logo
11. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 45 Ausgabe: Nr. 45 » November 11, 2011

Nuklear verseucht

Ari Shavit zur Lage in Israel, November 11, 2011

Die strategische Entscheidung Israels bezüglich Iran ist die Entscheidung unserer Generation. Seit in Israel beschlossen wurde, den
Reaktor von Dimona zu bauen, stand der Staat nicht mehr vor einer derart wichtigen und schwierigen Entscheidung.



Wenn Israel vorzeitig gegen Iran aktiv wird, könnte das dramatische Folgen haben. Ein ewig sich hinziehender Krieg mit Teheran, ein
unmittelbarer Krieg mit Hamas und Hizbollah, Zehntausende von Raketen auf Dutzende von israelischen Städten.

Sollte man in Israel zu lange zögern, bevor man in Iran aktiv würde, könnten die Wirkungen für unser Überleben kritisch werden. Eine Atombombe in den Händen fanatischer Muslime könnte unser Leben von Grund auf verändern und unsere Lebenserwartung verkürzen.

Die Iran-Entscheidung muss also mit reinem Gewissen und einem klaren Kopf gefällt werden. Sie darf nicht mit persönlichen Interessen, Hintergedanken oder sich erhitzenden Emotionen vermischt werden. Die Regierung muss den Entscheid, der Israels Schicksal wesentlich beeinflussen kann, aufgrund von einer profunden Debatte, einem organisierten Prozess und einer gesicherten Region fällen.

Schauen Sie sich um: Die Debatte ist nicht profund, das Prozedere nicht organisiert, die Region nicht gesichert. Gefährliche radioaktive Substanzen breiten sich gefährlich in der öffentlichen Arena aus.

Einerseits sind weder der Premier- noch der Verteidigungsminister ehrlich mit der Nation. Andererseits benutzt eine ganze Reihe hochrangiger Offizieller des Verteidigungsministeriums eine ganze Reihe qualifizierte Medienleute, um dem Premier und dem Verteidigungsminister ihre Meinungen einzubläuen. Gleichzeitig werden öffentliche Berichte, voreilige Berichte und übertriebene Berichte an prominenter Stelle veröffentlicht. Ebenfalls gleichzeitig werden simplizistische und einseitige Warnungen geäussert. Zum Thema gibt es keine umfassende Debatte, und seine immense Komplexität wird nicht erkannt. Die nationale Sicherheit hat erheblichen Schaden erlitten. Die nationale Strategie ist sabotiert worden. Israel ist in ein chaotisches Meer von Spekulationen geworfen worden. Eine nukleare Verseuchung zieht durch das Land.

Die Minister Dan Meridor und Benny Begin, zwei intelligente, ehrliche Männer, widersetzen sich einer unmittelbaren Attacke gegen Iran. Beide sind der Ansicht, dass das, was sich in jüngster Zeit in Israel zugetragen hat, äusserst gravierend ist. Keiner der beiden erinnert sich daran, dass in Israel je in einer ähnlich heiklen Situation ähnlich rücksichtslos gehandelt worden wäre. Würden die Normen der letzten Wochen jenen der achtziger Jahre entsprechen, hätte Saddam Hussein über eine Atombombe verfügt. Würden die Normen der letzten Wochen jenen der sechzigerer Jahre entsprechen, gäbe es heute kein Dimona.

Ein Staat kann nicht mit Rücksichtslosigkeit geleitet und geführt werden. Ein Staat lässt sich nicht oberflächlich verteidigen. Wenn Israel leben und überleben will, darf es das Recht der Öffentlichkeit auf Information nicht mit dem der Iraner auf Information verwechseln. Die Entscheidung der Generation kann nicht auf die Art getroffen werden, wie die Generation Entscheidungen gerne zu fällen pflegt – indem nämlich Textnachrichten an «survivor» gemailt werden.

Die öffentliche Debatte zum Thema Iran muss anders geführt werden. Seit rund zehn Jahren wissen wir, dass wir in der iranischen Schlusslinie liegen. Immer wieder ist diese Linie hinausgeschoben worden, doch dieser «Redaktionsschluss» ist reell und steht unmittelbar bevor. Ohne ein Wunder werden wir an eine Kreuzung gelangen.

Stehen wir erst einmal an dieser Kreuzung, haben wir zwei Optionen – Verhinderung oder Abschreckung. Wir können eine militärische
Offensive lancieren oder aus der nuklearen Zweideutigkeit heraustreten. Wie dem auch sei: Im Nahen Osten wird ein umfassendes Chaos ausbrechen. Das Chaos wird auch in Israel ausbrechen. Die Vergangenheit wird es nicht mehr geben, und eine neue Ära wird anbrechen.

Die Debatte, die wir deshalb jetzt führen müssen, dreht sich nicht um die Frage, ob wir Bomber losschicken, bevor der ganze Himmel voller Wolken hängt. Die Debatte muss sich vielmehr darum drehen, ob die israelische Regierung einen diplomatischen «eisernen Dom» («iron dome» wird das israelische Raketenabwehrsystem genannt) über das Land ausgebreitet hat, um es in der Stunde der Wahrheit zu beschützen. Hat sie den Konflikt gemässigt, die Besatzung reduziert und die Grenzen stabilisiert? Hat sie die Herzen der Welt gewonnen? Hat sie das Volk geeint? Hat sie die Heimfront vorbereitet? Ist Israel auf eine Herausforderung vorbereitet, wie sie sie seit 1948 nicht mehr erlebt hat?

Premierminister Binyamin Netanyahu und Verteidigungsminister Ehud Barak sind keine Zwillinge, die in geschlossenen Räumen mit den Säbeln rasseln. Vielleicht irren sie sich, aber sie führen die Kampagne gegen Iran seriös.

Die eigentliche Frage, die wir den beiden stellen müssen, handelt nicht davon, ob sie sich beeilen, eine neue strategische Situation in Israel zu schaffen. Die Frage geht dahin, ob sie Israel richtig auf die neue strategische Realität vorbereiten. Darüber können und sollen wir sprechen. Diese entscheidende Angelegenheit muss unverzüglich an die Hand genommen werden.  


Ari Shavit ist politischer Kommentator bei «Haaretz».



» zurück zur Auswahl