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4. November 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 44 Ausgabe: Nr. 44 » November 4, 2011

«KZ-Tourismus» nicht mehr gratis?

Von Toby Axelrod, November 3, 2011
Die «Reichspogromnacht» vom 9. November 1938 steht für den Beginn der Judenvernichtung im ZweiteN Weltkrieg. Dass das Gedenken nicht immer ganz einfach ist, zeigt eine Debatte, die durch einen Beschluss des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen ausgelöst wurde.
GEDENKSTÄTTE SACHSENHAUSEN Die Qualität soll von privat organisierten Führungen auf dem Gelände des ehemaligen KZ garantiert werden

Sollten geführte Besichtigungstouren an Stätten, wo Juden Zwangsarbeit geleistet haben und zu Millionen gestorben sind, unentgeltlich sein? Der kürzliche Beschluss der Direktion des ehemaligen Konzentrationslagers (KZ) Sachsenhausen, eine Gebühr für kommerzielle Reiseleiter zu erheben, löste eine leidenschaftliche Diskussion in allen Kreisen aus.



Gegner und Befürworter

Nach Ansicht von Elan Steinberg, dem Vizepräsidenten der Amerikanischen Vereinigung von Holocaustüberlebenden und deren Nachfahren habe die Entscheidung Holocaustüberlebende «zutiefst beunruhigt und enttäuscht». In einem Brief schrieb Steinberg: «Von Besuchern der Stätte irgendeine Gebühr zu erheben, untergräbt den heute in Deutschland herrschenden Konsens, wonach es für die Öffentlichkeit keine Barrieren geben sollte, über die Bedeutung und Geschichte dieser Orte der Verfolgung zu lernen oder nachzudenken.»
Zahlreiche andere jüdische Persönlichkeiten und Überlebende befürworteten die neuen Gebühren, die, so sagen sie, dazu beitragen würden, dass die geführten Besichtigungen des ehemaligen KZ Sachsenhausen weiterhin historisch präzise blieben. «Überlebende gelangten zum Schluss», meint Sonja Reichert, Generalsekretärin des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, «dass einige der Tourguides entsprechender Firmen nicht ausgebildet waren und die Geschichte der Überlebenden im Grunde genommen nicht kannten.» Das in Paris domizilierte Komitee spielte, wie Reichert hinzufügte, eine
beratende Rolle für den Beschluss von Sachsenhausen, für die Touren Gebühren zu erheben.

Gute Qualität garantieren

Seit dem 1. Juni müssen private Reiseleiter, die das ehemalige KZ-Gelände unweit von Berlin in Ostdeutschland besuchen, eine Ausbildung absolvieren und für etwa 108 Dollar jährlich ein Zertifikat erwerben. Darüber hinaus müssen die Guides nach den Worten von Horst Seferens, dem Sprecher der Erinnerungsstiftung Brandenburg, die auch die Gedenkstätte Sachsenhausen verwaltet, nun rund 1,45 Dollar für jeden Touristen zahlen, den sie an die Stätte bringen. Der bereits im Januar gefällte Beschluss basiere, so Seferens, teilweise auf positiven Rückmeldungen von Überlebendengruppen und jüdischen Persönlichkeiten.
Laut Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, befürworte auch der Rat den Beschluss, wonach private Reiseleiter von jetzt an auszubilden seien. Der Zentralrat sitzt ebenfalls in dem für den Entscheid zuständigen Beirat. «Einige Aussenstehende», sagte Kramer, «kommerzialisieren die Besichtigungen, ohne effektiv qualitative Ausbildung zu liefern, weshalb wir die Gebühr erheben müssen.»
Mit Hilfe der Gebühren soll laut Seferens die Qualität der privaten Touren an der Stätte gehoben werden. Zudem sollen Mittel für die Unterstützung der pädagogischen Arbeit der Gedenkstätte mobilisiert werden. Zahlreiche private Guides, die für eine handvoll kommerzieller Firmen in Berlin arbeiten würden, verlangen, so Seferens, von individuellen Touristen erhebliche Gebühren. «Hinsichtlich der Qualität der Touren gibt es Reklamationen», sagt er. «Guides sprechen über Sachsenhausen so, als ob es sich um Auschwitz handeln würde. Auf YouTube gibt es beispielsweise eine Tour zu sehen, dass einem aufgrund der vielen historischen Fehler die Haare zu Berge stehen lässt. Deswegen haben wir beschlossen, das Niveau dieser Besichtigungen dem Niveau unserer eigenen Touren anzupassen.»

Kein neues Thema

Nach wie vor müssen Schulklassen und in Volontärarbeit tätige Guides keine Gebühren entrichten, und auch Einzelpersonen sind, wie Seferens betont, von der Zahlung einer Eintrittsgebühr befreit.
Die Gedenkstätte Sachsenhausen offeriert ihre eigene, nicht kommerziell geführte Tour in deutscher Sprache für bis zu 15 Personen zu einem Preis von rund 20 Dollar. Eine Zusatzgebühr wird für Touren in Fremdsprachen erhoben.
Die Debatte für und gegen die Entrichtung von Gebühren an Stätten dieser Art ist kein neues Thema. 2007 sorgte der Überlebende Pieter Dietz de Loos, Leiter des in Paris ansässigen Internationalen Dachau-Komitees, für einige Aufregung bei Überlebenden und Leitern von Gedenkstätten, als er zur Unterstützung der Bildungsprogramme für die Erhebung einer Gebühr für den Besuch des ehemaligen KZ Dachau eintrat. Der Vorschlag wurde damals aber abgelehnt.

Rund 100 000 Todesopfer

Die Nationalsozialisten hatten das KZ Sachsenhausen 1936 errichtet, zuerst vor allem für politische Gefangene und Kriminelle. Schon bald aber sassen in dem Lager viele andere Arten von Gefangenen. Während der Pogrome im Anschluss an die «Reichskristallnacht» von 1938 wurden rund 6000 festgenommene Juden nach Sachsenhausen gebracht. Insgesamt befanden sich bis 1945 total 200 000 Menschen in dem KZ. Die Hälfte von ihnen starben oder wurden ermordet. Später benutzten die Sowjets die Stätte als Internierungslager.
Alljährlich besuchen rund 400 000 Personen die Gedenkstätte Sachsenhausen. Das Jahresbudget für das KZ und andere Stätten im Bundesstaat Brandenburg, wie etwa die Gedenkstätte Ravensbrück, belief sich bis jetzt laut Seferens auf rund acht Millionen Dollar. Die Mittel werden von der staatlichen Regierung und dem Bund aufgebracht.



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