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November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 4, 2011

Die Beziehung der Juden zu Christen und Muslimen

Von Oberrabbiner Mordechai Piron, November 4, 2011
Die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen waren zu früheren Zeiten weitaus besser als zur gleichen Zeit die Beziehungen der Juden zu ihren christlichen Mitmenschen.
FRIEDLICHE KOEXISTENZ WAR EINST MÖGLICH Juden und Muslime lebten nicht immer mit so extremen Spannungen wie heute

Sowohl Juden als auch Christen, Buddhisten und Zoroastren waren zu Zeiten der islamischen Expansion Untertanen der niedrigsten Klasse des Islam. Das «Umar-Abkommen», auch «Umar-Vertrag» genannt, gewährte ihnen zwar freie Ausübung der Gesetze und Vorschriften ihrer Religion (schon Mohammed betonte: «Es gibt keinerlei Zwang in der Religion»). Das Abkommen beabsichtigte aber auf klare und drastische Weise, durch verschiedene Gesetze und Anordnungen im Rahmen des täglichen Lebens, die Juden sowie alle Andersgläubigen zu beschämen und aufs Tiefste zu erniedrigen.
Zum einen mussten alle Juden eine Kopfsteuer bezahlen. Und um sie von allen anderen «wahren Gläubigen» zu unterscheiden und abzusondern, musste ihre Bekleidung von besonderer Farbe sein: sie hatte gelb zu sein, jene der Christen blau. Die Andersgläubigen mussten auch besondere, spitze Hüte tragen. Den Juden war es verboten, irgendein öffentliches Amt einzunehmen. Sie durften nicht auf Pferden reiten, nur Maulesel benützen. Es war ihnen verboten, den Koran zu studieren, die arabische Sprache zu lernen oder arabische Schriftzeichen zu benützen. Es war ihnen auch verboten, neue Gebetshäuser zu errichten. Dies sind nur einige der wichtigsten Gesetze, mit denen die bereits erwähnte Absicht der Erniedrigung und der absoluten Absonderung aller «Ungläubigen» klar zum Ausdruck kommt.
So lauteten also, in der Theorie, die Gesetze. Aber es ist eine historisch bewiesene und sehr merkwürdige Tatsache, dass im praktischen täglichen Leben in der Regel all diese Anordnungen nicht eingehalten wurden; sie wurden scheinbar absichtlich «übersehen», weder gefordert, noch überprüft (allerdings mit Ausnahmen im 12. und 13. Jahrhundert). Gerade einige wütende Proteste über das nicht Einhalten dieser Gesetze seitens einiger radikaler Theologen beweisen die allgemeine Praxis.



Neid und Hass

Ein Vergleich mit der Situation der Juden im christlichen Europa im Mittelalter ist äusserst lehrreich und interessant, wie schon Mark P. Cohen in seinen Untersuchungen (im «Jewish Quarterly») aufzeigte. Das Christentum entstand in einem fortdauernden Kampf gegen die jüdische Theologie. Die präfigurative Exegese der Bibel, das Alte Testament in der christlichen Theologie, erkannte im Judentum einen Verrat gegen die Person des Messias, den Sohn Gottes. Der hartnäckige Kampf um das wahre Verständnis, die göttliche, allein legitime Auslegung der «Heiligen Schrift», erreichte im Laufe der Jahrhunderte unglaubliche Dimensionen. Es folgte im 12. Jahrhundert, in der Folge und als Resultat der Kreuzzüge und der Ausbreitung einer aufkommenden fanatischen Welle in der Religion, eine Dämonisierung des Judentums. Die Juden wurden als «Söhne des Satans» gebrandmarkt. Unter diesen fürchterlichen Umständen entwickelte sich ein Antijudaismus, welcher den Juden in Europa das Leben und die wirtschaftliche Existenz enorm erschwerte, ja fast verunmöglichte.
Die wirtschaftliche Lage spielte auch hier eine äusserst wichtige Rolle in der zunehmend verbitterten Beziehung zwischen Juden und Christen. Die Juden wurden in den verschiedenen Ländern Mittel- und Westeuropas hauptsächlich von der Dynastie der Karolinger unterstützt und nahmen eine wichtige Position als Kaufleute, sogar im internationalen Handel, ein. Aber als im 10. Jahrhundert in den aufblühenden Städten die einheimische Bevölkerung ihre eigenen Kaufleute stellte, wurden die konkurrierenden Juden ein Auslöser für Neid und Hass.

