Die Vergangenheit für die Zukunft gesichert
Wohin wendet man sich, wenn man für ein Projekt – sei es aus privater Motivation oder auf öffentlichem Interesse basierend – auf Bildmaterial des jüdischen Lebens in der Schweiz angewiesen ist? Einzelne Archive haben sich zwar auf dieses Gebiet spezialisiert, aber eine umfassende, zentrale und leicht zugängliche Dokumentationsstelle existierte bis anhin nicht. Das Projekt «Bildarchiv Schweizer Juden» (BASJ) möchte diesen Missstand nun beheben. Anfang November wird das Projekt lanciert, das sowohl inhaltlich als auch formal teilweise terra incognita betritt. Das bei einem so ambitionierten Vorhaben zwar viel brachliegendes Potenzial ausgeschöpft werden kann, aber auch einige Stolpersteine lauern, tritt im Gespräch mit Uriel Gast, Leiter der Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte, und der Historikerin Ildikó Kovács deutlich zutage.
Bedürfnis vorhanden
Von einem genauen Zeitrahmen könne man nicht sprechen, er gehe etwa von zwei Jahren Laufzeit aus, je nach Resonanz, so Gast. Innerhalb dieser Zeitspanne sammelt das Team um Gast und Kovács Bilddokumente des jüdischen Lebens in der Schweiz, scannt diese ein, digitalisiert sie und gibt sie anschliessend in der Originalform dem Donator zurück. Hierfür wird ein Vertrag mit den Donatoren aufgesetzt, der die klaren Umrisse des Vorganges festhält. So ist es möglich, auf die individuellen Wünsche der Spender Rücksicht zu nehmen: Wird beispielsweise gewünscht, dass entsprechende Fotos nicht für Ausstellungszwecke genutzt werden, so kann dies schriftlich vereinbart werden. Gemeinsam mit den Donatoren wird das vorhandene Material gesichtet und in einem selektiven Prozess ausgewertet.
«Uns geht es um die Kontextualisierung der Bilder, das heisst, sie sollten zeitlich und inhaltlich situiert werden können», so Kovács, «andernfalls mache eine Archivierung nicht viel Sinn.»
Eine gewisse Erinnerungskultur wird also vorausgesetzt, damit die Bilder im richtigen Kontext verordnet werden können. Im Ermitteln möglicher Spender und somit dem Aufspüren brauchbaren Fotomaterials liegt eine der Schwierigkeiten. Mittels Flyer und beigelegten Antwortkarten, Präsentationen vor jüdischen Organisationen und Verbänden möchten Gast und Kovács die Leute für ihr Projekt sensibilisieren. Kovács betont aber, dass das «Bedürfnis nach einem strukturierten Archiv in Sachen Bilddokumentation vorhanden» sei, wie Anfragen im Vorfeld des Projektstarts zeigen würden. Der Aufruf wird schweizweit und somit in einer bisher unerreichten Dimension erfolgen.
Ein Sonderprojekt
Nach Sichtung, Auswahlprozess und Digitalisierung werden die entsprechenden Materialien in einer Datenbank verortet und somit sowohl der Öffentlichkeit als auch der wissenschaftlichen Lehre und Forschung zugänglich gemacht. Entweder direkt im Lesesaal des Archivs für Zeitgeschichte der ETH oder eben im Internet. Von einem Sonderprojekt der Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte spricht dessen Leiter, Uriel Gast, wenn er das BASJ erwähnt, das im Vergleich zu vorangegangenen Projekten – wie beispielsweise der Erschliessung des Verbands Jüdische Fürsorge (VSJF-Archiv) – einen völlig anderen Ansatz wählt. Stossrichtung und Zielsetzung sind aber die selben: aktiv dem Vergessen entgegenwirken und somit die Erinnerung an die lebhafte und wechselvolle jüdische Geschichte der Schweiz fördern. Im Vorgehen des Forschungsteams wirkt aber durchaus ein internationaler Geist: durch Kooperationen mit Institutionen wie dem United States Holocaus Memorial Museum oder dem Museum Beit Hatfutsot in Tel Aviv werde eine internationale Vernetzung sichergestellt, so Uriel Gast. Dabei könne in einem aktiven Erfahrungsaustausch eine beidseitige Kooperation garantiert werden.
Die Finanzierung
Spiritus rector und inoffizieller Initiator des Projekts ist Ralph Weingarten, Leiter des Florence-Guggenheim-Archivs Zürich. «Ralph Weingarten hat immer wieder Ausstellungen zur Geschichte der Juden in der Schweiz gemacht und dabei festgestellt, dass gewisse Bilder und Fotos, die er für seine letzte Ausstellung bei Privaten noch vorgefunden hatte, nach einigen Jahren nicht mehr verfügbar waren. So kam er auf die Idee, einen Aufruf zu starten, um noch vorhandenes Bildmaterial zu sichern», erzählt Gast. Im Namen des Florence-Guggenheim-Archivs wandte er sich – unter anderen mittels tachles – an die Öffentlichkeit, um sie von der Dringlichkeit einer umfassenden Bilddatenbank zu überzeugen. «Weingarten musste aber bald einmal feststellen, dass ein solches Projekt seine Ressourcen übersteigen würde, und trug die Idee daraufhin zu uns», so Gast. Uns, das ist die Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte, die ihrerseits eingebettet ist im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich. Mit einer so gearteten Institution im Rücken sind die Projektanten in der Lage, Unterfangen in einer völlig anderen Grössenordnung aufzuziehen. Dies umso mehr, wenn man wie Gast und Kovács um die Unterstützung eines Verbandes wie des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds weiss. Dieser befürwortet das Vorhaben nicht nur ausdrücklich, sondern soll laut Gast beispielsweise über Adressenvermittlungen auch aktiv Beihilfe leisten. Die effektive Finanzierung wiederum garantiert die Stiftung Jüdische Zeitgeschichte, die ebenfalls an der ETH Zürich beheimatet ist.
Gast legt Wert darauf, zu betonen, dass die Einordnung der Fotos in verschiedene thematische Schwerpunkte Priorität geniesst: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Religion sowie Privatleben und Freizeit bilden die verschiedenen Sparten. Dabei sei es auch möglich, zu einem späteren Zeitpunkt des Projekts den Fokus bewusst auf einen oder zwei Bereiche zu legen, so Gast, der das Projekt auch eine «Wundertüte» nennt.


