Idealisierte Koexistenz
1948 führte der in Brasilien geborene spanische Historiker Américo Castro den Begriff der «Convivencia» ein, um die Koexistenz von christlichen, muslimischen und jüdischen Gemeinden im mittelalterlichen Spanien zu beschrieben. Castros viel umstrittene These war, dass sich während des Mittelalters eine nationale spanische Identität nur unter dem Einfluss einer ganzen Anzahl entscheidender äusserer Einflüsse entwickeln konnte. Die wichtigsten waren die islamische Herrschaft in einem grossen Teil Spaniens, welche im frühen 8. Jahrhundert eingesetzt hatte, nachdem die Westgoten durch Berberkrieger besiegt worden waren; die Wechselwirkung zwischen Juden und Christen während der christlichen «Reconquista», welche ihren Höhepunkt am Ende des 11. Jahrhunderts erreichte und der islamischen Herrschaft ein stufenweises, aber definitives Ende bescherte; und die letztendliche Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel am Ende des 15. Jahrhunderts.
Die Auffassung der «Convivencia», wie sie später von Wissenschaftlern übernommen wurde, schliesst oft die Voraussetzung mit ein, dass Wechselwirkung und Austausch auf kultureller Ebene von verschiedenen ethnischen oder religiösen Gruppen profitieren, die nahe beieinander leben. Einer der Gründe, weshalb der Begriff der mittelalterlichen spanischen «Convivencia» so populär geworden ist, besteht zweifellos in der Tatsache, dass sie die Möglichkeit der friedlichen Koexistenz von Juden und Arabern idealisiert – ein Thema, das noch in unseren Tagen sehr wesentlich ist. Natürlich war die tatsächliche Situation alles andere als romantisch; historisch, politisch, religiös und gesellschaftlich war sie viel komplexer, oft war sie schlicht von Gewalt gezeichnet. Aber es ist gleichzeitig unbestritten, dass das mittelalterliche Spanien ein einzigartiger Boden für die fruchtbare Koexistenz religiöser Gemeinschaften war, welche während vieler anderer Perioden ihrer gemeinsamen Geschichte erbitterte Feinde waren.
Dieser Artikel beschränkt sich auf die islamische Periode im mittelalterlichen Spanien. In der Zeit zwischen der Blüte des abbasidischen Kalifats im 9. und dem Aufstieg der Christen im Laufe des 11. Jahrhunderts gelang es dort lebenden Juden, zu Positionen von beträchtlicher Macht aufzusteigen. In vielen Fällen unterhielten sie sehr nahe persönliche, geschäftliche, politische und intellektuelle Beziehungen zu den Führern der Staaten, denen sie dienten. Es ist dabei wichtig, sich klar zu machen, dass die jüdische Bevölkerung des wichtigsten kulturellen Zentrums von Spanien, nämlich Andalusien, weniger als ein halbes Prozent der ganzen Einwohnerschaft ausmachte. Nichtsdestoweniger sind Städte wie Córdoba, Saragossa und Lucena Zeugen eines goldenen Zeitalters von grossem wirtschaftlichem und intellektuellem Reichtum.
Höfischer Lebensstil
An sich untersagte das islamische Gesetz die Idee, dass Mitglieder anderer religiöser Gruppen öffentliche Machtpositionen einnehmen könnten. Juden und Christen wurden zwar als geschützte Völker oder sogenannte Dhimmis betrachtet, was ihnen einen speziellen Status verlieh und ihre Gegenwart in den islamischen Staaten absicherte. Dennoch waren sie dem islamischen Gesetz unterstellt. Die islamischen Herrscher hingegen beschäftigten sich lieber mit den Angelegenheiten des internationalen Handels und der Industrie als mit der Verwaltung ihres Staates, und so war es den Dhimmis bald erlaubt, Positionen von einiger oder sogar beträchtlicher administrativer Macht zu übernehmen. Diese milde Haltung gegenüber den Juden war jedoch nicht von reiner Toleranz geprägt. Sie erlaubte den Herrschern ebenso, internationale Entwicklungen innerhalb der jüdischen Gruppe zu überwachen, jüdische Gelder anzuziehen und internationale jüdische Netzwerke für ihre kommerziellen Absichten zu benützen. Daneben betrachteten aber viele Muslime eine administrative Karriere auch als zu unsicher oder sogar eines strenggläubigen Muslims unwürdig.
Im Laufe des 11. Jahrhunderts wurde die Stellung der Juden an den verschiedenen islamischen Höfen stärker und stärker; Händler und Finanziers wie auch Leibärzte und Intellektuelle erhielten zusehends mehr Macht. Eines der besten Beispiele ist vielleicht Schmuel ha-Nagid (993–1056), ein religiöser Führer und Wissenschaftler, der 1038 zum Grosswesir des Berber-Königreichs von Granada ernannt wurde und dieses Amt bis zu seinem Tod innehatte. Seine wichtigste Aufgabe als Grosswesir bestand in der Leitung der Armee Granadas. 1038 gewann er seine erste grosse Schlacht gegen die Armee von Zamora. Die Juden Granadas gedachten dieses speziellen Ereignisses mit einem speziellen Purimfest. Weitere Schlachten zwangen ihn, während der meisten seiner verbleibenden Jahre in Andalusien unterwegs zu sein, und seine späteren Siege wurden ebenso als nationale jüdische Siege gefeiert. Seinen Erfahrungen gab er in höchst originellen Kriegsgedichten Ausdruck, ein einzigartiges Phänomen in der jüdischen Literatur.