Gleichberechtigte Kaufleute

Die Beziehung zwischen Judentum und Islam entwickelte sich auf gänzlich anderer Basis. Von Beginn an sahen sich die arabischen Stämme über Isaak und Ismael als Nachkommen des Stammesvaters Abraham. Die Muslime seien, so folgerten sie, nach ihrer Zerstreuung während der Jahrhunderte zurückgekehrt, um den wahren und reinen Monotheismus des wahren Propheten Mohammed zu empfangen. Der Islam sah es auch nie als eine theologische Herausforderung an, gegen die Bibel zu kämpfen. Er verstand den Koran als letzte gültige Quelle anstelle der Bibel sowie des Neuen Testaments. Mohammed, im Gegensatz zum christlichen Dogma des Messias, sah sich als Prophet, der gekommen war, den reinen Monotheismus im abrahamischen Sinne zu verkünden, der von den anderen Religionen im Laufe der Zeiten missverstanden wurde.
Auch auf wirtschaftlicher Ebene war die Lage der Juden in den Ländern des Islam zufriedenstellend. Im Gegensatz zum christlichen Europa war der Handel im Islam ein geachtetes Gewerbe und die Juden waren willkommene und absolut gleichberechtigte Kaufleute in allen Gebieten. Auf diese Weise trugen die Juden als im hohen Grade respektierte Kaufleute viel zur wirtschaftlichen Blüte und Prosperität im Reiche des Islam bei.
Der tiefe Hass im christlichen Europa war ein Phänomen der Gegenseitigkeit. Die einheimische Bevölkerung sah in den Juden einen gefährlichen Fremdkörper, das Volk der «Mörder des Herrn». Nicht alle, aber viele massgebenden halachischen Kreise im Judentum sahen in der christlichen Religion im Gegenzug eine Art Götzendienst. Abscheu und Zorn waren das Resultat auf beiden Seiten. Die Einstellung der Juden zum Islam war gänzlich anders. In den arabischen Ländern war die Existenz der Juden in den ersten 600 Jahren verhältnismässig gesichert. Ihr Wohlstand entwickelte sich parallel zur islamischen Bevölkerung. Die Juden erkannten im Islam eine rein monotheistische Religion, der sie Ehre und Verständnis entgegenbrachten. Auch auf intellektueller Ebene erschienen des Öfteren jüdische Gelehrte in Diskussionen mit muslimischen Philosophen und Theologen. So war die Situation in den ersten sechs Jahrhunderten – bis zu den schweren Ausschreitungen gegen die Juden im 12. Jahrhundert. Es fehlten auch vorher nie Angriffe gegen die Juden, aber sie waren im Allgemeinen nicht hasserfüllter und bedrohender Art. Im frühen Islam konnten die Juden friedlich leben und bestehen.
Heute, in unseren Tagen, haben sich unter dem Einfluss dramatischer historischer Ereignisse die Ebenen der Begegnungen zwischen den drei monotheistischen Religionen drastisch verändert und verschoben. Während zwischen Christentum und Judentum ein offener und ehrlicher Dialog einen gesegneten Fortschritt macht, scheinen die Tore für ein Zusammenkommen mit dem Islam hermetisch verschlossen. Aber gerade wenn man in der Geschichte auf die Vergangenheit zurückblickt, sollte dies einen zuversichtlich machen, die Hoffnung nicht aufzugeben.     ●

Mordechai Piron war Oberrabbiner der is­raelischen Streitkräfte und später der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Heute ist er Vorsitzender des Sapir-Center für jüdische Kultur und Erziehung sowie Vorsitzender des Instituts für interreligiöse Beziehungen Israels.



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