Strahlkraft einer vergangenen Idylle
Vor 1300 Jahren begann ein Abschnitt der europäischen Geschichte, der in der Retrospektive golden schimmert. Im April 711 n. d. Z. landete der arabische Heerführer Tariq ibn Ziyad nach seinem Feldzug durch Nordafrika in Gibraltar, wenige Wochen später besiegte er das Heer der Westgoten und eroberte in den folgenden sieben Jahren die iberische Halbinsel. Damit wurde der südwestliche Teil Europas Teil des muslimischen Umayyaden-Reichs. Mit der Ausrufung des Kalifats von Còrdoba 929 schliesslich setzte das sogenannte «goldene Zeitalter» von Al-Andalus ein – golden vor allem für muslimische Autoren. Còrdoba entwickelte sich zu einem der bedeutendsten intellektuellen Zentren der damaligen islamischen Welt und zur weitaus grössten Stadt Europas, seine Bibliothek soll mehr Bücher umfasst haben als alle anderen in Westeuropa zusammen, und über das muslimische Còrdoba kam erst ins Abendland, was heute als Wiege der westlichen Geisteskultur verstanden wird: die Schriften der alten Griechen.
Als die Gebiete des Byzantinischen Reiches unter islamische Herrschaft gerieten, traf der islamische Monotheismus auf das Erbe der griechischen Philosophie. Die Werke von Aristoteles und anderen wurden im 9. Jahrhundert im Kalifat von Bagdad ins Arabische übersetzt, welches sich zu einer internationalen Kultursprache entwickelte. Während im Westen die Erinnerung an die Griechen endete, lebte ihr Denken in arabischen Übersetzungen weiter, und die intellektuelle Konfrontation zwischen reflexivem Denken und religiöser Orthodoxie wurde konsequent erstmals im Islam ausgetragen – auch im mittelalterlichen Spanien. Dort, in der multikulturellen Atmosphäre von Al-Andalus, wurden zahlreiche philosophische und wissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und verbreiteten sich somit im den Mauren kulturell weit unterlegenen übrigen Europa.
Anachronistische Projektion
Das ist der Mythos von Al-Andalus, der aus der Perspektive des an interreligiösen Zusammenstössen nicht armen 21. Jahrhunderts umso heller strahlt. Die politische Struktur und intellektuelle Reife im maurischen Spanien ermöglichte es auch Juden, anders als im Europa nördlich der Pyrenäen ihre Identität zu bewahren, und sie nahmen teil am öffentlichen Dienst, in der Verwaltung, in Schulen, im Gericht. Diese Haltung gegenüber den unterworfenen religiösen Minderheiten basierte auch auf dem Koran, der Muslimen vorschrieb, die Mitglieder der monotheistischen Religionen zu respektieren. Einer der herausragendsten jüdischen Personen des Mittelalters, der Arzt, gelehrte Rabbiner und Philosoph Maimonides, wurde in Còrdoba geboren und sog dieses Klima in seiner Jugend auf. Später schrieb er den epochalen «Führer der Unschlüssigen», eine der zentralen Schriften der religionsphilosophischen Debatten im Mittelalter. Maimonides, der gläubige Philosoph, suchte in diesem Werk die Unvereinbarkeit der göttlichen Offenbarung, der Thora, mit der aristotelischen Logik und Metaphysik zu überwinden. Auf muslimischer Seite verfasste Ibn Rushd, in Europa bekannt als Averroes, zu den meisten Werken von Aristoteles Kommentare und legte damit ein Fundament für vernunftbasierende Religionskritik im Islam. Wie Maimonides stammt auch Averroes aus Còrdoba und sogar aus derselben Epoche: Ihre Geburtsjahre liegen nur knapp zehn Jahre auseinander. Und sie schrieben in der gemeinsamen Sprache: der Kultursprache Arabisch. Der Jude Maimonides und der Muslim Averroes: zwei religiöse Denker mit derselben Herkunft, derselben Sprache, denselben intellektuellen Debatten. Wo immer man sich heute ein enges geistiges Milieu zwischen Judentum und Islam herbeisehnt, treten Maimonides und Averroes als Beispiel einer Zeit hervor, in der sich die beiden Religionen gegenseitig befruchtet und theologisch wie philosophisch herausgefordert haben. Dieses idyllische Nebeneinander, das die religiöse Toleranz von Al-Andalus verdichtend wiedergeben soll, ist jedoch eher Zeugnis einer anachronistischen Projektion denn historisches Faktum. «Mittelalterliche Theologie und Philosophie ist für Juden wie Muslime in einem gemeinsamen kulturellen Milieu geschaffen worden», sagt Sarah Stroumsa, Rektorin der Hebrew University in Jerusalem und Expertin für mittelalterliche judäo-arabische Literatur, Theologie und Philosophie. «Natürlich verfügten beide Religionen über ihre eigenen kanonischen Texte, aber das Fundament einer systematischen jüdischen Theologie wurde in jener Periode gelegt – und zwar in arabischer Sprache und in einem muslimischen Umfeld.» Al-Andalus war eine «formative» Periode hierfür, allerdings könne man, so Stroumsa, nicht von einer spezifischen Nähe zwischen jüdischer und muslimischer Kultur sprechen. «Der Islam war die dominierende Kultur zu dieser Zeit und Averroes wie Maimondes, aber auch andere jüdische Denker, waren Teil dieser Kultur und verfügten über dieselben kulturellen Ressourcen.»
