Identität und Pluralismus
Der Vorstand des Bundes Schweizerischer Jüdischer Frauenorganisationen (BSJF) hatte das Thema Identität beschlossen, bevor bekannt wurde, dass sich auch der Jom-Ijun-Lerntag am 20. November damit befassen wird. Identität liege im Trend, sagte BSJF-Präsidentin Yvette Mottier, die sich schon lange damit und vor allem mit dem Philosophen Moses Mendelssohn und der Haskala, der jüdischen Aufklärung, des 18. Jahrhunderts, beschäftigt. Im Wort Haskala stecke «sechel», der Verstand, und Emanzipation bedeute Befreiung, erklärte die Präsidentin in ihrer sprachlich wie inhaltlich hochstehenden Einleitung. Mendelssohn sei es gelungen, sagte sie, sich in die nicht jüdische Umwelt zu integrieren und gleichzeitig seine jüdische Identität zu
bewahren.
Spannende Referate
Annette Brunschwig zeichnete ein spannendes Bild der Einbürgerungen von Juden in den Städten Zürich, Basel und Biel. Am anständigsten verhielt sich das «rote Biel», obwohl auch dort 20-mal mehr Deutsche als Juden (meist aus dem Elsass) das Bürgerrecht erhielten. Anschaulich beschrieb die Autorin von Werken über die jüdische Geschichte in Biel und im Kanton Zürich die Schwierigkeiten, mit denen Juden konfrontiert wurden. Wichtigstes Kriterium war die wirtschaftliche Situation. Anonyme Anschuldigungen und skurrile Kritik («spricht Wiener Dialekt») konnten Hinderungsgründe sein. In einer lebhaften Diskussion steuerten viele anwesende Frauen eigene Einbürgerungserlebnisse bei.
Nach dem Mittagessen sprach Jacques Picard von der Universität Basel über «Die Welt im Plural – Jüdische Identitäten in der Moderne». Er unterstrich, dass der BSJF seit 1924 immer wieder Themen aufgreife, die sich mit den Sorgen und den Perspek-tiven der jüdischen Welt beschäftigen.
Picard berichtete über die Unterschiede zwischen der Antike, die durchaus den Pluralismus der Religionen kannte, und der Neuzeit, die in Europa durch die Dominanz der christlichen Mehrheit über die jüdische Minderheit geprägt ist. In den USA dagegen, so der Referent, gibt es ein weit grösseres Spektrum, auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung. In diesem Zusammenhang lobte er E. L. Doctorows Buch «City of God». In den USA sei das Gemeindezentrum die Begegnungsstätte der jüdischen Gemeinden. Die Welt im Plural kenne auch den Plural in der Welt. Picard empfahl stetes Lesen und Lernen, um zu einer selbstbewussten jüdischen Identität inmitten des Pluralismus zu gelangen.
Anregungen für weitere Tagungen
Nach dem anschliessenden Podiumsgespräch mit den beiden Referierenden und BSJF-Präsidentin Yvette Mottier, moderiert von der Journalistin Gisela Blau, gab es erneut kluge Fragen aus dem Publikum und einen gehaltvollen Gedankenaustausch, der durchaus neue Themen für weitere Lerntagungen anregen konnte.


