logo

Revolutionäre hormonelle Verhütung

Von Katja Behling, November 11, 2011
Vor mehr als einem halben Jahrhundert schrieb Carl Djerassi als Erfinder der Antibabypille Geschichte. Seine Erfindung revolutionierte die Familienplanung und das Frauenbild.
DIE ANTIBABYPILLE Entkoppelung von Sexualität und Schwangerschaft

Nur auf Rezept und nur für verheiratete Frauen, die bereits Kinder hatten und an Monatsbeschwerden litten, war die neuartige Pille ab Anfang Juni 1961 erhältlich. Der Einsatzbereich der Dragees mit den künstlichen Hormonen unter dem Namen Anovlar, der sogenannten Antibabypille, schien klar umrissen. Ein halbes Jahrhundert später hat das Hormonpräparat die Welt verändert und ungekannte Freiheiten eröffnet: Zuverlässige Empfängnisverhütung entkoppelte Sexualität und Schwangerschaft. Heute nehmen rund 100 Millionen Frauen weltweit die Pille.
Als Carl Djerassi in seinem Labor daran arbeitete, das Sexualhormon Norethisteron künstlich herzustellen, konnten weder der junge Chemiker noch seine Mitstreiter Gregory Pincus und John Rock ahnen, wie rasch und wie einschneidend ihre epochale Erfindung die Welt verändern würde. 1951 war es Djerassi als erstem Forscher gelungen, ein nach oraler Einnahme wirksames Gestagen zu synthetisieren – ein Verhütungsmittel in Tablettenform. Wenige Jahre später war das neuartige Präparat auf dem Markt und in den USA bereits 1960 zu haben. Anfangs heftig umstritten, war der Siegeszug der Pille nicht aufzuhalten.



Autor und Kunstfreund

Die Pille verhindert eine Schwangerschaft, indem sie dem Körper der Frau hormonell eine bereits bestehende Schwangerschaft vorgaukelt. Djerassis sensationeller Durchbruch war das Ergebnis eines langen Weges. Forscher in Europa hatten sich bereits Jahrzehnte zuvor um die hormonelle Geburtenkontrolle bemüht: Ludwig Haberlandt hatte 1901 herausgefunden, dass Kaninchen, denen die Eierstöcke trächtiger Artgenossinnen eingepflanzt worden waren, selbst nicht schwanger wurden. Diesen Ansatz verfeinernd, gelang es 1938 Wissenschaftlern der Berliner Schering AG, oral wirksame Sexualhormone zu entwickeln. Der Nationalsozialismus und Zweite Weltkrieg machten den vielversprechenden Forschungen dort ein vorläufiges Ende – bis in die fünfziger Jahre. Djerassi aber musste Europa 1938 verlassen.

Mehr als 1200 Publikationen

Djerassi, Sohn einer aschkenasischen Jüdin und eines bulgarischen Sepharden, floh 1938 mit seiner Mutter vor den Nazis aus Österreich über London nach Amerika. Dort studierte er Chemie. Als Erfinder der Pille schrieb Djerassi Geschichte, er war zudem an der Synthese von Cortison und an wichtigen Entdeckungen auf dem Gebiet der Schädlingsbekämpfung beteiligt. Sein wissenschaftliches Oeuvre umfasst über1200 Publikationen. Zugleich gelang dem emeritierten Professor der Stanford University in den vergangenen 20 Jahren eine Karriere als Schriftsteller. Das literarische Werk des heute 87-Jährigen beinhaltet Romane und dramatische Stücke, in denen es etwa um jüdische Identität sowie Probleme der Wissenschaft geht. Zudem ist der vielfach ausgezeichnete Gelehrte ein bedeutender Förderer und Sammler von Kunst. Djerassi besitzt eine Kollektion von Paul-Klee-Bildern. Die Hälfte der rund 160 Werke hat er 2008 der Wiener Albertina überantwortet. Der zweite Teil ging an das San Francisco Museum of Modern Art. Damit verband Djerassi zwei ihm wichtige Orte: Seine Geburtsstadt sowie San Francisco, die Stadt, die ihm nach der Emigration Zuflucht und eine neue Heimat bot – und wo seine Weltkarriere als «Erfinder der Pille» begann.



» zurück zur Auswahl