Das Leben der Juden an den islamischen Höfen unterschied sich nicht von jenem ihrer Vorgesetzten. Sie erfreuten sich am höfischen Lebensstil, in welchem Poesie, Bankette, Wein, Liebe und Wissenschaft die zentralen Beschäftigungen waren. Es wurde sogar die Auffassung laut, dass einer der Gründe für die Duldung der Juden bei Hof überhaupt nur darin bestand, dass sie längst nicht so religiös gewesen seien wie wir heute gerne glauben. Künste und Wissenschaften wurden bei Hof als äusserst wichtig angeschaut und nicht etwa lediglich als vornehme Beschäftigung. Dies allerdings auch, weil die Anhäufung von Wissen direkt mit der politischen Macht in Zusammenhang stand. Ein altes arabisches Sprichwort betont: «Schreiben, studieren und das Lesen von traditionellen Büchern ist die Grundlage grosser Frömmigkeit, aber auch politischen Ehrgeizes.» Und der bereits erwähnte Schmuel ha-Nagid behauptete: «Der Intellekt eines Mannes liegt in der Spitze seiner Feder.» Im Folgenden verglich er diese Feder dann mit einem Zepter.
Islamischer Einfluss
Die Integration der Juden in die islamische Gesellschaft ging mit der Beherrschung der arabischen Sprache als damalige Mundart einher. Die meisten der gelehrten Werke, die in Andalusien von Juden verfasst wurden, waren in Arabisch geschrieben, jedoch in hebräischen Schriftzeichen, und sie beruhten auf der zeitgemässen arabischen wissenschaftlichen Forschung. Der wichtigste spanisch-jüdische Wissenschaftler des Mittelalters war Moses Maimonides (1138–1204). Er schrieb die meisten seiner Werke in Arabisch (einschliesslich seines philosophischen Meisterwerks «Führer der Unschlüssigen»). Auch die medizinischen Arbeiten des Hippokrates wurden in dieser Zeit vom Arabischen ins Hebräische übersetzt. Gleichermassen waren es arabische Quellen, durch die jüdische Astronomen auf den berühmten alexandrinischen Kollegen des zweiten Jahrhunderts Ptolemäus und sein bedeutendes Werk «Almagest» aufmerksam wurden. Das Buch kann als Zusammenfassung des antiken Wissens über das Universum betrachtet werden und ist in einer ganzen Anzahl hebräischer Fassungen erhältlich. Es sollte in der gesamten westlichen Welt bis zum Zeitalter des Galileo und Kopernikus seinen Einfluss behalten. Wenn auch eher unabsichtlich wurden so die jüdischen Astronomen Andalusiens zu einem wesentlichen Element der Weitergabe von Ptolemäus’ Erkenntnissen. Die hebräischen Übersetzungen seines Werks wurden ins Lateinische übertragen und erreichten dadurch die christliche Welt des ausgehenden Mittelalters und der frühen Renaissance. Dies trifft ebenfalls auf klassische griechische und arabische Werke der Medizin und Philosophie zu.
Der islamische Einfluss ist auch in der Dekoration hebräischer Manuskripte klar zu erkennen, die häufig von islamischer Kunst inspiriert wurde, genauso wie in der Entwicklung der hebräischen Schrift, die stellenweise einen auffallend arabischen Charakter hat, und in der Innen- und Aussenarchitektur von Synagogen. Die Kunstform jedoch, in der die «Convivencia» in überzeugendster Weise zum Ausdruck kommt, ist die hebräische Poesie. In der islamischen Tradition wurde reines Arabisch dazu benützt, Poesie in strikten rhythmischen Schemen und Versmassen zu schreiben, basierend auf einer festen Reihenfolge von langen und kurzen Silben und mit manchmal zutiefst religiösem Inhalt, oft aber auch zu sehr weltlichen Themen wie etwa hetero- und homosexuelle Liebe, Wein und die Freude am Kampf. Unter dem Einfluss zeitgenössischer arabischer Poesie verfassten Juden einen beeindruckenden poetischen Fundus, in dem ein mehr oder weniger «reiner» Typ biblisches Hebräisch in Kombination mit den traditionellen arabischen Reimschemen und Versmassen angewandt wurde, um ähnlich unterschiedliche Inhalte zu schildern. Viele der wichtigen Poeten waren auch wohlbekannte Grammatiker, die einen Teil ihres beruflichen Lebens darauf verwandt hatten, das biblische Hebräisch zu studieren, das sie für ihre Poesie gebrauchten. Nebst Schmuel ha-Nagid waren die bekanntesten von ihnen Salomo ibn Gabirol (1021–1058), Moses Ibn Esra (1055–ca. 1138) und der vielleicht bedeutendste von allen, Jehuda Halevi von Tudela (vor 1075–1140). Die Gedichte Halevis wurden von Franz Rosenzweig 1924 zwar nicht übersetzt, aber in einem Versuch, die Sprache und den Stil des hebräischen Originals zu imitieren, verdeutscht. Rosenzweigs Wiedergabe des Anfangs von Halevis «Jah Schimcha Aromemecha» («Gott, ich werde deinen Namen erhöhen») liest sich wie folgt:
Ja Herr Dich
dich rühme ich;
dein Recht, durch mich
leucht’ es weit.
Horch, ein Ton –
gehorch ich schon,
Frage schmilzt
und Widerstreit.
Und glich’ es dem
nicht, wie wenn Lehm
den Töpfer: «Was
Tust du!» zeiht?
Des ich verlang,
den ich empfang
zu Turm und Wehr
und Sicherheit:
All-um glühnd,
Geleucht aussprühnd,
schleierlos,
verhangbefreit –
Dass gelobt,
Oh dass umkränzt,
Oh dass gerühmt
er, und geweiht. ●
Emile Schrijver ist Judaist, Buchwissenschaftler und Kurator der Bibliotheca Rosenthaliana, Special Collections, an der Universiteit van Amsterdam. Er ist Spezialist für hebräische Handschriften und Buchdrucke.


