ihres Mannes weiterleben. Sie behauptete, dass Houdini mit ihr einen Code vereinbart hätte, um auch nach seinem Tod zu kommunizieren, und sie lud jedes Jahr an Halloween, dem Todestag ihres Mannes, Spiritisten zu einer Séance ein. Aus dieser Tradition entstand das heutige Zusammentreffen von Magiern.

Idol für Generationen

Der Name Houdini ist im Laufe der Zeit in der amerikanischen Alltagssprache zu einem Synonym für Flüchten geworden («to houdinize»). Sein Mythos als unbesiegbarer Supermann qualifizierte ihn für Generationen von Amerikanern als Idol. Zu Lebzeiten war Houdini der Stolz der jüdischen Gemeinde. In einer Zeit, in der Antisemitismus zum amerikanischen Alltag gehörte, jubelten die Massen dem ungarischen Immigrantenkind, noch dazu Sohn eines Rabbiners, zu. Viele sahen die Tricks des Entfesslungskünstlers als Symbol für die Assimilation in die amerikanische Gesellschaft. Die Ausstellung in San Francisco ist für viele amerikanische Juden die Wiederentdeckung eines verlorenen Sohnes, denn auch wenn Houdini nach wie vor ein Begriff ist, so war sein Judentum weitgehend in Vergessenheit geraten.
Dies gilt natürlich nicht für die Dutzend Teilnehmer, die sich jedes Jahr zu Houdinis Jahrzeit auf den Friedhof in Queens versammeln. «Sein Vermächtnis lebt in uns weiter», erklärt Schindler. «Sowohl als Magier als auch auch als Mensch.» Und somit werden sie sich auch nächstes Jahr, wenn das Medieninteresse abgeflacht ist, wieder versammeln, um Harry Houdini gebührend zu würdigen.



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