Man soll dabei nicht vergessen, dass das Judentum wie der Islam trotz gemeinsamer religiöser Quellen, einer gemeinsamen Herkunftsregion und theologischen Überschneidungen sich im Hochmittelalter bereits endgültig als unterschiedliche Religionen herauskristallisiert haben. Die Parallelen zwischen jüdischem und muslimischem Denken gründen also nicht in der religiösen Nähe, sondern vielmehr im politischen und intellektuellen Klima von Al-Andalus. Maimonides wie Averroes waren Nutzniesser dieser Umgebung – und gerieten schliesslich unter die Räder einer erstarkten Orthodoxie. Mitte des 12. Jahrhunderts, nach der Invasion der iberischen Halbinsel durch die nordafrikanischen Almohaden, die einen rigiden Islam vertraten, endete die mythische Idylle. Maimonides’ Familie stand vor der Wahl zwischen Übertritt zum Islam oder Auswanderung und entschied sich für letztes, Averroes wurde 1195 von der islamischen Orthodoxie verbannt und seine Werke verboten.
Kein Zeitalter der Aufklärung
Was vom «goldenen» Al-Andalus übrig blieb sind nicht nur Bauwerke wie die Alhambra oder die grosse Moschee in Toledo, sondern auch ein bedeutender Beitrag an die abendländische Geistesgeschichte, der die christliche Scholastik und daraus die neuzeitliche Philosophie fundierte. Als Sehnsuchtsbild für gelebte religiöse Toleranz tauge das maurische Zeitalter jedoch nur bedingt, sagt Stroumsa. «Ein Zeitalter der Aufklärung war es mit Sicherheit nicht, Gewaltakte gegen bestimmte Religionsgruppen sind verbürgt, und die Juden genossen zu keiner Zeit dieselben Rechte wie Muslime.» Aber kulturell und intellektuell war es für die Juden des europäischen Mittelalters «ein einzigartiges Zeitalter», wie Stroumsa betont. Doch Modelle für interreligiöse und interkulturelle Beziehungen, wie sie in der Gegenwart gesucht werden, lassen sich nicht in einem verklärten Mittelalter finden – erst recht nicht in einer Periode, deren goldener Glanz je nach Perspektive unterschiedlich lokalisiert wird. Für Muslime strahlt die Überlegenheit der maurischen Kultur über das restliche Europa stärker als alles andere, für Juden hingegen macht die relative Toleranz in der Phase des Kalifats von Còrdoba den Unterschied. Und für die Geschichte des christlichen Spaniens beginnt die goldene Ära noch später – mit der «Reconquista», der christlichen Rückeroberung der Halbinsel, die erst mit der Eroberung des Emirats von Granada 1492 endete und die Vertreibung von Juden und Muslimen aus dem vergangenen Al-Andalus bedeutete. Erst das gewaltsame Ende machte den Weg frei für den Mythos. ●
Andreas Schneitter ist Journalist und lebt in Basel.


