Der Hüttenkäse läuft uns nicht davon
Lange Zeit hat sich Verteidigungsminister Ehud Barak sstill verhalten, abgesehen von den Geheimnissen, die er Premier Binyamin Netan¬yahu hinter schützender Hand ins Ohr flüsterte. Jetzt aber hat er die wirkliche Gefahr enthüllt, die Israels Sicherheit bedroht: die Medien natürlich. Die Medien betreiben eine demagogische Einschüchterungskampagne bezüglich unserer Haltung der iranischen Atomgefahr gegenüber.
«Ein Krieg ist kein Picknick», sagte Ehud Barak, «doch in keinem Szenario wird es 50 000, 5000 oder auch nur 500 Tote geben.» Solche Aussagen würden das Volk nur unnötig erschrecken, fügte er hinzu. «Die Geschichte, die besagt, dass der Premier und ich in einem geschlossenen Raum sitzen und die Angriffsvorbereitungen planen sollen, ist unrealistisch», behauptete er. Unrealistisch ist das Ganze sehr wohl.
Ist Ihrem Kolumnisten bisher nie die Idee gekommen, dass Israel Iran attackieren würde? Er ging davon aus, dass die Regierung dies als verantwortungslos oder zu risikoreich betrachte. Mich hat Baraks Ausbruch gegen die Medien und das Volk erschaudern lassen. Im Golfkrieg von 1991 feuerte Irak 39 Scud-Raketen auf Israel an, und eine Person wurde dabei getötet. Eine ganze Nation, versehen mit atomar-biologisch-chemischen Schutzmasken, floh aber zitternd aus dem Zentrum des Landes. In der Sinaikampagne sagte David Ben Gurion, Tel Aviv könnte Bombenangriffen nicht standhalten. Bis nicht 24 französische Flugzeuge der Stadt Deckung verliehen, drohte er, sich aus den Kämpfen herauszuhalten.
Dann gab es die Tage während der «Warteperiode» vor dem Sechstagekrieg, als wir insgeheim während der Nacht auf dem Rothschild-Boulevard Gräber aushoben. Der Krieg endete, wie wir alle wissen, anders, und wir zahlen bis heute den Preis für diesen Sieg. Die derzeitige Panik wird von keinem anderen geschürt als von der Regierung, vor allem mit Hilfe der gezielten Indiskretionen, wonach Iran sich anschicke, Israel auszulöschen.
Bei allem Respekt vor uns selbst sollte es uns nicht überraschen, dass die iranischen Interessen in der Region vielschichtig sind. Vor einiger Zeit warnte Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad die USA beispielsweise davor, dass seine Raketen amerikanisches Territorium erreichen könnten. Iran bedroht Europa, Saudi-Arabien, seine Nachbarn und Russland. Wir sollten uns darüber Sorgen machen, dass wir im 63. Jahr unserer Existenz offenbar das einzige Land ohne permanente Grenzen sind – ein in seinen Stiefeln zitterndes Land –, dessen Bürger im Süden von Terrororganisationen bombardiert werden, die Beersheva und Ashkelon von Gaza aus beschiessen können. Was brauchen sie noch, um auch ohne Atombombe Tel Aviv zu erreichen?
In der Regel gehen Israeli nicht auf die Strasse, um Demonstrationen von der Art zu veranstalten, die Charles de Gaulle gestürzt haben. Ausgenommen die stürmische Kundgebung, die der Kriegsveteran Motti Ashkenazi nach dem Jom-Kippur-Krieg angezettelt hatte und die den Fall der Regierung Golda Meir herbeiführte. Sie trat ab, doch ihre Versicherung, es gebe «kein palästinensisches Volk», schwebt noch immer über uns. Ja, es gab Demonstrationen im Hinblick auf die deutschen Wiedergutmachungszahlungen, den ersten Libanonkrieg und die Übereinkunft mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Und der rechte Flügel wurde um den Preis des Friedens bis zu dem Punkt aktiv, an dem Itzhak Rabin ermordet wurde.
Im Zweiten Libanon-Krieg aber gelang es der Hizbollah, die meisten der Bewohner des israelischen Nordens durch tägliche Bombardements wegzuschrecken, ohne dass sich ein Protest erhoben hätte. Wieder wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, und wieder wunderte sich die Nation über das Ausmass der Verantwortung der eigenen Regierung für den Krieg, über dessen Notwendigkeit die Meinungen immer noch auseinandergehen.
Der grosse Zelt-Protest war ebenso spontan wie überraschend. Auf seinem Höhepunkt brachte er ohne die Unterstützung irgendeiner politischen Partei eine Demonstration von rund 400 000 Menschen auf die Beine. Sein grösster unmittelbarer Erfolg war die Preisreduktion für Hüttenkäse. Zudem veranlasste die Protestbewegung die Regierung, eine Kommission zu bilden, deren Aufgabe es ist, Antworten auf verschiedene Forderungen zu finden, wie etwa die nach mehr Wohnraum.
Die vorherrschende Ansicht ist die, dass der Protest nichts Wesentliches erreichte. Der Grund dafür liegt darin, dass die Demonstrationen Themen wie Diplomatie, Sicherheit oder die Verantwortung der Regierung für das Fehlen eines jeglichen Fortschritts im Friedensprozess unberührt liessen. So gefährdeten sie auch nicht die Existenz der Regierung Bibi-Barak.
Fürs Erste bereitet die schlafende Opposition der Regierung keine Sorgen. Niemand ist sichtbar, der ihre Existenz und ihr fehlerhaftes Funktionieren an den Pranger stellen würde. Die Menschen sind ziemlich gleichgültig und wollen vor allem Ruhe haben. Der Vulkan des Bruderhasses, der durch die sich «Preisetikette» nennende Erfindung aktiv geworden ist, könnte in einen Bürgerkrieg münden.
Die Situation ist gefährlicher denn je, und die Frage, die sich stellt, ist klar: Was muss noch geschehen, damit die gleichen Zehntausenden Demonstranten für ein Friedensabkommen und sichere Grenzen auf die Strasse gehen? Der Hüttenkäse läuft uns nicht davon.
Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».


